Shakira, Pop-Arbeiterin "Ich bin wie ein Moskito - ich schwitze nie!"

Shakira hatte immer einen schönen Hüftschwung. Heute ist die Sängerin aus Kolumbien sehr blond und ein Weltstar. Eine Begegnung.

Von Interview: Antje Wewer

Köln, Hyatt Hotel. Shakira sitzt in der Ecke des Sofas: appetitlich und hübsch drapiert. Der 1,50 Meter große Popstar trägt irre hohe Stiefeletten, enge Jeans und viel Goldschmuck. Die Sängerin aus Kolumbien wirkt trotz ihrer raubtierhaften Verpackung aber eher kindlich. Ihre Ausstrahlung? Warm, sie stellt sofort körperliche Nähe her, lädt auf das Sofa ein. Sie spricht gut Englisch, aber mit spanischem Akzent - auf ihrem neuen Album "She Wolf", das am Samstag weltweit erscheint, ist das weniger deutlich zu hören. Manchmal sucht die 32-Jährige nach dem richtigen Wort. Wenn sie es nicht findet, antwortet sie mit einem Lachen. Zum Abschied gibt es ein Kompliment (was für ein schöner Schal!) und eine feste Umarmung. Diese Latinas - wickeln selbst Frauen um den Finger.

SZ: Es ist es bald 22 Uhr, Ihre Band feiert schon in der Lobby und Sie müssen noch Interviews geben.

Shakira: Oh, das nervt mich gar nicht. Ich unterhalte mich sehr gerne, bin eine Quasselstrippe. So ein Interview kann ja manchmal auch hilfreich sein, um neue Dinge über sich zu erfahren. Außerdem bin ich ein disziplinierter Mensch. Arbeit geht bei mir immer vor.

SZ: Sie sind, nach Madonna, Barbra Streisand und Céline Dion, die viertreichste Frau im Musikgeschäft. Alles eine Frage von Disziplin und Fleiß?

Shakira: Talent ist nur die Grundvoraussetzung, gleich danach kommt Disziplin. Sie macht sicher 50 Prozent aus, gefolgt von Durchhaltevermögen. Als sich meine erste CD in Kolumbien schlecht verkaufte und meine Plattenfirma Druck machte, bin ich monatelang mit dem Album unter dem Arm durch ganz Lateinamerika getingelt und habe Radiostationen an den obskursten Orten besucht. Es zahlte sich aus, am Ende verkaufte es sich sechs Millionen Mal.

SZ: Haben Sie die Energie von Ihrer kolumbianischen Mutter oder von Ihrem libanesischen Vater mitbekommen?

Shakira: Weder noch. Mein Vater ist sehr talentiert, ein kreativer Mensch, aber er ist nicht sehr diszipliniert.

SZ: War das der Grund, warum er als Juwelier Konkurs anmelden musste?

Shakira: Oh nein, das hatte wirtschaftliche Gründe. Ich war acht damals. Als es passierte, wurde ich zu Verwandten nach Los Angeles geschickt. Bei meiner Rückkehr war unser Haus leer. Die Möbel waren verkauft, unsere Autos, der Fernseher, selbst die Klimaanlage - alles weg. Ich war sauer, habe vor Wut geheult. Mein Vater ist mit mir dann in den Park und hat mir dort die obdachlosen Kinder gezeigt, die Kleber schnüffelten. Sie waren barfuß und hatten zerrissene, stinkende Klamotten an. Danach war ich geläutert. Ich nahm mir vor, schnell erwachsen und berühmt zu werden, um dann Dinge verändern zu können.

SZ: Solche Gedanken haben Sie sich bereits mit acht Jahren gemacht?

Shakira: Ich wusste schon früh, dass ich Spaß an großen Auftritten habe. Meinen ersten Bauchtanz machte ich mit vier Jahren in einem Restaurant. Es wurde arabische Musik gespielt, und bevor mein Vater sich versah, war ich auf den Tisch geklettert und tanzte für die anderen Gäste. Lampenfieber ist mir fremd, je mehr Publikum, desto besser.

SZ: Stimmt denn die Geschichte, dass Sie einem Sony-Manger in einer Hotel-Lobby auflauerten?

Shakira: Eine Freundin hatte das für mich eingefädelt, ich bin dann in das Hotel und habe ihm persönlich eine Kassette mit meinen Songs gegeben. Er mochte sie und ich bekam einen Plattenvertrag. Meine Mutter war damals der Anstoß, sie sagte: "Shaki, willst du wirklich Sängerin werden? Mir scheint, als würdest du nur darüber reden. Ich sehe nicht, dass du es tust. Wenn du wirklich ein Popstar sein willst, dann musst du dich rund um die Uhr damit beschäftigen, 24 Stunden lang, ohne Kompromisse."

SZ: Und was treibt Sie heute an?

Shakira: Singen! Aber ohne Fleiß ist Leidenschaft nicht viel wert. Die Kombination ist für überdurchschnittlichen Erfolg extrem wichtig. Als es darum ging, den amerikanischen Markt zu erobern, musste ich erst mal Englisch lernen.

SZ: Haben Sie das nicht in der Schule gelernt?

Shakira: Dort habe ich nur das Nötigste gelernt. Und zu Hause haben wir nur Spanisch gesprochen, obwohl mein Vater in New York geboren ist. Da ich meine Texte auf Englisch selber schreiben wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir das Handwerkzeug anzueignen. Ich reimte mit dem Wörterbuch, lernte Songzeilen von Leonard Cohen und Gedichte von Walt Whitman auswendig.

SZ: Dabei kamen dann Zeilen wie "Lucky that my breasts are small and humble, so you don't confuse them with mountains" heraus.

Shakira: Hallo? Das ist ein Popsong! Nicht mehr und nicht weniger. "Whenever, Wherever" war ein Hit, weltweit. Vieles klingt auf Englisch allerdings sehr viel platter als auf Spanisch.

SZ: Sie haben nicht nur die Sprache, in der Sie singen, gewechselt, sondern auch Ihre Haarfarbe. All das, um in Amerika Erfolg zu haben?

Shakira: Meine Haare waren schon vor meinem Album "Laundry Service" blond. Ich habe sie nicht für die Amerikaner gefärbt, sondern weil ich mir so besser gefalle. Meine dunklen Haare habe ich als eine Art Gefängnis empfunden.

SZ: Wie waren die Reaktionen?

Shakira: Tja, mein Album war in den USA ein großer Erfolg. Ob das nun an meinen blonden Haaren, an meinem Hüftschwung oder an meiner Stimme lag? Der Mix muss stimmen, wie bei einem guten Cocktail. Meine Familie war jedenfalls entsetzt. Oft wollen gerade die Leute, die dich lieben, dass du dich nicht veränderst. In den Augen meiner Mutter bin ich immer noch 13 Jahre alt. Mein Freund dagegen hat keine Angst vor Veränderung, deswegen hält unsere Beziehung auch schon so lange.

SZ: Sie sind mit Antonio de La Rua, dem Sohn des argentinischen Ex-Präsidenten zusammen. Wie kommt er damit klar, dass Sie ein globaler Popstar sind?

Shakira: Ich nehme mal an gut, sonst wären wir ja nicht neun Jahre zusammen. Antonio hat ein gesundes Selbstwertgefühl. Er ist ein großer Unterstützer, mein Vertrauter, mein Liebhaber.

SZ: Klingt nach Jackpot.

Shakira: Oh ja, ist er für mich.

SZ: Es heißt, Latinas seien sehr besitzergreifend. Und Sie?

Shakira: Ach, das ist eines dieser Latina-Klischees, das natürlich nicht ganz ohne Grund existiert. Südamerikanerinnen sind stolze Frauen, sie akzeptieren, wenn ihr Mann angeflirtet wird, erwarten aber ein klares Bekenntnis von ihm.

SZ: Man nennt Sie und Ihren Freund die Beckhams von Lateinamerika.

Shakira: Ich vermute, weil wir ähnlich oft fotografiert werden. Der Lieblingssport der bunten Blätter ist das Spekulieren darüber, ob-wir-wann-wir-und-wo-wir-heiraten werden. Schon alleine deshalb werden wir es wohl nie tun.

SZ: Haben Sie deshalb Ihren Wohnsitz auf die Bahamas verlegt?

Shakira: Ja, aber auch, weil ich Inseln liebe und das Gefühl, von Wasser umgeben zu sein. Inselbewohner sind, egal wo auf der Welt, meist sehr entspannte Zeitgenossen. Außerdem ähnele ich einem Moskito, ich liebe die karibische Luftfeuchtigkeit und ich schwitze nie.

SZ: Was machen Sie dort denn so?

Shakira: Ich verbringe den Vormittag im Pyjama und schaue Daytime-TV, dann führe ich meine drei Malteser-Hunde aus, bekomme plötzlich Lust, Rosen zu pflanzen und treffe dann doch lieber meinen Freund auf ein Sandwich. Vielleicht spielen wir dann noch Golf, vielleicht aber auch nicht.

SZ: Wohltätig sind Sie auch noch. Sie haben in Kolumbien sechs Schulen gegründet. Da gibt es also die Shakira, die in Armeehosen arme Jugendliche besucht - und die Frau, die im Video zu ihrer neuen Single "She Wolf" leichtbekleidet in einem Käfig rumturnt.

Shakira: Diese Shakira ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Mein Ruhm ermöglicht mir doch erst diesen Einfluss. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Im Laufe meiner Karriere habe ich schon so einiges geschüttelt. Hintern, Hüften, Brüste. Am meisten meine Haare. Aber wissen Sie was? Mir macht das Spaß. Richtig großen Spaß. Und andere Menschen haben Spaß, sich das anzuschauen. Was soll daran verkehrt sein?

SZ: Nichts, außer dass es eine sehr kommerzielle Art von Weiblichkeit bedient.

Shakira: Ihnen ist es zu sexy? Mein Freund fand das auch. Mir gefällt das, sonst hätte ich das Video nicht so gedreht. Meine Weiblichkeit hat sich über die Jahre entwickelt, sie ist offensiver geworden.

SZ: Der Schriftsteller Gabriel García Márquez benutzte nicht das Wort sexy, um Sie zu beschreiben, er schwärmt von Ihrer "unschuldigen Sinnlichkeit".

Shakira: Gefällt mir! Er ist nicht umsonst Kolumbiens bekanntester Poet. Für die Verfilmung seines Buches "Die Liebe in Zeiten der Cholera" habe ich einige Folksongs gesungen. In dem Videoclip von "Hay Amores" trage ich ein züchtiges Kleid. Ich kann also auch anders. . .

SZ: Da wir gerade über Weiblichkeit sprechen: Tickt bei Ihnen eigentlich schon die Uhr?

Shakira: Sie meinen diese biologische Uhr, die sich bestimmt ein Mann ausgedacht hat? Nein. Ich höre sie noch nicht. Die Dreißiger sind doch jetzt die Zwanziger. Natürlich wünsche ich mir Kinder, aber noch will ich mich diszipliniert auf meine Karriere konzentrieren.