Von Meite Thiede

So schnell hätte man nicht mit diesen Auswirkungen der Rauchverbote gerechnet: Die Deutschen haben deutlich weniger für Zigaretten ausgegeben. Das Ausland lehrt jedoch, dass er bald wieder steigen wird.

Der Reemtsma-Konzern will seine Kunden nicht im Regen stehen lassen. In diesen Wochen rollt ein VW-Bus durch Deutschland und postiert sich vor gut besuchten Kneipen. In dem Bus können Raucher rauchen, so viel sie möchten. Das "rollende Raucherzimmer" soll den Qualmern, die nun auch in Deutschland aus allen öffentlichen Räumen verscheucht werden, ein kleines Refugium bieten. Denn trotz Rauchverbots werden sie weiter kräftig an der Kippe ziehen - sie müssen sich nur erst einmal neu organisieren.

Eine Zigarette - ausgedrückt auf dem Trafalgar Suare in London. (© Foto: AFP)

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Und dabei wollen die Tabakkonzerne ihren Stammkunden tatkräftig zur Seite stehen. Mit Raucherbussen oder mit technischen Lösungen für Kneipen: Damit die ein chices und kuscheliges Raucherplätzchen im Freien einrichten können, gibt es Wolldecken, Windschutz oder Heizstrahler zum Schnäppchenpreis - gegen ein bisschen Werbung, versteht sich.

Dass der Zigarettenabsatz im ersten Quartal um 8,7 Prozent auf 22,37 Milliarden Stück eingebrochen ist, macht die Branche nicht sonderlich nervös. Das reguliert sich schon wieder, heißt es. Was im Moment in der deutschen Raucherszene passiere, sei das klassische, zeitverzögerte Ausweichverhalten. Die Konzerne haben mittlerweile Routine darin, die Psyche ihrer Kunden einzuschätzen. Deutschland ist ja nicht das erste Land, das seine Bürger zu Nichtrauchern machen möchte.

Der Blick aufs Ausland zeigt, dass die abschreckende Wirkung eines Verbots in der Öffentlichkeit mittelfristig nur eine schwache Wirkung auf den Verkauf der Zigaretten hat. In Italien, wo das Rauchverbot 2005 eingeführt wurde, liegt der Verkauf inzwischen wieder auf dem alten Niveau. Für Deutschland erwartet die Branche in diesem Jahr zwar ein Minus von drei bis fünf Prozent. Aber anschließend werde der Absatz wieder steigen, sodass sich mittelfristig ein Minus von nur noch ein bis zwei Prozent errechnet.

Der Raucher braucht ein paar Monate, um sich auf die neue Situation einzustellen. Er muss andere Kneipen finden, die seiner Sucht entgegenkommen, oder er muss seine privaten Feiern organisieren. "Es gibt einen Trend zum Home-Entertainment", heißt es bei Reemtsma. In Irland zum Beispiel ist nach dem Rauchverbot der Absatz an Fassbier eingebrochen und der Absatz an Supermarktbier gestiegen. Ähnliches deutet sich auch bereits in Deutschland an.

Die deutschen Tabakkonzerne sind Kummer gewohnt. Schon seit Jahren scheint ihre Existenz regelmäßig bedroht zu werden - von steigenden Steuern, von Billig-Konkurrenz aus dem Ausland, von Schmuggelware, abschreckenden Aufklebern, Werbeverboten oder Rauchverboten. Tatsächlich schrumpft die Branche - pro Jahr etwa um ein bis zwei Prozent -, aber die Ergebnisse der Konzerne, die ja international aufgestellt sind, leiden nicht darunter. Stets zeigt sich die Branche geschmeidig: Verordnet sich eine freiwillige Selbstbeschränkung, bevor ein staatliches Werbeverbot verhängt wird, und erschließt Märkte im Osten, wo die Welt noch in Ordnung ist, weil es keine Werbeverbote, keine Schadensersatzklagen und keinen sozialen Druck auf Raucher gibt.

Für die Konzerne sind vor allem die Produktpiraterie und der Schmuggel ein wachsendes Ärgernis. Jede fünfte Zigarette, die hierzulande geraucht wird, ist nicht in Deutschland versteuert worden. Das ist fast eine Verdoppelung innerhalb von drei Jahren. In östlichen Grenzgebieten geht der Anteil der unversteuerten Ware bis auf 60 Prozent hoch, im Ruhrgebiet wurden 2007 Spitzenwerte von mehr als 30 Prozent erreicht.

Die Gründe sind unterschiedlich. Während in Ostdeutschland der Einkaufstourismus eine große Rolle spielt, vermutet die Branche im Westen vor allem illegale Vertriebsstrukturen. Auch in Hamburg hat sich offenbar eine gut funktionierende Logistik für den kriminellen Zigarettenimport etabliert. Dort ist der unversteuerte Anteil innerhalb eines Jahres von neun auf 13 Prozent gestiegen. Die Branche fordert mehr Einsatz der Zollfahndung und verweist gerne auf das Beispiel Ungarn. Seitdem das Land seine Kontrollen im Hinterland verschärft hat, Bußgelder sofort kassiert und ersatzweise sogar Autos konfisziert, habe sich der Anteil unversteuerter Ware halbiert und die Steuereinnahmen aus Tabakprodukten seien um 22 Prozent gestiegen. "Jeder zusätzliche Zollfahnder refinanziert sich in kürzester Zeit", heißt es deshalb.

Um dem illegalen Treiben auf die Spur zu kommen, lässt die Branche seit vier Jahren gezielt und professionell im Müll wühlen. In 22 Entsorgungsgebieten des Dualen Systems werden jeden Monat 12000 Zigarettenschachteln aus den gelben oder blauen Säcken und Tonnen gefischt. Die werden dann untersucht: Ob sie überhaupt eine Banderole haben und aus welchem Land diese stammt. Zwar werden die Übeltäter damit nicht gefunden, aber der Staat kann dann errechenen, wie viel Steuern ihm entgangen sind. 2006 zum Beispiel waren es demnach vier Milliarden Euro.

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(SZ vom 19.4.2008)