Sexualität "Die meisten wollen nur in den Arm genommen werden"

Sexualbegleiter können Menschen mit Handicap helfen, ihre erotischen Bedürfnisse auszuleben.

(Foto: David Ebener/dpa)

Sex auf Rezept für ältere oder behinderte Menschen, das schlägt eine Grünen-Politikerin vor. Ist das der richtige Weg, um das Thema zu enttabuisieren? Eine Sexualbegleiterin erzählt, worum es bei ihrer Arbeit geht.

Interview von Oliver Klasen

In Betreuungseinrichtungen für ältere oder behinderte Menschen ist für Essen und Trinken gesorgt, für die medizinische Versorgung, für Ergo- oder Physiotherapie, es gibt Freizeitangebote oder es kommt ein Pfarrer. Nähe, Zärtlichkeit oder gar Sex sind hingegen meist nicht vorgesehen. Die Grünen-Politikerin Elisabeth Scharfenberg will dieses Tabu aufbrechen und fordert in einem Interview: Pflegebedürftige und Schwerkranke sollen sexuelle Dienstleistungen bezahlt bekommen.

Der Vorschlag wird heftig diskutiert. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagt: "Wir brauchen keine bezahlte Prostitution in Altersheimen. Was wir brauchen, ist mehr Intimität für die Heimbewohner." Noch schärfer reagiert der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch: "Damit gewinnen die Grünen die Hoheit über bundesdeutsche Stammtische. Wer täglich damit zu kämpfen hat, beim Stuhlgang, Waschen und Essen Hilfe zu erhalten, hat andere Sorgen."

Doch wie sehen das Menschen, die täglich mit älteren oder behinderten Menschen zu tun haben? Ute Himmelsbach arbeitet seit mehreren Jahren als sogenannte Sexualbegleiterin in Saarbrücken. Sie erzählt, was sie von dem Vorschlag der Grünen-Politikerin hält, was ihre Arbeit von Prostitution unterscheidet und wie Menschen mit Handicap Sexualität erleben.

SZ.de: In den Niederlanden sind die sogenannten "Sex Helpers" für ältere oder behinderte Menschen schon seit den Siebzigerjahren etabliert. Warum ist das in Deutschland noch immer ein Tabu?

Ute Himmelsbach: Ich glaube, in den Niederlanden ist die Gesellschaft freier. Über Tantra-Massagen zum Beispiel wird dort ganz offen gesprochen. In Deutschland dagegen ist Sex oft mit einem Schamgefühl verbunden oder wird sogar in die Schmuddelecke gestellt. Das ist schade. Denn Sexualität ist etwas sehr Menschliches, vielleicht sogar ein Menschenrecht. Das sollte auch im Alter gelten oder dann, wenn jemand körperlich oder geistig beeinträchtigt ist.

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Was halten Sie von dem Vorschlag der Grünen-Politikerin Elisabeth Scharfenberg, pflegebedürftigen und behinderten Menschen sexuelle Dienstleistungen zu bezahlen?

Einerseits ist es gut, dass das Thema öffentlich gemacht wird. Andererseits halte ich es nicht für sinnvoll, dass ein geistig Beeinträchtigter quasi auf Rezept ins Bordell gehen kann. Das sind oft sehr traumatisierende Erlebnisse. Das, was man dort bekommen kann, ist in aller Regel nicht auf die Bedürfnisse dieser Menschen abgestimmt.

Warum nicht?

Es braucht eben ein bisschen mehr als eine Wochenend-Schulung, um etwa mit mehrfach oder schwer behinderten Personen umgehen zu können. Seriöse Sexualbegleiter in Deutschland haben oft fundierte Erfahrung und sind von einer unabhängigen Stelle zertifiziert. Außerdem reflektieren wir ständig unsere Arbeit, es gibt Supervisions-Einheiten und Feedback-Gespräche mit Angehörigen, Pflegeeinrichtungen und Therapeuten.

Wie wird man Sexualbegleiterin? Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?

Viele haben einen pädagogischen Hintergrund, manche sind Körpertherapeuten oder haben eine Heilpraktiker-Ausbildung. Aber es sind eben eher selten Prostituierte, die sich anders orientieren, da kenne ich keine einzige.

Ihre Arbeit hat also nichts mit Prostitution zu tun?

Nein, das ist etwas völlig anders. Im Bordell wird eine vorher vereinbarte Leistung bezahlt. Man bezahlt für Oralverkehr, für Geschlechtsverkehr oder für was auch immer. Bei uns wird die Zeit bezahlt, die zur Verfügung gestellt wird. Aber was wir tun, ist individuell verschieden. Es gibt keine festen Dienstleistungen, die abgearbeitet werden, im Fokus steht die menschliche Nähe.

Sexualbegleiter

verstehen sich als Dienstleister, die Menschen mit Behinderungen oder älteren Menschen gegen Bezahlung körperlich-sexuelle Erfahrungen anbieten. Dabei handelt es sich meist um häufigere, längerfristige Kontakte. Der Geschlechtsverkehr steht nicht im Mittelpunkt. Vielen Klienten geht es vor allem um Umarmen, Streicheln und Zärtlichkeiten austauschen.

Es gibt die Möglichkeit, sich zum Sexualbegleiter fortbilden zu lassen. Vorreiter in Deutschland ist das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) im niedersächsischen Trebel, das diese Ausbildung seit mehr als 20 Jahren anbietet und nach Angaben des Leiters Lothar Sandfort den Begriff "Sexualbegleitung" praktisch erfunden hat. Am Ende der Ausbildung, die an sieben Wochenenden erfolgt, erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat. Es ist nicht genau erfasst, wie viele Sexualbegleiter in Deutschland arbeiten. Sandfort spricht von aktuell etwa zehn aktiven ISBB-Sexualberatern. Neben dem ISBB bieten auch Einzelpersonen wie auch Prostituierte entsprechende Dienste an.

Wie nennen Sie die Menschen eigentlich, mit denen Sie zu tun haben? Kunden?

Ich sage meistens Klienten, manchmal auch Kunden.

Genau wie Psychotherapeuten. Auch die Stundensätze sind ähnlich. Die meisten Sexualbegleiter berechnen zwischen 90 und 120 Euro pro Stunde.

Das stimmt. Die Themen überschneiden sich manchmal auch. Bei einigen meiner Klienten bin ich auch zusammen mit einem Therapeuten oder stimme mich zumindest sehr eng mit den Therapeuten ab.

Wie läuft eine Sitzung bei Ihnen ab?

Ich mache nie Einmalbegegnungen. Es gibt immer zuerst einen Termin, an dem man sich kennenlernt, miteinander spricht und dann entscheidet, ob man weiterarbeiten will. Dann baut sich über mehrere Sitzungen langsam ein Kontakt auf. Den meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, geht es um Nähe. Es fängt oft damit an, dass jemand nach langer Zeit mal wieder in den Arm genommen werden will. Es geht um zärtliche Berührungen, ums Kuscheln, aber es muss nicht unbedingt zum Geschlechtsverkehr kommen. Es sollte für beide Seiten angenehm sein.