Interview: Gunnar Herrmann

Die schwedische Politologin Cecilia Åse erklärt im SZ-Gespräch, warum Monarch Carl XVI. Gustaf trotz Sexskandal auf dem Thron bleiben wird - und welche Nachricht sich das Volk aus dem Königshaus wünscht.

Einen Tag nach Carl XVI. Gustafs Dementi zu den Rotlichtvorwürfen schlagen die Wellen hoch im schwedischen Königreich. "Der König lügt", behauptete Thomas Sjöberg, Autor des Enthüllungsbuches "Der widerwillige Monarch", in dem erstmals die mutmaßlichen Eskapaden des Königs beschrieben wurden. Und der ehemalige Stripclubbesitzer Mille Markovic kündigte an, er werde "in den nächsten Monaten" kompromittierende Bilder mit dem Monarchen veröffentlichen. Carl Gustaf hatte am Montag bestritten, dass es solche Fotos überhaupt geben könne. Die Stockholmer Politologin Cecilia Åse hat ein Buch über "Die Macht der Monarchie" geschrieben. Im SZ-Interview erläutert sie, warum die Affären so ernst sind.

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Dementi: Schwedens König Carl Gustaf beim Fernsehinterview am Montag. (© AFP)

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SZ: Frau Åse, welche der Vorwürfe gegen den König sind die schwersten?

Cecilia Åse: Aus verfassungsrechtlicher Sicht ist der Vorwurf am gravierendsten, dass der Staatschef nicht die Wahrheit sagt. Der König symbolisiert das, was die Menschen verbindet, und steht über der Politik. Diese herausgehobene Position ist unvereinbar damit, dass man nicht richtig die Wahrheit sagt. Ob das der Fall ist, weiß ich aber nicht. Ich habe das Buch vom "widerwilligen Monarchen" zwar gelesen, kann aber unmöglich den Wahrheitsgehalt bewerten.

SZ: Das Buch dreht sich vor allem um Carl Gustafs Privatleben - warum finden wir das so interessant?

Åse: Ein wichtiger Grund ist, dass das Amt des Staatsoberhauptes in Schweden vererbt wird. Das ermöglicht eine Beziehung über eine lange Zeit. Der König wird eine Art Teil der eigenen Familie. Ich kann mich zum Beispiel gut an seine Hochzeit mit Silvia erinnern. Da war ich elf, unsere ganze Familie saß vor dem Fernseher. Und denken Sie an Victorias Hochzeit im vergangenen Jahr: Es war fast so, als hätten wir alle ein bisschen geheiratet an diesem Sommertag. Dann kam der Herbst mit dem Buch "Der widerwillige Monarch" - was wir gerade erleben, ist ja eigentlich nur eine Fortsetzung dieser Geschichte. Die Ereignisse hängen zusammen: Erst hat man diese enorme positive Wendung und dann die Gegenbewegung mit einer für die Monarchie sehr negativen Berichterstattung. Die beiden Ereignisse zeigen die größte Stärke, aber auch die schlimmste Geißel der Monarchie.

SZ: Die Skandale zeigen also die Schwächen der Staatsform auf?

Åse: Wie die Hochzeit vor einem Jahr ihre Stärken gezeigt hat, ja. Das ist eben das Problem, dass die Institutionen so stark von den Personen, ihrem Privatleben, ihren Ehen, dem Kindergebären und so weiter abhängen. Das sieht man auch deutlich in der schwedischen Debatte, wo die Republikaner nun sagen: Schaut her, wir haben einen Monarchen, der wegen seiner Amtsführung kritisiert wird. Also lasst uns die Monarchie abschaffen. Die Gegenseite sagt: Die Monarchie ist gut, auch wenn der jetzige König sich vielleicht nicht optimal verhält. Tatsache bleibt: Man diskutiert vor allem über den König, nicht über die Staatsform an sich.

SZ: Würden Sie sich so eine Debatte wünschen?

Åse: Wenn man die Staatsform ändern möchte, sollte man es aus den richtigen Gründen tun, zum Beispiel weil es gut für die schwedische Demokratie wäre. Man sollte die Verfassung nicht ändern, weil sich ein König oder eine Prinzessin angeblich falsch verhalten haben.

SZ: Viele meinen, Carl Gustaf sollte sein Amt an Victoria abgeben. Geht das überhaupt in einer Monarchie?

Åse: Mit dem Erbprinzip wäre das schwer zu vereinen. Laut unserer Verfassung ist das Amt des Staatsoberhauptes exklusiv an Carl XVI. Gustaf und seine biologischen Nachkommen gebunden. Victoria fungiert jetzt schon als stellvertretendes Staatsoberhaupt, etwa wenn der König im Urlaub ist. Insofern wäre der Wechsel kein allzu großer Schritt. Allerdings ist es noch nie vorgekommen, dass ein schwedischer König abgedankt hat. Es gäbe keine Vorbilder und auch kein gesetzliches Regelwerk dafür.

SZ: Kann man den König stärker kontrollieren, wie einige Politiker fordern?

Åse: Im Grunde wurde eine stärkere Kontrolle des Königshauses bislang auch durch das Erbprinzip verhindert. Man argumentierte in etwa so: Weil diese Personen sich nicht selber um ihre Ämter beworben haben, also an ihrer Lage nicht selber schuld sind, sollte man sie nicht mit harten Kontrollen belasten. Weil der König sein Amt nicht angestrebt hat, konnte man diese Privilegien leichter akzeptieren. Aber die Einstellung in diesem Punkt wandelt sich gerade. Einige Abgeordnete wollen das im Parlament diskutieren, es könnte sich etwas ändern.

SZ: Werden die Skandale auch eine zukünftige Königin Victoria belasten?

Åse: Es ist schwierig, die Konsequenzen für Victoria vorauszusagen. Eine Folge der Skandale könnte auch sein, dass sie mehr Unterstützung erfährt. Das hängt davon ab, was nun passiert, wie die Medien das Thema weiterverfolgen. Eines ist klar: Sollte morgen eine Pressemitteilung vom Hof kommen, in der steht, dass sie ein Kind erwartet, dann würde das die ganze Situation sofort und grundlegend verändern.

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(SZ vom 01.06.2011/vs)