Sexismus-Debatte Kluft zwischen Generationen, nicht zwischen Geschlechtern

Wenn es heute noch eine Grenze gibt, die verhindert, dass Frauen und Männer zueinander und zu einem offenen, vorurteilsfreien Gespräch finden, dann liegt sie weniger zwischen den Geschlechtern als vielmehr zwischen den Generationen. Ein Beispiel dafür ist auch Michael Kimmel. Der 61-jährige amerikanische Soziologe ist einer der bekanntesten Männerforscher und zugleich bekennender Feminist. In einem Interview mit dem Freitag erklärte er im vergangenen Herbst, weshalb Gleichberechtigung Männern Spaß machen kann ("Sie haben auch mehr Sex"). Als es um die Frage ging, welche Privilegien Männer besitzen, sagte er: "dass man (. . .) nicht dauernd über das Geschlecht nachdenken muss". An der Stelle fragte man sich, ob der Mensch in den vergangenen zehn Jahren mal Zeitung gelesen oder auch nur ein Kino besucht hat.

Wenn heute ein Buch über Männer erscheint, dann ist nirgends mehr von Macht und Privilegien die Rede. Im Gegenteil, das angeblich so dominante Geschlecht gilt als sozialer Problemfall, als Abfallprodukt der Evolution. Das fängt mit den "Jungen in der Krise" an und hört mit den "Kerlen in der Krise" nicht auf. Ein gerade ins Deutsche übersetztes Buch der amerikanischen Journalistin Hanna Rosin heißt schlicht: "Das Ende der Männer", und das ist wörtlich gemeint, von den Erfolgen im Berufsleben bis zur Partnerwahl. "The Weak Sex" heißt eine Ausstellung, die im Herbst im Kunstmuseum Bern eröffnet werden soll. Untertitel: "New Images of Men in Art". Und im Leitmedium Film gibt es "den Mann", wenn, dann nur noch als ironisch oder sehr ernsthaft gebrochene Größe, von den videospielenden Kind-Kerlen in Filmen wie "Jungfrau (40), männlich, sucht. . ." bis zu dem emotional zerfransten Pornojunkie in "Shame".

Nun könnte man einwenden, dass Stereotypen in Buch- und Filmform niemandem wehtun, also so richtig. So wie Männer Frauen mitunter wehtun. Das stimmt auch, und nur Männer, die nie mit Frauen sprechen und nur mit geschlossenen Augen U-Bahn fahren, würden anzweifeln, dass sexuelle Gewalt vor allem ein Männerproblem ist.

Trotzdem ist auch in diesem Punkt die ganze Wahrheit eine etwas andere als unsere durch Geschlechterklischees und Lagerdenken verzerrte Debatte glauben macht. Ian McNicholl, zum Beispiel, das eingangs erwähnte und von seiner Freundin hundertfach verletzte männliche Opfer, ist keineswegs ein freak accident, sondern einer von Tausenden Fällen. In seiner Heimat Großbritannien, wo McNicholl als einer der ersten Männer überhaupt den Mut besaß, seinen Leidensweg auch vor Kameras zu schildern, sind einer Erhebung des Innenministeriums zufolge rund 40 Prozent der Opfer solcher Übergriffe heute Männer. In Berlin war laut Kriminalitätsstatistik 2011 jeder vierte Tatverdächtige im Falle häuslicher Gewalt weiblich, Tendenz steigend. Beobachtungen aus den USA gehen in eine ähnliche Richtung. Einer Studie der Universität von Florida zufolge neigen Frauen sogar häufiger dazu, ihre Partner zu "stalken, anzugreifen und psychisch zu verletzen". Richard Gelles, der an der University of Pennsylvania den Lehrstuhl für "Child Welfare and Family Violence" innehat, sagt: "Entgegen der Behauptung, dass Frauen nur zur Selbstverteidigung zuschlagen, haben wir herausgefunden, dass sie genauso häufig dazu neigen, die Gewalt zu initiieren wie Männer."

Der Unterschied ist der, dass die einen - zu Recht - aufschreien und die anderen nicht. Letztere, weil sie Männer sind. Weil Männer keine Opfer sind. Und weil wohl kein Mann auf die Idee käme, Frauen vorzuwerfen, dass ihr Geschlecht oder ein bis heute anhaltender Verteilungskampf mit dem anderen Geschlecht der Grund für mieses Verhalten sein könnte. Allenfalls ein Mangel an Manieren. Mit einem N.