Renaissance des Notizbuchs Wild und ungestylt

Gegen seelenloses Tastaturgeklicke: Handgeschriebenes wird wieder zum analogen Ereignis, das Notizbuch ist zurück. Und sorgt für erotischen Größenwahn unter seinen Liebhabern.

Von Hilmar Klute

Natürlich wünscht man sich als wacher Zeitgenosse, einer dermaßen überbordenden Wahrnehmungsemphase fähig zu sein, dass man ohne Notizbuch eigentlich gar nicht mehr auskommt. Die Welt ist schließlich vollgepfropft mit Merkwürdigkeiten, ob man im ICE sitzt, im Flughafen-Sicherheitsbereich oder sonstwo in der gedeuteten Welt. Da gilt es doch, sich Notizen zu machen über Anzugträger, die in ihren iPads heimliche Affären ausleben; da muss man doch hinschauen, nicht wahr, wenn die Jetset-Tusse sich nachschminkt und ganz schnell den Satz "Jetset-Tusse schminkt sich nach" in sein Notizbuch schreiben.

Aber seltsam: Gerade dann, wenn man ein Notizbuch bei sich trägt, kommt einem die Welt selten bedeutungsvoll genug vor, um etwas von ihr schriftlich festzuhalten. Und was die eigene Gedankenwelt angeht, so ist diese qua Versauung durch das tägliche Einerlei auch nicht immer so farbig, wie sie sein sollte. Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel hat eine hübsche Erzählung über einen Mann geschrieben, der die Taschen voller Notizbücher hat, um möglichst immer und überall Ideen und Gedanken notieren zu können. Aber irgendwie fällt ihm nichts ein. Er liest stattdessen Zeitungen, und da steht eh schon alles drin, also was soll er noch aufschreiben?

Wenn man sich in den Papeterien dieser Welt umschaut, sieht man unglaublich viele Notizbücher ausliegen. So als seien überall schreibende Protokollanten des Alltagslebens unterwegs, unablässig notierende Seismographen der Spätmoderne, die ständig Nachschub brauchen. Dabei schreibt doch heute kaum noch jemand etwas mit der Hand irgendwohin, oder? Das Wort Notizbuch ist vom Wort Notebook abgelöst worden - alle tippen irgendetwas in ihre Dinger. Oder stimmt das gar nicht? Gibt es eine zugegeben noch recht stille Sehnsucht nach dem Handschriftlichen, die aber wachsen kann und irgendwann mächtig und selbstbewusst neben dem digitalen Plastikgetippe zu stehen kommen wird? Fest steht, dass immer mehr Labels mit irgendwie designten Leere-Seiten-Büchlein daherkommen.

Angefangen hat das mit Moleskine, das sind die festen schwarzen Büchlein mit Lesefaden und Gummibandverschluss. Der Reiz an diesen Moleskines lag offenbar darin, dass namhafte Autoren und Künstler dieses Modell in früheren Zeiten verwendet haben, unter anderem Ernest Hemingway und der ewige Bruce Chatwin, auf den sich inzwischen alle berufen, die einmal einen mehr als elfstündigen Flug hinter sich gebracht und in Khakishorts auf einer Hartgraswiese gestanden haben. Chatwin soll den Satz gesagt haben, er fände es schlimmer, seinen Reisepass zu verlieren als seinen Moleskine. Ob das so stimmt, weiß natürlich kein Mensch.

Trotzdem wurden die schwarzen Dinger sehr populär, es gibt sie liniert, kariert und mit weißen Seiten; es gibt sie mit Notenlinierung für Spontankomponisten, es gibt sie als Terminkalender und Adressbuch. Und immer liegt den Moleskines ein kleiner weißer Zettel bei, auf dem die interessante wie legendäre Geschichte dieses Notizbuchs nachzulesen ist. Der Reiz der Moleskines liegt vermutlich darin, dass man sich zumindest gedanklich in die Reihe jener großen Männer - große Frauen notieren offenbar eher selten etwas - stellen kann, ohne selber besonders Bemerkenswertes hervorbringen zu müssen.

Es gibt Notizbuchanbieter, welche diese gefühlte Verwandtschaft des Benutzers - einen Notizbuchinhaber kann man zum Glück nicht User nennen - mit einem größeren Bruder im Geiste in schwindelnde Höhen treiben. Der Verlag Reclam zum Beispiel bietet ein Notizheft an, das wie ein Exemplar aus Reclams gelber Universalbibliothek aussieht. Mit dem Unterschied, dass man in ihm keine Sätze von Shakespeare, Schiller oder Hauptmann findet, sondern zunächst einmal weiße Seiten. Wer diese aber nach einigem Gewürge mit seinem eigenen Schmonzes gefüllt hat, kann sagen, er habe ein Reclamheft geschrieben. Zumal ein Bleistiftstummel in einer Schlaufe neben dem Heftchen mitgeliefert wird.

Das Notizbuch war immer der geduldige Faselspeicher der Schriftsteller. Georg Christoph Lichtenberg, der kleinwüchsige Aphoristiker der deutschen Aufklärung, hat seine Kladden "Sudelbücher" genannt, ein Ausdruck, den Kurt Tucholsky später für seine Notizheftfüllarbeit übernommen hat. Im Notizbuch, so kommt es einem vor, ist das Papier noch viel geduldiger, als wenn es ungeschützt als weißer Bogen auf dem Tisch liegt. Denn im Moleskine lässt sich alles, was man vor ein paar Sekunden logorrhöhaft auf die Blätter hat fließen lassen, mit einem Handgriff per Gummiband vor begehrlichen Augen verschließen. Da fällt es richtig auf, wenn einer mal nicht die veredelten Hardcover-Büchlein benutzt, sondern etwas Weiches, leicht Knick- und Einsehbares.