Entscheidung zur Organspende Die andere Seite

Die Politik will die Bereitschaft zur Organspende erhöhen. Für die Empfänger bedeutet sie Leben. Oft wird aber vergessen, wie schwer die Entscheidung jenen fällt, für die Organspende den endgültigen Abschied bedeutet.

Von Charlotte Frank

Sie waren schon fast in der Tür, da schickten sie ihnen die Frage hinterher. Fast beiläufig. Sie sollten mal drüber nachdenken. Aber wie sollte das gehen, nachdenken, eine Entscheidung treffen, gerade jetzt? Wie sollten sie noch wissen, was richtig und was falsch war? Was Entsetzen hervorrufen würde und was Bezauberung, was Furcht und was Trost? Es gab keinen Halt in diesem Moment, in dem selbst der Boden wankte. Keine Orientierung in einer Situation, in der sogar die Grenze zwischen Leben und Tod verschwamm.

Ob sie Marias Organe haben könnten, hatten sie die Eltern gefragt. Jahre sind seitdem vergangen, Jahre ohne Maria. Nicht genug, um den Schmerz über den Unfall ihrer Tochter zu stillen. Aber gerade genug, um irgendwie den Halt wiederzufinden, der Sylke Hage damals verlorengegangen ist, und irgendwann auch die Sprache.

Mit tastender Stimme, die schwarzen Augen fluchtbereit, entwirft sie Bilder von früher, so lebendig, als würde Maria gleich drüben vom Hauptbahnhof in die sterile Hotellobby hineingetobt kommen: Maria, wie sie lacht. Maria, wie sie ihren kleinen Bruder morgens weckt. Wie sie ihr Hochbett gegen Eindringlinge verteidigt. Wie erwachsen sie oft denkt. Wie die anderen Kinder sie rufen: "Mutter Teresa".

Maria, wie sie tot da liegt - und bei ihr die Ärzte, die sagen, dass sie nichts mehr tun könnten. Jedenfalls nicht für ihr Kind.

Sterben ist das Gegenteil von Leben, Glück ist so weit weg von Unglück. Aber manchmal, ganz selten berühren sich diese Pole eben doch, und dann verschmelzen sie zur Tragödie, bei der aus dem unermesslichen Unglück des einen erst das unermessliche Glück des anderen erwächst: ein Herz. Eine Niere. Eine Leber. 12.500 Menschen warten in Deutschland auf solche rettenden Spenderorgane, viel zu viele.

Nun überlegen auch die Abgeordneten im Bundestag, wie diesen Menschen endlich geholfen werden kann. Bei den unterschiedlichen Ideen, über die sie diskutieren, gibt es doch einen Satz, den alle zitieren: "Organspende bedeutet Leben." Organspende bedeutet aber auch Tod, auch darüber muss gesprochen werden. Denn dort, wo sich Glück und Unglück so schmerzhaft die Waage halten, lässt sich die eine Seite, das Glück, nicht vergrößern, ohne die andere Seite, das Unglück, zu verkleinern.

Wer also wirklich etwas für die Organspende tun will, muss Menschen wie Sylke Hage treffen - und solche wie den Intensivmediziner Gerold Söffker aus Hamburg, der darauf spezialisiert ist, Angehörige auf die Organspende anzusprechen. Nur wer ihnen zuhört, erfährt mehr über das scheinbar Unmögliche: Was man tun kann, um eine Entscheidung zu erleichtern in einem Moment, in dem die Welt in Trümmern liegt. Und wie man, im Gegenteil, die Welt noch mehr zertrümmern kann.

Ende des Sommers, aber noch nicht Herbst. Ein später Morgen, aber noch nicht hell, und draußen, vor dem Fenster, nur ein leerer Busparkplatz. Auch drinnen im Frühstücksraum nichts, an dem der Blick hängenbleiben kann, Sylke Hage ist der letzte Gast. Sie sitzt allein in einer Ecke, das schöne, dunkle Gesicht hochkonzentriert.

"Angeblich lässt das Gehirn nur so viel Erinnerung zu, wie es erträgt", sagt sie, das sei bei ihr noch nicht viel. Also bloß keine Ablenkung, behutsam fühlt sie sich zurück zum letzten klaren Moment vor der Katastrophe, einem sonnigen Donnerstag im Februar.

Sylke Hage schlängelt sich in ihrem Auto die Serpentinen zum Kindergarten hoch, in einen namenlosen Ort, in einem unbestimmten Jahr - mehr darf, so will es die Gesetzeslage, in Deutschland nicht gesagt werden über Geschichten, die mit Organspende zu tun haben. Auch Sylke Hage heißt eigentlich anders.

Das Radio spielt, sie ist entspannt, "es lief einfach alles an diesem Tag". Schon morgens lassen sich die Kinder problemlos anziehen. Vormittags kommt zum ersten Mal in jenem Jahr die Sonne raus, und im Kindergarten darf Marias Gruppe endlich wieder im Garten spielen, im Sand und auf der Rutsche - wie sich später herausstellt, sogar auf den Bäumen. Nachmittags dann kann Sylke Hage sich früh aus dem Büro loseisen, "das war wichtig", sagt sie, "ich hatte erst am Tag davor von Maria einen Mecker fürs Zuspätkommen gekriegt". Andere Menschen warten zu lassen, das konnte Maria nicht leiden.

Es kommt zu jener Zeit nicht oft vor, dass in Sylke Hages Leben, zwischen Job und zwei kleinen Kindern, Momente übrigbleiben wie damals im Auto: alleine mit ihren Gedanken, ohne Zeitdruck, ohne Lärm. In Ruhe nimmt sie Kurve um Kurve und beobachtet, wie sich das erste Frühlingslicht auf der Windschutzscheibe bricht. Als unten am Fuß der Serpentinen eine Sirene losheult, denkt sie nur: "Was für ein ätzender Weg für einen Rettungswagen", dann wandern die Gedanken weiter zu Maria.

"Sie war erst drei, da kam uns auf der Autobahn ein Krankenwagen entgegen", erzählt Sylke Hage. Ihre Tochter war gebannt, sie wollte alles wissen: über das Blaulicht und über das Tempo und über die Menschen in dem Wagen. "Dann sagte sie zu mir: Mama. Wenn ich groß bin, will ich auch Ärztin werden. So kann ich immer Menschen helfen", erinnert sich Sylke Hage.

Mitten hinein in ihre Erinnerungen rast der Rettungswagen an ihr vorbei. Diffuse Angst steigt in ihr auf, sie gibt Gas. Als sie am Kindergarten ankommt, steht der Notarzt schon davor. "Alle blickten mich komisch an", sagt sie, manche flüstern, sie müsse jetzt ganz ruhig bleiben, hingeworfene Wortfetzen treffen sie, Kapuze, Unglück, Baum. Jemand führt sie ins Personalzimmer, da sieht sie nur den Fuß, ganz grau. Nicht mehr Marias Fuß. "Ich hab's nicht geschafft, reinzugehen", sagt sie, das bereut sie bis heute.

Aber damals ist nur noch Panik um sie herum, in das Rauschen der Ohnmacht mischt sich das Gebrüll von Hubschrauberrotoren, die Gedanken verwischen, und irgendwie findet sie sich auf der Intensivstation wieder. An Marias Bett.