Sarkozy zwischen Weltpolitik und Vaterschaft Die Kunst der Nicht-Inszenierung

Ein Staatsmann und seine Kinder - dieses Bild hat schon immer gezogen. Dennoch will Nicolas Sarkozy nach der Geburt seiner Tochter auf Inszenierungen verzichten und das private Glück auf keinen Fall für seinen Wahlkampf instrumentalisieren. Muss er auch nicht. Denn die Strategie, die Rolle seiner Familie demonstrativ herunterzuspielen, funktioniert sogar noch besser.

Von Violetta Simon

Das Bild von John F. Kennedys kleinem Sohn, der in den frühen sechziger Jahren in Windeln durch das Oval Office rutschte, verfehlte seine Wirkung nicht. Die Botschaft war klar und deutlich: Der mächtigste Mann der Welt - ein Mensch!

Lauter Premieren: Carla Bruni-Sarkozy und Nicolas Sarkozy sind zum ersten Mal Eltern eines gemeinsamen Kindes geworden, für beide ist es das erste Töchterchen. Und: Der 56-Jährige ist der erste Präsident Frankreiches, der in seiner Amtszeit Vater wird.

(Foto: dapd)

Seit Juni 2010 residiert im Berliner Schloss Bellevue eine Patchwork-Familie: das Ehepaar Wulff, zwei Kinder aus Bettina Wulffs erster Ehe, zeitweise die Tochter aus Christian Wulffs erster Ehe - und der gemeinsame Sohn Linus Florian. Der war gerade zwei Jahre alt, als sein Vater Christian Staatsoberhaupt wurde. Der Bundespräsident wusste damals, was von ihm erwartet wurde und sagte Sätze wie: "Ich wechsle gern die Windeln meines Sohnes."

Nicolas Sarkozy hat im Moment keine Zeit zum Windeln wechseln. Frankreichs Präsident muss Europa retten - und er kämpft um sein Amt. Und selbst wenn der sozialistische Herausforderer François Hollande ihm den Rang abliefe: Niemand soll behaupten, der Präsident würde Carla Bruni-Sarkozys Niederkunft für seinen Wahlkampf instrumentalisieren.

Dabei hat sich die Familie schon immer als Wahlkampfhelfer bewährt: Im Jahr 2000 erfuhr der damalige britische Premier Tony Blair durch die Geburt des Nesthäkchens Leo - nach den drei Geschwistern Euan, Nicky und Kathryn - einen Popularitätsschub. Gerne und oft zeigte sich der Regierungschef in Begleitung seiner Frau Cherie und der Kinderschar - und kokettierte mit seinem Image als erfolgreicher Erzeuger: "Oh nein, ihre Brut-Instinkte regen sich wieder", klagte er mit gespieltem Entsetzen, als Cherie beim Besuch eines Krankenhauses ein Neugeborenes auf den Arm nahm.

Selbst Benjamin Netanjahu machte während seiner ersten Amtszeit nicht immer nur als Israels Ministerpräsident Schlagzeilen, sondern auch als Vater - unter anderem wegen des eigenwilligen Erziehungsstils seiner Gattin Sarah. 1997 soll Netanjahu Nahost-Gespräche mit dem damaligen US-Präsident Bill Clinton in Washington verspätet begonnen haben, weil seine Frau darauf bestanden hatte, die mitgereisten Söhne Yair und Avner vorher in Ruhe ausschlafen zu lassen.

Mittagsschlaf geht vor Meeting? Genau diese Art Schlagzeilen will Nicolas Sarkozy nicht über sich lesen. Also schaut er am Nachmittag noch kurz bei seiner in den Wehen liegenden Gattin vorbei, um ihr das Händchen zu drücken und ihr viel Glück für die Geburt zu wünschen. Eilig schwirrt er wieder ab, die Pflicht ruft - und die deutsche Kanzlerin wartet schon. Weiter geht es mit dem Flugzeug nach Frankfurt, um mit Angela Merkel schnell noch die Rettung des Euro voranzutreiben, auch für einen kleinen Schlenker zur Verabschiedung des Zentralbank-Chefs Jean-Claude Trichet ist noch Zeit.

Kurz vor Mitternacht fliegt Sarkozy wieder ein und schaut nach seiner Frau, die inzwischen ein bezauberndes Baby im Arm hält. Ein Stündchen nur, dann muss der mächtigste Mann Frankreichs weiter. Weltpolitik hat Vorrang.

Kein Zweifel, Nicolas Sarkozy setzt Prioritäten: Erst der Job, dann die Familie. Dass er Frau und Kind nicht für seine Wiederwahl instrumentalisiert, entspricht indes nicht ganz der Wahrheit. Er instrumentalisiert sie sehr wohl, indem er sie demonstrativ in den Hintergrund stellt. Als erster Präsident Frankreichs, der in seiner Amtszeit Vater wird, ist ihm die wohlwollende Aufmerksamkeit ohnehin gewiss. Sarkozy weiß, dass sich die Maschinerie auch so in Gang setzt. Er kann nur versuchen, sie zu steuern.

Mit der Strategie, seine private Situation bewusst herunterzuspielen, präsentiert sich Sarkozy als der perfekte Krisen-Präsident. Ein Mann, der die Geburt seiner kleinen Tochter hintanstellt, ist ein Mann, auf den in schweren Zeiten Verlass ist.

Vielleicht nicht aus Sicht der eigenen Familie, doch mit ein wenig Glück in den Augen aller anderen Familien Frankreichs.