Schattenseite des Feminismus Erfolg der anderen - ein Angriff aufs eigene Lebensmodell

Statt den Erfolg der anderen als Ansporn und Ermutigung zu betrachten, verbuchen sie ihn als einen direkten Angriff auf das eigene Lebensmodell, den es durch Kleinreden abzuwehren gilt. Der Effekt scheint sich zu verstärken, wenn diejenigen, die eigentlich als Vorbilder taugen würden, nicht nur beruflich erfolgreich, sondern auch noch Mütter sind, womöglich auch noch attraktiv. Wer als in Vollzeit berufstätige Mutter versucht, in einer Gruppe von Vollzeitmüttern zu reüssieren und dazu womöglich noch selbst gebackenen Kuchen mitbringt, braucht eine extra Portion Gelassenheit, um den kritischen Blicken mit einem Lächeln (nur kein Dauerlächeln!) standzuhalten.

Polarisieren bedeutet aber auch, dass es den gegenteiligen Effekt gibt: Frauen, die es "geschafft" haben, werden von anderen Frauen allein wegen ihres Geschlechts verehrt. So wie sich US-Präsident Barack Obama seiner Hautfarbe wegen eines Großteils der Stimmen nicht-weißer Amerikaner sicher sein kann, wählen viele Frauen über ihre Parteipräferenz Angela Merkel, weil es ihnen imponiert, dass eine Frau "das" erreicht hat. Würde die Union das nächste Mal einen Mann aufstellen und die SPD Hannelore Kraft, könnte die Wahl ganz anders ausfallen. Diese solidarischen Frauen schicken alle Erfolgsmeldungen über Frauenkarrieren durchs Internet und fanden an der US-Präsidentschaftswahl vor allem interessant, dass im Bundesstaat New Hampshire die wichtigsten Positionen künftig sämtlich mit Frauen besetzt sind.

Nun könnte man meinen, ein gewisses Maß an Identifikation sei menschlich, nicht geschlechtsspezifisch. Tatsächlich aber ticken Frauen und Männer unterschiedlich, wenn es um die Anerkennung von Status und Hierarchien geht. In der Geschlechterforschung gehört es zum Standardwissen, dass Männer keinerlei Probleme mit Hackordnungen haben. Doch, sie können ganz ordentlich hacken und tun das auch ausgiebig, Jungs auf dem Fußballplatz und Männer in der Vorstandsetage gleichermaßen. Wenn dieser Prozess aber abgeschlossen ist, erkennen sie (meistens) neidlos an, wer an erster, zweiter oder dritter Stelle steht. Sitzordnung und Wortbeiträge in Besprechungen, Körpersprache und Statussymbole künden davon. Das hält Männer selbstverständlich nicht vom Ringen um bessere Positionen ab. Üblicherweise tun sie das, indem sie dem Leit-Mann nacheifern und seine Strategien kopieren. Schließlich wollen sie sich selbst und ihren Status auch nicht verstecken müssen, sollten sie es einmal bis nach oben geschafft haben.

Aus Studien an spielenden Kindern weiß man, dass Frauen anders agieren. Sie neigen dazu, ihren Status zu nivellieren, um andere ins Spiel einzubeziehen. Nicht Wettbewerb, sondern Integration ist das Ziel. Deshalb ist schon unter kleinen Mädchen diejenige eine blöde Ziege, die gerne heraushängen lässt, wie klug, witzig und hübsch sie ist. Erfolgreiche Frauen haben irgendwann im Erwachsenenleben gelernt, dass es ihnen schadet, wenn sie ihre Qualitäten verstecken, nur damit andere Frauen sie mögen. Das Ergebnis: Sie werden nicht gemocht. Setzt sich eine von der Gruppe ab, hört die Solidarität auf. Männer reden dann gerne von Zickenkrieg. Schade.

Wie weit könnten Frauen heute sein, hätten sie sich den einen oder anderen Machtkampf an der falschen Stelle gespart? Statt schon viel früher für gleiche Gehälter, Kinderbetreuung und eine weniger statische Verteilung von Familienpflichten zu streiten, wurde in der Frauenbewegung jahrelang darüber diskutiert, ob Feministinnen Männer lieben, tiefe Ausschnitte tragen und mit den Kindern zu Hause bleiben dürfen. Viele Frauen haben deswegen auf Kinder verzichtet. Und die Debatten dauern an. Kürzlich erntete Frankreichs ehemalige Präsidentengattin Carla Bruni einen Shitstorm im Internet, nachdem sie in einem Interview gesagt hatte, sie sei keine Feministin, weil sie das Familienleben liebe. Die Äußerung nahm sie später zurück.

Karriereberater raten Frauen deshalb: Wer in seiner Firma Frauen voranbringen will, sollte positiv über Kolleginnen reden - zumal die wenigsten Frauen das ausreichend für sich selber tun. Und statt sich über von der Leyens Großfamilie oder Marissa Mayers angeblich so friedliches Baby zu echauffieren, könnte man anerkennen, was die eine und die andere schaffen. Wo doch vielleicht deren größte Leistung darin besteht, sich die schlaflosen Nächte und die heimischen Sorgen nicht anmerken zu lassen - Professionalität nennt man das. Und darin, dass sie manches im Leben mit einer gewissen Gelassenheit sehen. Ein bisschen mehr davon sich selbst und anderen gegenüber täte vielen Frauen gut.