Von Stefan Ulrich, Paris

Erst die Frau, jetzt der Vater: Pal Sarkozy rät seinem Sohn Nicolas öffentlich, nicht erneut für das Amt des französischen Präsidenten zu kandidieren.

Sollte Nicolas Sarkozy auf seine Familie hören, so lässt er es bei einer Amtszeit bewenden. Gerade bekannte seine Frau Carla Bruni, sie wünsche "nicht wirklich", dass ihr Gatte bei der französischen Präsidentschaftswahl 2012 erneut kandidiere. Nun legt Sarkozys Papa Pal nach. "Er wird ein viel ruhigeres und angenehmeres Leben haben, wenn er nicht wieder antritt", sagte der 81 Jahre alte Künstler dem Parisien. "Das ist die Meinung eines Vaters, der seinen Sohn liebt und glücklich sehen möchte."

Vater von Nicolas Sarkozy

Der Künstler Pal Sarkozy, 81, bringt es auf vier Ehen und fünf Kinder. (© Foto: AFP)

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Der aus Ungarn stammende Pal Sarkozy de Nagy-Bocsa ist derzeit ein gefragter Mann. Dies liegt weniger an seinen grellen, psychedelisch anmutenden Bildern, als an der Autobiographie, die gerade in Frankreich erschienen ist. "So viel Leben" heißt dieses Opus voller Enthüllungen - im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. "Mit diesem Buch wende ich mich vor allem an meine Kinder", sagt der Autor. "Es gibt mir die Möglichkeit, ihnen all das zu erzählen, wozu ich noch keine Gelegenheit hatte." Sohn Nicolas habe das Werk vorab gebilligt, beteuert der Vater. "Er hat nicht die kleinste Korrektur angebracht."

Das erscheint bemerkenswert. Schließlich stand es um das Verhältnis der beiden Sarkozys nicht immer zum Besten. Der Vater trennte sich von seiner Frau, als der kleine Nicolas vier Jahre alt war. Wenn er seinen Sohn später zum Mittagessen einlud, machte er ihm Vorhaltungen: "Mit dem Namen, den du trägst und den Noten, die du heimbringst, wirst du es nie zu etwas bringen." So kann man sich täuschen. Heute ist Pal Sarkozy stolz auf den "Filius", wie er ihn nennt: "Die Sarkozys schreiben eine Seite der Geschichte! Hat es das schon gegeben, dass der Sohn eines Staatenlosen Präsident der Republik wird?"

Dabei beginnt die ruhmreiche Familienhistorie schon im 17. Jahrhundert. Damals kämpfte ein Vorfahre so tapfer gegen die Türken, dass ihn der Habsburger-Kaiser Ferdinand II. in den Adelsstand erhob. Pal Sarkozy selbst verbrachte seine Kindheit auf einem Landschlösschen südlich von Budapest. Beobachtungen in der Tierwelt klärten ihn auf. "Der Esel ist ein exzellenter Liebhaber", lobt er in "So viel Leben". Mit elf Jahren will er seine Erkundungen an einem Kindermädchen fortgesetzt haben. Und so geht es weiter in Leben und Werk. Die Liebe nimmt breiten Raum ein in der Autobiographie des Präsidentenvaters. Zugleich versucht er darin, sich gegenüber dem Vorwurf zu verteidigen, er habe seine Familie im Stich gelassen.

Pal Sarkozy schildert, wie er als ganz junger Mann beinahe Selbstmord beging, weil ihm eine Geliebte den Laufpass gegeben hatte. Dies habe ihn geprägt. Seitdem habe er es vorgezogen, "zu verlassen, anstatt verlassen zu werden". Auch seine Heimat Ungarn gab Pal Sarkozy nach dem Zweiten Weltkrieg auf, aus Angst vor den Sowjets. An einem eisigen Wintertag kam er 1948 ohne Geld und ohne Schuhe in Paris an. Um die Füße hatte er Zeitungen gewickelt. Die erste Nacht verbrachte er in einer Metrostation, nicht weit von jenem Élysée-Palast, in dem heute sein Sohn residiert.

Der Immigrant reüssierte im Nachkriegs-Paris. Der charmante, gut aussehende Adelige fand Arbeit und Eingang in die bürgerliche Gesellschaft. 1950 heiratete er die Arzttochter Andrée Mallah. Das Paar bekam drei Kinder, Guillaume, Nicolas und François. Doch die Familie sah den Vater nicht viel, der in der Werbebranche Karriere machte. In seinem Buch erzählt er: "Ich hatte nur noch Augen für die Arbeit." Und für andere Frauen. Pal Sarkozy spricht von einer Sucht. Man brauche Mut, um davon loszukommen. "Ich hatte nie die Kraft dazu, und ich glaube, dass ich das auch gar nicht wollte." Schließlich zog seine Frau mit den Söhnen zurück in ihr elterliches Haus.

Nicolas Sarkozy muss unter der Abwesenheit des Vaters gelitten haben, genauso wie unter dessen Kritik an seinen schulischen Leistungen. Er wird mit dem Satz zitiert: "Die Erniedrigungen, die ich während meiner Kindheit erlebte, machten mich zu dem, was ich heute bin." Doch sein Vater will kein Rabenvater gewesen sein. Er habe seine Söhne regelmäßig getroffen und ihnen in den Ferien Segeln und Wasserskifahren beigebracht. "Ich habe sie nie verlassen, weder räumlich noch finanziell."

Auf vier Ehen und fünf Kinder sollte es Pal Sarkozy in Frankreich bringen. Heute lebt er zwischen modernen Gemälden auf einer Seine-Insel. Auf Nicolas, den "heißblütigsten" seiner Söhne, lässt er nichts kommen. Der Präsident sei zwar glücklos gewesen, weil er mit der Weltwirtschaftskrise konfrontiert wurde. "Aber er ist sie mit viel Mut angegangen." Wenn er seinen Sohn im Élysée-Palast oder bei Familientreffen sehe, rede man nie über Politik. Manchmal melde sich Nicolas auch am Telefon. "Ich selbst wage es dagegen nicht, ihn auf seinem Handy anzurufen."

Carla Bruni war es offenbar, die die beiden Sarkozys einander näherbrachte. Zum Dank hat sie Pal Sarkozy auf einem jener surrealistisch wirken wollenden Bilder porträtiert, die er mit dem Digitalkünstler Werner Hornung fabriziert. Das Werk zeigt Carla Bruni mit Gitarre an einem Klavier. Irgendwo zu ihren Füßen sitzt Nicolas Sarkozy ganz klein in seinem Büro. Zum Ausgleich zeigt ein anderes Werk den Sohn aus Nebel emporsteigend, als fahre er zum Himmel auf. Pal Sarkozys Bilder werden Ende April in dem Pariser Kulturzentrum Espace Cardin ausgestellt. Der Künstler sagt: "Nicolas und Carla haben mir angekündigt, zum Eröffnungsabend zu kommen." Vom Präsidentenpalast aus sind es nur ein paar Schritte.

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(SZ vom 27.03.2010/vs)