Resozialisierung "So naiv, dass ich glaube, wir könnten alle resozialisieren, bin ich nicht"

Aber es gibt doch auch Straftäter, die behandlungsresistent sind?

Die JVA in Stuttgart-Stammheim. Bernd Maelicke will die Zahl der Häftlinge reduzieren.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Das ist leider wahr. Jeder Mensch entscheidet sich immer wieder neu, ob er Straftaten begeht. Ich erinnere mich noch gut an einen Gefangenen in der JVA Lübeck. Bei ihm sind über Jahrzehnte alle Resozialisierungsmaßnahmen gescheitert. Er beging noch am Tag seines Ausbruchs einen Mord. So naiv, dass ich glaube, wir könnten alle resozialisieren, bin ich nicht. Aber ich bin sicher, wir können die Rückfallquoten massiv senken, indem wir Gefängnisaufenthalte reduzieren und die Bewährungshilfe und die freie Straffälligenhilfe ausbauen.

Sicherheit können Sie aber so auch nicht garantieren.

Sicherheit garantieren auch Gefängnisse nur zeitweise: 96 Prozent der Straftäter in Deutschland werden irgendwann wieder entlassen. Darunter sind auch ehemals gefährliche Häftlinge. In Lübeck ist gerade ein Mann nach Jahrzehnten mit bestmöglich abgesicherter Prognose entlassen worden und hat erneut jemanden mit einem Messer überfallen. Die Gutachter sind zwar überaus vorsichtig, aber absolute Sicherheit gibt es nicht.

Eine Strafe sollte doch auch gerecht sein. Beispiel Uli Hoeneß: Sollen wir prominenten Wirtschaftskriminellen das Gefängnis ersparen?

Wäre eine Verurteilung zu einer langjährigen gemeinnützigen Arbeit und einer Geldbuße in Millionenhöhe an Projekte zur Verringerung von Jugendkriminalität nicht sinnvoller und gerechter gewesen? Schließlich hat Hoeneß das Gemeinwohl geschädigt! Stattdessen ist er nun im offenen Vollzug und kümmert sich beim FC Bayern um die Jugendarbeit. Er hat sein altes Chefbüro wieder bezogen und seinen Fahrer wieder, er ist nun ein "Edelknacki", wie es viele andere gibt. Verstehen wir das unter Resozialisierung? Das ist doch kein sozial gerechtes Urteil und keine konstruktive Konfliktlösung.

Es gibt auch ja die Idee, dass ein Straftäter hinter Gittern seine Lektion lernt. Dass er seine Tat bereut, ein anderer Mensch wird. Nur eine naive Hoffnung?

Ganz und gar nicht. Das gibt es immer wieder. Der Fall eines Steuerhinterziehers aus Bayern ist bekannt, der im Gefängnis zu Gott gefunden und sein Leben verändert hat. Aber es kann nicht die Aufgabe des Staates sein, dass ein Einzelner möglicherweise Sühne empfindet. Staatliches Ziel ist die Resozialisierung - das sagt auch das Bundesverfassungsgericht. Zudem werden jedes Jahr etwa 50.000 Menschen aus dem Gefängnis entlassen - das entspricht etwa der Einwohnerzahl Passaus. Insgesamt leben heute mehr als 800.000 Entlassene in Deutschland, das sind unsere Nachbarn, manchmal auch unsere Freunde. Das ist eine starke Integrationsleistung der Gesellschaft. Aber viele von ihnen werden wieder rückfällig. Da muss man sich schon fragen, ob wir die Milliarden, die der Strafvollzug kostet, richtig investieren.

Und das tun wir nicht?

Ich glaube nicht mit ausreichender Rationalität und Wirksamkeit. Es gibt Berechnungen, wie hoch der volkswirtschaftliche Schaden durch Rückfälle ist. Im ersten Jahr nach der Entlassung ist die Gefahr besonders hoch. Wir brauchen kriminologisch abgesicherte Ziele: weniger Gefangene, mehr ambulante Betreuung. Wir müssen bei den "richtigen" Gefangenen die Sozialtherapie und den offenen Vollzug intensivieren und den Übergang in die Freiheit professioneller gestalten. Schleswig-Holstein ist ein gutes Beispiel für eine rationale Kriminalpolitik. Das Land hat eine ähnliche Sozialstruktur wie Rheinland-Pfalz, auch die Kriminalitätsstatistik ist vergleichbar. Doch statt 80 haben wir nur noch 40 Gefangene pro 100.000 Einwohner. Entsprechend weniger kostet der Vollzug, wir konnten die Ausgaben dadurch umschichten: Wir haben die Bewährungshilfe, die Gerichtshilfe und die freie Straffälligenhilfe ausgebaut. Die Kriminalitätsrate ist nicht angestiegen.

Aus dem Knast ins Entlassungsloch

Von einem "Wettbewerb der Schäbigkeit" ist bisweilen die Rede, wenn es um den deutschen Strafvollzug geht. Das mag übertrieben sein, doch von einheitlichen Qualitätsstandards ist die Bundesrepublik weit entfernt. Insbesondere die Resozialisierung krankt - weil sie sich auf die Zeit im Knast konzentriert anstatt auf die Freiheit danach. Bernd Maelicke mehr ...

Wurden so auch die Rückfallquoten gesenkt?

Das glaube ich schon. Allerdings kann ich das nicht empirisch beweisen. Es gibt dazu leider keine kriminologische Forschung. Ein weiterer Schwachpunkt unseres Systems. Aber die Formel stimmt: Viele Gefangene bedeuten viele Rückfälle, weniger Gefangene weniger Rückfälle.