sueddeutsche.de: Ist der "Kunde" denn dann wenigstens mit den größeren Brüsten, den volleren Lippen und der geraden Nase zufrieden?

Der Psychiater Thomas Schläpfer hat sich auf die Behandlung von Menschen spezialisiert, die an dem Wahn leiden, hässlich zu sein. (© Foto: oh)

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Schläpfer: Nein, die Symptomatik kommt dann meist erst richtig in Gang. Die Betroffenen sind mit dem Ergebnis der Schönheitsoperation nicht zufrieden und wünschen sich die nächste Operation, um die neuen Mängel zu beheben. Oder sie empfinden plötzlich ganz andere Körperteile als entstellt, die auch wieder operiert werden sollten. Viele meiner Patienten haben eine sehr lange Geschichte von Operationen hinter sich. Das ist ganz typisch bei dieser Form von Zwangsstörung.

sueddeutsche.de: Welche Symptome gibt es noch?

Schläpfer: Der Gedanke an die eigene Hässlichkeit kann, wie bei anderen Zwangserkrankungen auch, den ganzen Tagesablauf einnehmen. Ein Fall für den Psychiater wird es dann, wenn der Patient an nichts anderes mehr denken kann. Arbeiten ist dann nicht mehr möglich. Dysmorphophobie ist nicht einfach eine Krankheit der Wohlfühlgesellschaft. Sie kann lebensbedrohliche Ausmaße annehmen - von Depression bis hin zu Suizid.

sueddeutsche.de: Und das, obwohl die Betroffenen eigentlich ganz normal aussehen?

Schläpfer: Genau. Alle Probleme im Alltag werden auf den vermeintlichen Makel geschoben: die erfolglose Bewerbung, der fehlende Partner - alles Unglück hat nur mit den abstehenden Ohren, der großen Nase oder den Narben im Gesicht zu tun.

sueddeutsche.de: Ab wann wird der Glaube, hässlich zu sein, Wahn? Sind die Grenzen da nicht fließend?

Schläpfer: Eine Dysmorphophobie ist keine Off-on-Erkrankung, die man hat oder eben nicht. Das kleinste Symptom kann sich über Monate hinweg zu einer fixen Idee von einem entstellten Körper entwickeln. Die Patienten argumentieren beispielsweise, niemand würde jemanden mit solchen Narben einstellen.

sueddeutsche.de: Nicht ganz zu Unrecht. Bei einer Bewerbung ist das Foto ja auch sehr wichtig.

Schläpfer: Das ist leider absolut richtig. Wir wissen, dass die Attraktivität von Bewerbern eine ganz zentrale Rolle bei der Stellenbesetzung spielt. In gewisser Weise leiden wir wirklich an einem kollektiven Schönheitswahn. Insofern sind Krankheitsbilder wie die Dysmorphophobie auch von gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt.

sueddeutsche.de: Nun hat doch wahrscheinlich jeder von uns irgendwo eine Stelle an seinem Körper, mit der er nicht ganz zufrieden ist ...

Schläpfer: Ja, sehr viele Menschen sind mit irgendetwas an ihrem Körper nicht zufrieden, vor allem Frauen. Für sie spielt Attraktivität eine noch größere Rolle, aber auch für Männer wird das Aussehen immer wichtiger.

sueddeutsche.de: Dann leidet die ganze Gesellschaft in gewisser Weise an einem Hässlichkeitswahn?

Schläpfer: Wenn Sie so wollen, ja. Wir sollten uns wirklich Gedanken darüber machen, was normale Ansprüche an die Schönheit sind. Und ob es nicht alternative Quellen der Lebensqualität gibt als nur die äußere Attraktivität.

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