Ein Kommentar von Werner Bartens

Reproduktionsmediziner konfrontieren die Öffentlichkeit einmal mehr mit neuen Grenzüberschreitungen aus dem Labor - und erschüttern damit Verwandtschaftsbeziehungen und ethische Positionen.

Das Leid des Einzelnen lässt niemanden kalt. Unter dem Eindruck menschlicher Schicksale erscheinen neue Therapien fast immer wichtig und plausibel. Können Krankheiten geheilt, verhindert oder wenigstens Schmerzen gelindert werden, ist die emotionale Zustimmung zu einer Behandlung schnell gegeben.

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Dies gilt besonders, wenn der Einzelfall dramatisch inszeniert wird. In den USA ist die Erfahrung damit groß - kranke Kinder treten im Kongress auf, um für die Stammzellforschung zu werben, gelähmte Schauspieler, wie der inzwischen gestorbene Superman-Darsteller Christopher Reeve, appellieren, die Wissenschaft auf neuen Wegen zu unterstützen.

Akzeptanz-Rhetorik nennen Soziologen diese Überzeugungsarbeit, die immer dann bemüht wird, wenn die Gesellschaft auf umstrittene Therapien eingestimmt werden soll.

Derzeit konfrontieren Reproduktionsmediziner die Öffentlichkeit wieder mit neuen Grenzüberschreitungen aus dem Labor. Auf einer Konferenz in Lyon stellten sie diese Woche den Fall einer 35-jährigen Rechtsanwältin aus Kanada vor, die ihrer Tochter Eizellen gespendet hat, die sie später einmal austragen könnte.

Die Tochter ist sieben Jahre alt. Weil sie an einer seltenen Chromosomenstörung leidet, wird sie selbst nie Kinder bekommen können. Sollte sie eines Tages die Eizellen befruchten lassen und Nachwuchs zur Welt bringen, würde sie ein Kind gebären, dass genetisch ihr Halbgeschwister wäre. Die Eizellspenderin kann sich bis dahin überlegen, ob sie sich als Mutter oder Großmutter des Kindes fühlen würde, das ihre Tochter bekäme.

In Lyon wurde ebenfalls bekannt, dass erstmals ein Kind nach künstlicher Befruchtung geboren wurde, ohne dass die Mutter zuvor die mühselige hormonelle Stimulation der Eizellen über sich ergehen lassen musste. Diese Prozedur ist unangenehm. Sie hat Nebenwirkungen, vereinzelt ist es zu Todesfällen gekommen.

Betroffene Frauen wie Fruchtbarkeitsmediziner begrüßen es deshalb, wenn künftig Eizellen einfacher entnommen werden könnten, und der erforderliche Reifungsprozess im Labor stimuliert würde. Bisher schrecken viele Frauen vor der künstlichen Befruchtung zurück, weil sie die Hormonbehandlung fürchten.

Die Akzeptanz-Rhetorik hat gegriffen

Fällt die Prozedur weg, wären vermutlich viel mehr befruchtete Eizellen verfügbar, aus denen dann embryonale Stammzellen entnommen werden könnten. Bisher war die begrenzte Zahl der Eizellen auch ein begrenzender Faktor für die Stammzellforschung.

Technische Machbarkeit hat schon oft die Grenzen der ethischen Akzeptanz verschoben. Der Arzt, der die Kanadierin betreut, die ihrer Tochter Eizellen spendet, stimmte zu, weil er nicht wissen könne, wie die ethische Haltung zu dieser Frage in zwanzig Jahren sei.

Die Ethikkommission gab ebenfalls ihr Plazet. Hier hat die Akzeptanz-Rhetorik gegriffen: Einem unfruchtbaren Mädchen wird es ermöglicht, ein Kind zu bekommen, auch wenn das bisherige Verwandtschaftsbeziehungen auf den Kopf stellt. Der Kampf gegen individuelles Leid wird stärker gewichtet als die Wahrung herkömmlicher Vorstellungen von Familie.

Auch im Fall der Eizellen, die ohne Stimulation entnommen im Labor reifen, bedrängt die Forschung den bisherigen ethischen Konsens. Natürlich ist es Frauen zu wünschen, dass sie für die künstliche Befruchtung weniger leiden. Doch diese Technik würde mehr Stammzellen liefern und daher zwangsläufig auch neue Begehrlichkeiten nach einem laxeren Umgang mit den Zellen wecken.

Das Hauptargument gegen einen gelockerten Embryonenschutz - aus embryonalen Stammzellen kann potenziell ein Mensch entstehen - bliebe von diesem Fortschritt der Forschung jedoch sowieso unberührt.

So wichtig es ist, dass die Wissenschaft neue Wege sucht, um Menschen zu helfen: Laborerfolge im Kampf gegen individuelles Leid genügen nicht, um ethische Positionen voreilig aufzugeben.

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(SZ vom 5.7.2007)