Sexualität im Alter "Wer nicht mehr so schnell vögeln kann, spürt mehr"

Weniger Leistungsdruck, mehr Spaß: Wie ältere Menschen Sex im Alter genießen können, erklärt das: Aufklärungsbuch "Make more Love".

(Foto: Ruth Erdt; Ruth Erdt)

Sex im Alter ist noch immer ein Tabuthema. Das Aufklärungsbuch "Make more Love", das sich explizit an ältere Erwachsene richtet, erklärt und hilft dabei, wie körperliche Liebe trotz Rückenproblemen, schlaffer Haut und Erektionsstörungen Spaß machen kann. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erklärt die Autorin Ann-Marlene Henning, warum ältere Menschen weitaus gelassener mit der eigenen Unzulänglichkeit umgehen können, als unsere Gesellschaft es ihnen zugesteht. Eins immerhin ist sicher: Früher oder später kommt wohl jeder in diese Situation. Die Erkenntnis, die einen dann ereilt, beschreibt die Sexualtherapeutin mit dem Zitat eines Kollegen: "Jetzt bin ich einer von denen, mit denen ich niemals Sex haben wollte."

Von Violetta Simon

Warum, glauben Sie, brauchen Erwachsene, die ihre eigenen Kinder schon lange aufgeklärt haben, ein Aufklärungsbuch?

Sie meinen: die ihre Kinder nicht aufgeklärt haben. Ich wollte ein Erwachsenenbuch schreiben, weil ich festgestellt habe, dass die Menschen, mit denen ich in der Praxis zu tun habe, selbst nicht genug wissen, um ihre Kinder aufklären zu können.

Und das heutzutage, wo Sex allgegenwärtig ist?

Allerdings. Viele Mütter wissen nicht genug, um den Mädchen zu erklären, ob es normal ist, keinen Orgasmus zu haben oder ob sie Ideale bedienen müssen. Gerade in Bezug auf das eigene Geschlechtsteil klären die wenigsten Mütter die Mädchen auf, weil die Frauen sich selber oft nicht annehmen. Ich habe kaum eine Frau getroffen, die ihr Geschlecht mag.

Was sollte man wissen bei der Aufklärung von Jungs, etwa in Bezug auf Pornos?

Wenn ein Junge zu viele Pornos guckt, kann er sich ein zu schnelles Kommen leicht antrainieren. In der Jugend ist es normal, wenn man erst mal zu schnell kommt, aber das Problem ist: Wer immer weiter mit Anspannung und vor dem Bildschirm trainiert, baut ein Muster auf, das sogar im Alter noch bestehen kann. Heute wächst dadurch eine Generation heran, die sehr oft zu früh kommt, um normalen Geschlechtsverkehr durchzuführen. Mitunter haben sie dann gar keine Lust auf einen echten Partner. Eines gilt für beide Geschlechter: Eltern oder Schule müssen erklären, wie Erregung funktioniert.

Genügt es denn für den Anfang nicht, die Kinder zu sensibilisieren, worauf sie achten oder wovor sie sich hüten müssen - etwa vor ungewollter Schwangerschaft oder zu viel Pornografie?

Sehen Sie, da schwingen so viele negative Dinge mit. Man klärt eher auf über Probleme und nicht, dass Sex etwas Nettes und Gesundes ist, das man mit Liebe verbinden kann.

Viele Menschen gehen davon aus, dass andere Menschen, die 20 Jahre älter sind als sie, kaum oder keinen Sex mehr haben? Gesteht die Gesellschaft ihren Alten sexuelle Lust überhaupt zu?

Nein, ich glaube, nicht. Als ich den Film "Wolke 9" sah - und ich bin Sexologin -, wurde mir meine eigene Beklemmung bewusst. Ich dachte: Wie schön, dass sie das erleben können. Dennoch war es mir auch unbequem. Ich habe mich gefragt, woher das kommt und stellte fest: Es muss an den Bildern liegen, die uns die Medien im Alltag präsentieren. Da hat sich bis heute nicht viel getan. Immerhin wird das Thema im Kino oder in den Medien mittlerweile öfter dargestellt. Auch Kampagnen wie "Helden der Liebe" rücken das Thema Erektionsstörungen ins öffentliche Bewusstsein.

Was verbinden wir mit Sex im Alter?

Unperfekte Körper, Falten, hauptsächlich Schlaffheit - was biologisch ja auch zutrifft. Aber darauf allein kommt es nicht an. Auch ein schlaffer Penis spürt ja etwas, und die Zellen, die durchblutet werden und schöne Erlebnisse an unser Gehirn senden, funktionieren bis zum Tod. Das Problem ist das mangelnde Bewusstsein, wie wichtig Körperkontakt, Nähe und das Gefühl, angenommen zu sein, für das Wohlbefinden und einen gesunden Schlaf sind. Diese Nähe durch Sex auszuleben - egal ob durch Penetration oder Streicheln -, ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Körperlicher Verfall, Menopause, Andropause, Libidoverlust, Erektionsprobleme, Rückenleiden: Erzählen Sie uns mal was Schönes über das Liebesleben im Alter?

Aber gerne: Wenn man nicht so schnell vögeln kann wie bisher, kann man vielleicht mehr spüren. Schnelligkeit ist immer schlecht für Sex. Im Alter lässt man sich mehr Zeit, man braucht mehr Pausen und ist langsamer, doch das Gehirn funktioniert in diesem Alter am besten. Man kann Zusammenhänge besser erkennen, weiß mehr über Beziehungen, über männliche und weibliche Bedürfnisse. Man hat das ganze Paket in der Schublade, findet schneller Lösungen und traut sich mehr, weil man mehr Erfahrungen hat.

Dann macht die Leistungsorientiertheit einem intensiveren Erleben Platz?

Ja. Näher und intensiver spüren, das bringt den Spaß. Viele ältere Menschen haben mehr Freude am Sex als in jungen Jahren, weil sie sich nicht mehr beweisen müssen, sich mehr Zeit lassen können. Man denkt sich eben: Okay, ich bin nicht mehr so schlank und haben Falten, aber guck, meine Frau auch. Man hört auf, sich zu schämen. Irgendwann wird einem auch bewusst, dass die Lebenszeit begrenzt ist, dann beginnt man, sich zu fragen: Was ist mir wichtig? Ich habe eine Gruppe Senioren befragt, was für sie zählt. Sie antworteten mir: "Spüren, Lachen, Leben." Jemand sagte: "So viel Zeit habe ich nicht mehr; da ist mir wichtig, dass ich das Leben genießen kann, und da gehört Sex nun einmal dazu."

Verschieben sich mit fortschreitendem Alter also die Maßstäbe für ein erfülltes Liebesleben? Können einem die 2,6-Mal-pro-Woche-Statistiken dann egal sein?

Gewöhnlich wird guter Sex anhand von Häufigkeit oder Zufriedenheit gemessen. Auch die Probleme werden registriert - nur die Qualität nicht. Dabei ist sie von immenser Bedeutung. Im Alter setze ich mich weniger unter Druck und denke: Heute bin ich müde, muss ja jetzt nicht sein. Und plötzlich entsteht es von ganz alleine, es kommt von selbst und ist entspannter. Gelassenheit und Nachsichtigkeit sich selbst und dem anderen gegenüber - darauf kommt es an.

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