Reinhold Messner "Wir lernen nur durch Scheitern"

Reinhold Messner ist eine der umstrittensten Figuren der Bergsteigerszene. Ein Gespräch über Glück, Motivation und das Abrufen von Leistung im richtigen Moment.

Interview: M. Ruhland, D. Steigenberger

sueddeutsche.de: Sie haben Ziele erreicht, die vorher als unerreichbar galten. Fallen Sie nach jedem bahnbrechenden Erfolg in ein Loch?

Messner: Im Grunde funktioniert es immer gleich: Das Entscheidende ist die Identifikation mit einem Ziel, die Auseinandersetzung damit. Natürlich ist auch Training wichtig. Der Gipfelmoment ist aber nicht der wesentliche. Gerade bei den ganz großen Bergen ist er im Grunde nur der Umkehrpunkt. Die starken Emotionen entstehen erst nachher. Der Gipfelpunkt ist nicht das, was sich die Leute unten vorstellen. Das ist nur ein Klischee. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der hoch oben auf einem Achttausender seinen Klimax erlebte.

sueddeutsche.de: Sie empfinden kein Glück, wenn Sie auf dem Gipfel eines Achttausenders stehen?

Messner: Ich habe ein Problem mit Leuten, die dauernd über das Glück reden, weil ich glaube, dass sie ihm nur hinterherlaufen. Natürlich, es gibt dieses Gefühl: "Ich habe Glück gehabt, ich habe den richtigen Gipfel angepeilt." Diese Art von Glück ist ein anderes als das Glück, von dem ich nicht gerne rede. Ich laufe ihm nicht hinterher.

sueddeutsche.de: Sie haben vor ein paar Jahren einmal gesagt: Das Glück ist immer da, wo ich nicht bin.

Messner: Das war eine selbstkritische Aussage, die ich auch gerne wiederhole.

sueddeutsche.de: Was meinen Sie damit?

Messner: Wir Menschen haben die Eigenschaft - und darauf beruht die ganze Romantik -, immer dort sein zu wollen, wo wir gerade nicht sind. Das heißt, wenn ich irgendwo am Basislager am Mount Everest bin und es schneit seit drei Tagen, möchte ich gern daheim sein. Aber wenn ich wochenlang daheim bin, möchte´ ich gern irgendwo da draußen sein.

sueddeutsche.de: Wir machen uns also ständig etwas vor, sind krankhaft getrieben?

Messner: Nein, aber wir sind Menschen. Ich bin kein Wissenschaftler, sondern jemand, der der Menschennatur auf den Fersen ist. Ich möchte herausfinden, wie wir ticken. Ich lebe beim Schreiben nur davon, dass ich uns selber kritisch anschaue. Und es ist nicht so, dass ich die Leute negativ oder positiv beschreibe. Ich beschreibe nur Fakten. Mich interessieren aber weniger Fakten wie: welcher Berg, wie viele Lager oder wie viel Zeit jemand zum Aufsteigen braucht. Mich interessiert die Menschennatur, nicht die sportliche, sondern die psychologische Seite. Ich gehe meinetwegen, das heißt, meiner Menschennatur wegen auf die Berge, und nicht, um irgendeine Erstbegehung zu machen oder um einen Rekord aufzustellen oder die 14 Achttausender zu besteigen. Es kam am Ende heraus.

sueddeutsche.de: Sie sind mit Ihren Expeditionen immer wieder auch gescheitert. Scheitern, schreiben Sie in Ihren Büchern, ist wichtiger als alles andere. Warum?

Messner: Wir lernen fast nur durch das Scheitern. Wir Menschen sind so veranlagt, dass wir nur dann lernen, wenn wir einen Dämpfer kriegen. Solang wir Erfolg haben, solang uns die Umsetzung einer Idee ohne Probleme gelingt, wissen wir gar nicht, warum wir Erfolg haben.

Reinhold Messner - Leben für den Berg

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