Ehepartner ziehen zum Arbeiten getrennt ins Ausland, der moralische Einfluss der katholischen Kirche sinkt: In Polen steigt die Zahl der Scheidungen explosionsartig an.
Oppeln - "Wozu das alles?", fragt Maria Furman stöhnend. Jahrelang hat sie sich abgerackert, um für ein neues Haus beizusteuern. Das Haus nahe der oberschlesischen Bezirkshauptstadt Opole (Oppeln) ist auch sehr schön geworden, doch nun sitzt sie allein darin, denn ihr Mann ist nach 22 Jahren Ehe gegangen. Zu einer jüngeren polnischen Frau, die er aber in Deutschland kennengelernt hat.
Brautpaar auf Abstand: Viele Polen haben den Glauben an die Ehe verloren. (© Foto: iStockphoto)
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Diese hat sich vor zwei Jahren ebenfalls scheiden lassen, nach acht Jahren Ehe. Mitschuldig in beiden Fällen war wohl, dass die beiden Ehepaare wegen der wesentlichen höheren Löhne zur Arbeit in die Bundesrepublik gegangen sind. Die Männer arbeiteten auf dem Bau oder in der Landwirtschaft, die Frauen bei Putzfirmen oder in der Altenpflege.
Die Trennung der Furmans war demnach nichts Besonderes, die Eheleute gehörten zu etwa 70.000 polnischen Paaren, die sich im vergangenen Jahr scheiden ließen. Etwa 27 Prozent der Ehen gehen mittlerweile in Polen zu Bruch. Die Zahl der Scheidungen hat damit innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als die Hälfte zugenommen.
Als Hauptursache für diese starke Zuwachsrate sehen Soziologen die Arbeitsmigration, wie es in der Fachsprache heißt. Wichtigstes Ziel polnischer Wanderarbeiter war in den neunziger Jahren die Bundesrepublik; nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 wurden es die Britischen Inseln, da die Regierungen in London und Dublin im Gegensatz zu Deutschland den Arbeitsmarkt ohne Einschränkungen für Bürger aus den neuen EU-Ländern freigaben.
Bei den Furmans wirkte sich die Arbeit im Ausland so aus: Beide Eltern waren von zu Hause weg. Auf die Kinder passten erst die Großeltern auf, dann eine Tante. Aber in Deutschland waren die Ehepartner meist Hunderte Kilometer getrennt voneinander.
Zwar hatten alle in der Familie ein Handy, doch wegen der Kosten kommunizierte man oft lieber knapp - per SMS. Manchmal sahen die Eheleute sich monatelang nicht; nur an großen Feiertagen kam die Familie zusammen. Doch traditionelle Feste bedeuten gerade für die polnischen Frauen enormen Stress: Sie stehen von morgens bis abends in der Küche, tragen zum Essen auf, räumen ab. Und zwischendurch gehen sie natürlich in die Kirche.
Maria Furman sagt rückblickend, dass sie während all dieser Jahre niemals ein tiefergehendes Gespräch mit ihrem Ehemann geführt habe, alles drehte sich nur um die Alltagsorganisation und finanzielle Probleme. Sie sei schon glücklich gewesen, wenn ihr Mann etwas von den schulischen Problemen der Kinder, die sie ja selbst auch nur aus der Ferne wahrnahm, habe hören wollen.
Doch nicht die Wanderarbeit allein rüttelt an den Grundfesten der Institution Ehe in Polen. Mit der Öffnung des Landes zum Westen vor zwei Jahrzehnten änderte sich auch radikal die Lebensweise namentlich der jungen Generation. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass nahezu 90 Prozent der jungen Polen sich heute zwar weiter zur katholischen Kirche bekennen, zugleich aber deren moralische Leitlinien immer stärker ignorieren. So unterscheiden sie sich etwa kaum von der jungen Generation in Westeuropa in ihrer Haltung zu vorehelichem Geschlechtsverkehr und Verhütung.
Die Mahnungen der Bischöfe
Auf die rasante Verwestlichung der Gesellschaft fand die Kirche als nach wie vor wichtigste Autorität der Polen bislang nur unzureichende Antworten. Seit dem Tod des polnischen Papstes Johannes Paul II. vor vier Jahren ist die Bischofskonferenz überdies durch interne Kämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern gelähmt. Immer weniger Gehör beim Kirchenvolk finden offenbar die Mahnungen der Pfarrer bei der Sonntagspredigt, dass die Ehe ein Sakrament sei und deshalb unauflöslich.
Mehr als 60 Prozent der Polen sehen Umfragen zufolge heute eine Scheidung als "Weg zur Lösung von Eheproblemen" an. Immer weniger beherzigen dagegen die Mahnungen ihrer Bischöfe, das Glück der Familie nicht dem Streben nach materiellen Gütern unterzuordnen: Die Menschen, so der Tenor der Kirchenmänner, sollten sich sehr genau überlegen, ob nicht die Wanderarbeit die eigene Familie schädige oder gar zerstöre.
Die Kirchenpresse sieht einen ersten Erfolg dieser Mahnungen darin, dass die Scheidungszahlen zuletzt wieder leicht zurückgingen. Doch die Soziologen nennen für diese Entwicklung einen viel banaleren Grund: Mit der Wirtschaftskrise verlieren viele der Wanderarbeiter derzeit Brot und Lohn im Ausland.
Sie kehren also zurück und leben wieder mit ihren Familien zusammen - vorübergehend zumindest. Für Maria Furman aber kommt die Wirtschaftskrise ohnehin zu spät. Sie sagt: "Ich hoffe nur, dass meine Kinder nicht dieselben Fehler begehen wie wir." Hoffnung hat sie aber wenig: Zwei der drei Söhne arbeiten bereits im Ausland.
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Partyzone Flußufer
Ich bin ein polnischer Bürger und habe das Land im Jahr 1985 verlassen. Damals hielt sich das KKK-Status noch in Grenzen. Sobald aber die Schleusen aufgingen, wurden wir neugierig und gingen auf Reisen. Die Kirche wurde unsicher, denn wenn die Anhänger nicht mehr da sind, verlieren sie ihre Autorität. In bestimmten Regionen blieb der Glauben sehr stark ausgeprägt zb in den Bergen (generell in kleineren Ortschaften). Ich halte selbst nicht viel von der katholischen Indoktrination und den Dogmen, aber andererseits ist die Verantwortung für die Freiheit auch keine leichte Aufgabe.
Das Land selbst wurde jedenfalls immer moderner, immer westlicher, immer "globaler". Hier verbirgt sich, meiner Ansicht nach, die Erklärung für den heutigen Zustand. Es gibt einfach keinen Halt mehr, kein Vertrauen. Die alten Hierarchien wurden gebrochen. Vielles wurde zu flexibel, plural, farblos und anonym. Daraus schließe ich, dass der Glaube an ihren Wert verloren hat.
Die Tendenz sich scheiden zu lassen ist ein nach meiner Ansicht ein internationales Problem. Ich würde sogar von einer Mode sprechen, die nichts mit Werbung zu tun hat, sondern mit der Unfähigkeit eine Familie aufrecht zu halten (die Kostenfrage ruinierte die ethischen Werte).
Ich selbst verbringe aber immer noch gerne zb die Weihnachtszeit in Polen. denn wenigstens sind die schönen Erinnerungen noch geblieben. Und ohne Erinnerungen und Traditionen sind wir verloren. Die Statistik sagt aber, dass viele Nomaden zurückkehren wollen. Ist Polen noch nicht verloren?
ich meine genau das, was ich geschrieben habe und nichts anderes. wenn das wort in ihrem sprachgebrauch nicht existiert, dann schlagen sie es vielleicht einfach noch mal nach. "normal" ist zumindest nicht die übersetzung.
Die Lage in Polen war nicht so schlimm, dass alle in alle Weltengegenden auswandern mussten um nur ja Geld zu verdienen. Und wenn, hätte man auch in einen gemeinsamen Ort ziehen können (mit vielleicht etwas weniger Geld insgesamt).
Ich denke die Beziehung war schon abgekült und die anschließenden Entscheidungen waren geldgesteuert. Ein sich liebendes Paar versucht soviel wie möglich miteinander Zeit zu verbringen. In den Fällen hat man zuerst einfach andere Prioritäten als Liebe gewählt und sich später einfach auseinader gelebt. Das sich 1/4 der Ehen wieder scheiden lassen ist normal. Heutzutage bleibt man eben nicht mehr nach Ende der Liebe zusammen. Die älteren Generationen haben auch unglücklich eine Ehe bis ans Lebensende "durchgezogen". Z.T. mit unerträglichem Hass einandergegenüber.
In Deutschland wird 1/2 aller Ehen geschieden. Die Polen sind eben nicht wie sie häufig denken ein moralisch überlegenes Volk. Und genau das versuchen die befragten Geschiedenen und mangels Tiefgründigkeit der Autor aufrechtzuerhalten. Sie sind normal.
"heteronormativ" - so ein Schmarn-Wort. Was Sie meinen ist das Wort "normal". Über Homo-sexualität hat hier doch niemand was gesagt. Und ich glaube auch nicht, dass die Feindseeligkeit der Polen (wie der meisten Menschen auf der Welt) gegenüber den Homo-sexuellen alleine und nicht einmal hauptsächlich auf die katholische Position diesem Thema gegenüber zurückzuführen ist.
die kirche verliert an einfluss in polen?
das ist wohl eher ein wunschgedanke. solange sich die menschen in heteronormativen bahnen bewegen mag das schon so aussehen, aber sobald es um ein anderes delikte wie z.b. homosexuelles begerhen geht, ändert sich dies. die konservativen einflüsse der kirche in polen sind weiterhin bedenklich und meiner meinung nach eher wieder am erstarken.
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