Rauchverbot in der Türkei Stunde der Denunzianten

Türkische Raucher haben Angst: Seit dieser Woche gilt in geschlossenen Räumen ein strenges Verbot. Wer sich nicht daran hält, muss damit rechnen, dass andere petzen - per SMS.

Von Kai Strittmatter

Man hört Türken oft klagen, ihre Landsleute würden vieles nur halbherzig angehen und manche Gesetze seien das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben wurden. Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die werden in diesem Land so ernst genommen, dass man sich als Ausländer nur wundern kann. Seit Sonntag herrscht Rauchverbot in allen geschlossenen Räumen, in Kaffehäusern und in Rakikneipen.

Zuvor hatte Premier Tayyip Erdogan seinem Volk verkündet, der Kampf gegen das Rauchen sei "so wichtig wie der Kampf gegen Terrorismus", eine Mahnung, die ihren Widerhall fand beim Kolumnisten Mümtaz'er Türköne, der ohne Ironie befand, es gebe schlicht "keinen Unterschied zwischen denen, die die Freiheit zu rauchen verteidigen, und denen, die die Terrororganisation Ergenekon unterstützen": Beide trachteten unschuldigen Leuten nach dem Leben.

Premier und Kolumnist können aufatmen. Das Verbot funktioniert. "Vom ersten Tag an", wie die Zeitung Radikal stolz feststellte. Tatsächlich funktioniert es so gut, dass mancherorts übereifrige Kellner den Gästen das Rauchen sogar dort verbieten, wo es eigentlich noch erlaubt ist: auf der Sonnenterrasse zum Beispiel.

Unter den Rauchern geht die Angst um

Im Sportclub-Café von Yeniköy werden wir Zeugen eines Streits: "Ich kenne meine Rechte", ruft ein erregter Kunde: "Natürlich darf ich hier draußen rauchen." Dann stürmt er davon. "Aber er stand doch unter einem Sonnenschirm", sagt Kellner Nedim. "Ist es nicht unter Sonnenschirmen auch verboten? Wir können einfach kein Risiko eingehen. Sie verstehen, die Spitzel ..."

Passionierte Raucher erkennt man dieser Tage an dem ängstlichen Blick über die Schulter, während sie im Café Platz nehmen, dann folgt die leise Frage: "Darf ich hier...?" Über 3000 Inspektoren sind unterwegs, um Verstöße zu ahnden. Die Geldstrafen sind hoch: Umgerechnet 30 Euro für den Kunden, bis zu 2600 Euro für das Café. Es heißt, die Inspektoren dürften einen Teil der Geldstrafe für sich behalten. "Die sind scharf", sagt Nedim. Nervös ist auch der 32-jährige Gast Kasim, ein Lagerarbeiter. "Ich glaube, ich werde jetzt weniger rauchen."

Petzen per Handy

Es ist die Stunde der Denunzianten. Unter 155 kann man mit einem Anruf jedes Café anzeigen, die Beamten sind sofort da. "Es gibt auch eine Nummer, an die man per SMS die mit dem Handy geschossenen Beweisfotos schicken kann", sagt Kellner Nedim. Dass die Nervosität von Rauchern und Kellnern nicht unbegründet ist, zeigt die Geschichte von Remzi Caliyir aus Adana.

Caliyir saß mit seinen Freunden im Kaffeehaus, und als sich alle der Reihe nach wie gewohnt ihre Zigarette anzündeten, da erinnerte er sie mahnend an das neue Gesetz. Als die Freunde grinsend weiterrauchten, da zog er unter ihren ungläubigen Blicken das Handy aus der Tasche und rief die Polizei an - woraufhin sich die Gesellschaft schlagartig auflöste.

Die alten Kaffee- und Teehäuser, wo seit Urzeiten das Trio Mann - Tee - Zigarette zusammenfindet, leiden am meisten. Ein Besitzer verteilt Nikotin-Kaugummis, ein anderer versucht mit nikotinhaltigen Auberginengerichten die Gäste bei der Stange zu halten, bislang vergebens: Viele der Männerkneipen sind leer. "Kaffeehausbesitzer in Rauch aufgelöst", titelte die Zeitung Milliyet.

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