Reden wir über Liebe "Oft steckt Egoismus dahinter"

Bei manchen Menschen nimmt die Liebe zu ihrem Tier sehr viel Raum ein.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Frauchen und Herrchen verzichten auf Urlaub oder teilen ihr Bett mit Hund und Katz. An Sex ist nicht zu denken - man wird beobachtet. Eine Historikerin erklärt, wie sich die Liebe zum Tier verändert hat.

Von Violetta Simon

Geht die Liebe zu einem Hund oder einer Katze bei manchen Menschen zu weit? Mieke Roscher hält das für die falsche Frage. Die 44-jährige Historikerin lehrt an der Universität Kassel als bundesweit erste Professorin die Geschichte der Beziehungen zwischen Tieren und Menschen (Human-Animal Studies). Im Gespräch mit der SZ erklärt Roscher, warum die Liebe zum Tier als Beziehungsform einen eigenen Platz in der Gesellschaft finden sollte.

SZ: Vorab eine persönliche Frage ...

Mieke Roscher: Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, ob ich Haustiere habe oder Vegetarierin bin!

Wäre das ein Problem?

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Eine Sexualtherapeutin würde man auch nicht bitten, ihre sexuelle Orientierung preiszugeben. Oder den Mitarbeiter einer Flüchtlingsorganisation nicht nach einem möglichen Migrationshintergrund fragen.

Also gut, kommen wir zur Beziehung der Menschen zu ihrem Haustier - die ist ja häufig sehr emotional, woher kommt das?

Wir haben nicht mehr die ökonomische Notwendigkeit, Haustiere zur Arbeit heranzuziehen. Emotional sein zu dürfen, wurde früher vor allem Frauen zugesprochen, bis Ende des 19. Jahrhunderts war es dem Adel, später dem Bürgertum vorbehalten. Heute ist es in der westlichen Kultur anerkannt, emotional zu sein - und damit auch zu Tieren.

Manche gehen kaum mehr aus, weil sie ihr Haustier nicht alleine lassen wollen.

Solange sich jemand dadurch nicht eingeschränkt fühlt, ist er es auch nicht. Wenn man sehr viel arbeitet, ist das ja auch eine Einschränkung. Dennoch empfindet mancher es als Erfüllung und es macht ihm Spaß. Ähnlich ist es in der Partnerschaft, wo man überlegt, wieviel Energie und Beziehungsarbeit man investieren soll. Oft steckt dahinter Egoismus - die Hoffnung, etwas zurückzubekommen.

Nicht selten werden Vierbeiner vermenschlicht - falsch verstandene Tierliebe?

Das Problem daran ist, dass Besitzer dabei gegen die Interessen und Bedürfnisse des Tieres handeln. Nur kann das Tier sich nicht ausdrücken und muss das oft über sich ergehen lassen. Um seine Bedürfnisse zu entziffern, braucht der Mensch also besonders viel Empathie. Den meisten Tierbesitzern ist das bewusst, aber sie halten sich nicht immer daran. Tatsächlich gehen sie zu oft von sich aus und glauben: "Was wir toll finden, muss das Tier auch toll finden."

Zum Beispiel?

Überfütterung - das ist total falsch verstandene Liebe, man würde ja auch keinen Menschen mästen. So etwas geht konsequent gegen die Interessen des Tieres. Natürlich essen Hunde gern Schokolade. Aber vor allem essen Hunde überhaupt gern. Wenn man ihre Bedürfnisse ernst nimmt, sollte man verstehen, dass ein Hund eben auch jagen und sich bewegen will. Das kann er nicht, wenn er zu fett ist.

Hundemenschen, Katzenmenschen: Woher kommt das Vorurteil, dass diese beiden Gruppen unvereinbare Gegensätze trennen?

Der Hund sucht menschliche Nähe, die Katze ist ein Einzelgänger. Während sie auch ohne Menschen zurechtkommt, sind Hunde allein kaum überlebensfähig. Das drückt sich im Sozialverhalten aus: Hunde bleiben beim Menschen, Katzen am Ort. Das macht wiederum etwas mit der Beziehung zum Menschen: Wer mit Katzen lebt, wird verstehen und zu schätzen wissen, dass die Tiere ihre Ruhe wollen. Dass ein Tier ständig Aufmerksamkeit einfordert, dabeisein will und einem hinterherläuft, damit kommen Hundebesitzer in der Regel besser klar. Jedenfalls sollten sie das.