Sicherheitsbedürfnis Deutschland kauft Schäferhund

Beliefert Polizei, Militär und Therapieeinrichtungen mit Deutschen Schäferhunden: Hans Bodenmeier.

(Foto: Martin Poetter)

Alarmanlagen, Waffen, Pfeffersprays - Deutschland rüstet auf. Seit Silvester steigen die Absatzzahlen für alles, was Sicherheit verspricht. Auch Schäferhunde sind so gefragt wie lange nicht mehr.

Reportage von Laura Hertreiter

Bevor er zur Waffe wird, duckt sich der Schäferhund tief in den Schnee. Die Ohren straff gespitzt, das dunkle Fell bebt, Atemwolken dampfen in die Winterluft. Der dunkle Blick ist auf den Mann im schwarzen Anorak gerichtet, der ein paar Meter entfernt zwischen kahlen Büschen steht, auf einen Schlagstock gestützt, die Mütze bis über die Augenbrauen gezogen. Plötzlich knallt das Kommando des Hundebesitzers wie ein Schuss von der Seite zwischen die beiden.

"Los!"

Der Mann im Anorak, jetzt Beute, weicht zurück, das Tier schnellt nach vorn. Schießt hechelnd durch den Schnee, ein gewaltiger Sprung, Speichelfetzen fliegen, dann graben sich Zähne und Kiefer in den Stoff am Arm des Mannes. Der tritt und zerrt, der Schlagstock zischt durch die Luft, der Hund beißt fester, tobt und zerrt, ein keuchendes Knäuel im aufgewirbelten Schnee. Bis noch einmal ein Kommando durch die Oberpfälzer Winterlandschaft schallt.

"Platz!"

Zähne lösen sich aus Stoff, das Knäuel zerfällt, das Tier weicht zurück, lässt sich schwer atmend in den Schnee sinken und platziert seinen Kopf mit ruhiger Sorgfalt auf die Vorderpfoten.

Sein Opfer legt den Schaumstoff-Schlagstock zur Seite, streift sich die wattierte Schutzmanschette vom Arm und tätschelt den Hunderücken. Training beendet.

Schlagartig umschalten vom Haustier zum Kämpfer

Hundezüchter Hans Bodenmeier, 51, tritt in klobigen Stiefeln zwischen die beiden, mit dem zufriedenen Lächeln eines Regisseurs nach erfolgreicher Premiere. Das, sagt er mit großer Handbewegung, sei das Besondere am Deutschen Schäferhund. "Mit der richtigen Ausbildung kann er schlagartig umschalten vom gutmütigen Haustier zum Kämpfer. Und wieder zurück." Er beugt sich vor und streicht über das braunmelierte Fell. "Gell, Rudi?"

Hundeblick von unten.

Deutschland rüstet auf. Schäferhunde wie Rudi sind momentan gefragt wie lange nicht mehr, mit jedem Tag, an dem aus innen- wie außenpolitischen Gründen das Bedürfnis der Menschen nach Schutz und Sicherheit wächst. Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht wurden Pfefferspray-Vorräte angelegt, die Nachfrage nach Alarmanlagen sowie die Zahl der Anträge auf Waffenscheine schnellten in die Höhe. Und auch mit ausgebildeten Schutzhunden will man ein Gefühl der Sicherheit erkaufen.

Deutschland rüstet auf

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Gleichzeitig kurbeln weltweit Konflikte die Nachfrage an. Wo auch immer Waffen gefragt sind, fordern private und öffentliche Sicherheitsdienste auch Deutsche Schäferhunde an. Zur Minensuche, als Gebäudeschützer, als Verbrecherjäger. Mehrere Dutzend verkauft Bodenmeier jedes Jahr, Tendenz stark steigend. Das liegt am besonderen Gemüt der Rasse: Kämpfernatur und Gelassenheit, Wachsamkeit, Jagd- und Schutztrieb, absoluter Gehorsam, Mut und Kraft. Dieses Gesamtpaket liefert der Züchter an deutsche Behörden, nach Russland, nach Israel, nach Trinidad und Malaysia, "überall dahin, wo es ein großes Sicherheitsbedürfnis gibt".

Wer einen Familienhund will, kauft einen knöchelhohen Fiffi oder Golden Retriever

Momentan hat er etwa 30 Deutsche Schäferhunde auf dem Hof, "die alle für Interessenten auszubilden und zu trainieren ist fast nicht möglich." Auch beim Verband für das Deutsche Hundewesen bestätigt sich der Eindruck. "Niemand führt Buch über die Exportzahlen, aber der Schäferhund behauptet sich gerade wieder spürbar im Ausland", sagt ein Sprecher.

Dabei war dessen Image im vergangenen Jahrzehnt nicht mehr das beste, die Rasse war eher Ladenhüter als Exportschlager. Wer einen Familienhund will, kauft einen knöchelhohen Fiffi für die Stadtwohnung, eine allergikertaugliche Pudelmischung oder Buddy-Hunde wie Labradors oder Golden Retriever. Wer Respekt will, schafft sich breitschultrige Muskelpakete wie den Pitbull an oder den Rottweiler. Die Zahl der jährlich geborenen Welpen bei den Deutschen Schäferhunden hingegen hat sich seit dem Jahr 2000 halbiert, um die 10 000 sind es heute noch.