Shell-Jugendstudie 2015 Soziale Spaltung immer noch ein massives Problem

Für die Shell-Jugendstudie 2015 wurden 2558 Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren zu verschiedenen Lebensbereichen befragt, unter anderem zu ihrem Freizeitverhalten, ihren Beziehungen, ihren politischen und religiösen Werten und Vorstellungen von der eigenen Zukunft. Dabei untersuchen die Forscher auch, wie sich Mädchen von Jungen, Jüngere von Älteren und Jugendliche der Unter-, Mittel- und Oberschicht unterscheiden.

Dass die Schichtzugehörigkeit immer mehr zu einem entscheidenden Merkmal wird, sollte Politik und Gesellschaft beunruhigen (vergleiche auch die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie 2010). So blicken 61 Prozent aller Befragten optimistisch nach vorne, bei den sozial benachteiligten Jugendlichen erwarten nur 33 Prozent Positives von der Zukunft. Das ist kein Wunder, konstatieren die Autoren der Studie. In keinem anderen Land hängt der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft ab. Beruflicher und gesellschaftlicher Erfolg sind aber wiederum stark abhängig vom Bildungsgrad, so dass kurz gesagt werden kann: Ein Aufstieg durch Bildung ist hierzulande sehr schwierig.

Die Jugendlichen wissen das. Und daher fühlen sich die Mitglieder der Unterschicht abgehängt und zeigen in fast allen Lebensbereichen andere Charakteristika als Mittel- und Oberschichtskinder - die damit ihren Vorsprung immer weiter ausbauen können. Das ist bei der Internetnutzung der Fall. Oder beim Freizeitverhalten: Beschäftigungen, die Kompetenzen stärken, wie Lesen oder kreative Selbstbetätigung, sind in den oberen Gesellschaftsschichten deutlich weiter verbreitet.

Weitere Erkenntnisse aus der Jugendstudie 2015 im Überblick

Familie, Bildung, Beruf, Zukunft: Alles!

Wenn sie über ihre berufliche und privat Zukunft nachdenken sollen, finden die Jugendlichen alles wichtig. Eine klare Präferenz für Karriere oder Familie ist selten, fast alle wünschen sich, alles miteinander vereinbaren zu können. 95 Prozent halten einen sicheren Arbeitsplatz für sehr wichtig, 64 Prozent wollen später einmal selbst Kinder.

Politische Ziele: Viele!

Auch auf die Frage nach dem drängendsten politischen Problem bekamen die Jugendforscher keine eindeutige Antwort. Während vor zehn Jahren noch ganz klar der "Arbeitsmarkt" die wichtigste Position einnahm, liegen nun die Bereiche "Kinder und Familie" (55 Prozent), "Bildung, Wissenschaft, Forschung" (46 Prozent) und "Soziale Sicherung, Rente" (42 Prozent) ähnlich weit vorne. Auch Umweltschutz wird bedeutender, 34 Prozent halten ihn für ein wichtiges politisches Thema. Fast die Hälfte aller Jugendlichen bezeichnet sich selbst als politisch interessiert.

Toleranz, Diskriminierung, Patriotismus

Im Vergleich zu früheren Studien werden Jugendliche immer toleranter. Auf die Frage, ob sie bestimmte gesellschaftliche Gruppen als Nachbarn ablehnen würden, antworten immer weniger Befragte mit ja. So haben nur noch zwölf Prozent etwas gegen homosexuelle Paare (2010: 15 Prozent), 20 Prozent fänden eine türkische Familie nebenan nicht so gut (2010: 27 Prozent). Jugendliche aus den ostdeutschen Bundesländern haben im Schnitt größere Vorbehalte als Jugendliche aus westdeutschen.

Trotz der steigenden Toleranz empfinden sich nichtdeutsche Jugendliche und solche mit Migrationshintergrund häufiger als diskriminiert als noch 2010. 44 Prozent von ihnen berichten von diskriminierenden Erfahrungen. Die Autoren der Studie erklären das mit einer gestiegenen Polarisierung beim Thema Zuwanderung.

Stolz auf ihre Heimat sind 62 Prozent der Jugendlichen (70 Prozent bei jungen Leuten ohne Migrationshintergrund, 54 Prozent bei Befragten, von denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde). Allerdings gibt es hier wieder einen deutlichen Unterschied nach Schichtzugehörigkeit und Bildung. Die einen sind der Meinung, man könne nur auf etwas stolz sein, was man selbst geleistet hat. Ihnen ist demnach ihr Herkunftsland eher unwichtig. Sozial schwächer gestellte Jugendliche hingegen sind häufiger der Meinung, dass Stolz auf die Kultur, in die sie hineingeboren wurden, angebracht ist. Ihnen sind "einheimische Standards" und die Zugehörigkeit zu ihren Landsleuten wichtiger.

Der Jugendversteher

Klaus Hurrelmann ist 71 und reist durchs Land, um den Deutschen ihren Nachwuchs zu erklären. Unterwegs mit dem bekanntesten Jugendforscher der Republik - der nie so gefragt war wie jetzt. mehr... jetzt.de