Radical Honesty Und nichts als die Wahrheit

Das erste zerbrochene Ego gab es bei einem Telefonanruf am dritten Tag. Ich erklärte einem - zumindest bis dahin - sehr guten Freund am Telefon, dass er sich verdammt nochmal einen Job suchen soll und mir nicht mit seinem Mitleids-Geflenne und der Nach-Studiums-Depression auf die Nerven gehen soll.

In der Beziehung ist radikale Ehrlichkeit nicht immer der beste Weg.

(Foto: Foto: Istock)

Ach ja, seine Frisur sähe aus, als würde man Spaghetti schwarz färben und sie ihm auf den Kopf legen. Er hat aufgelegt. Wir haben bis heute nicht miteinander gesprochen. Aber ich bin mir sicher, nie wieder Geschichten über Bewerbungsunterlagen und Vorstellungsgespräche zu hören. Schön.

Noch ein oberflächlicher Journalist

Um Anarchie in der kleinen Welt zu verhindern, sollte eine Woche genügen. Radical Honesty light für Wahrheits-Amateure sozusagen, der "Truth Doctor" sollte helfen. Eine E-Mail mit der Projekt-Erklärung beatwortete Blanton so: "Oh mein Gott, noch so ein oberflächlicher Journalist, der das mal kurz versuchen will! Kein Interesse." Okay, der Mann ist ehrlich.

Blanton hat sieben Bücher veröffentlicht, er hat für den Kongress in Virginia kandidiert (und 25 Prozent geschafft), er veranstaltet Workshops, die sich tagelang hinziehen und bei denen man sich irgendwann einmal nackt ausziehen muss. Auf Fotos sieht er aus wie eine Mischung aus Wanderprediger und Hinterbank-Politiker. Er hat das Lächeln im Gesicht, das sich Schauspieler auf dem roten Teppich oder Hostessen bei den Olympischen Spielen ins Gesicht tackern. Und der denkt nach einer E-Mail, dass ich ein oberflächlicher Lügner sei.

Kleine und große Lügen

Es stimmt. Ich lüge. Jeden Tag. Ich würde mich jetzt nicht zu den großen Lügnern zählen, eher zu den Wahrheitsbiegern und Beschönigern. Ich sagte bisher: "Steht dir schon, das Kleid", wenn ich sagen wollte: "Ist dein Arsch fett in dem Ding!" Und natürlich: "Klar kümmere ich mich drum, lieber Kollege", obwohl die Wahrheit wäre: "Warum machst du das nicht selbst, Vollidiot?" Das ist Diplomatie oder Taktgefühl, wie auch der Mannheimer Sozialpsychologe Marc-André Reinhard bestätigt.

Er unterscheidet gute und schlechte Lügen: "Eine schlechte Lüge ist die bewusste falsche Weitergabe von Informationen. Aussagen, von denen man eindeutig weiß, dass sie nicht wahrhaftig sind, und die dazu dienen, einen eigenen Vorteil zu erlangen. Lügen, die weniger problematisch sind, dienen beispielsweise dem Schutz des Selbstvertrauens einer nahestehenden Person."

Für Branson ist das Quatsch - oder in seiner Sprache: "Bullshit". Eine Lüge ist eine Lüge ist eine Lüge. Fertig. Aus. Und der Mensch lügt laut einer Studie des Mentiologen - so die wissenschaftliche Berufsbezeichnung des Lügenforschers - Peter Stiegnitz 150 bis 200 Mal. Pro Tag. Dazu gehören auch Ironie, Hochstapelei und Untertreibung aus Bescheidenheit.

Das ist nun vorbei. Eine Woche lang. Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. So wahr mir Gott helfe.

Es ist eine seltsame Situation, wenn man den Leuten großmäulig verkündet, so etwas zu versuchen. Sie sehen einen an, als würde man ihnen die "Sendung mit der Maus" erklären. "Dann bleib' besser daheim", sagen die meisten. Warum haben sie Angst, nur weil einer mal verkündet, dass er keinen Bock hat, Lügen zu erzählen? Warum assoziieren sie damit automatisch etwas Negatives? Es gab keinen, der sagte: "Oh cool, da gibt es schon ein paar Dinge, die ich gern von Dir wüsste!" Aber um ehrlich zu sein: Es war mir scheißegal.

Lesen Sie weiter: Das erste Mal und ein Abend mit der Ehefrau.

Das erste Mal war auf dem Münchner Hauptbahnhof. Eigentlich kein Ort, der für Adrenalin und erste Male bekannt ist. Man kann Radical Honesty nicht planen, Samstagmorgen sollte es losgehen, also ging es Samstagmorgen los.

Die Aufregung, von der Brad Blanton, der "Truth Doctor" und Erfinder der "Radical Honesty" gesprochen hat, ist tatsächlich da. Es ist wie damals in der zehnten Klasse, als jeder ein hübsches Mädchen fragen musste, ob es mit ihm zum Abschlussball gehen wolle. Ich stand in der Schlange vor dem Schalter, um ein Ticket zu kaufen.

Ein junger Mann wollte nach vorne, weil sein Zug in drei Minuten fahren würde. Alle Wartenden ließen ihn gewähren. Dann sagte die Frau am Schalter: "Tja, Pech gehabt. Ich bediene erst den anderen." Wie oft hat man diese Situation schon erlebt, wie oft denkt man sich: "Jetzt müsste mal jemand etwas sagen!"

Unverblümt gegen unhöflichen Service

Doch nun war es soweit. Ich würde derjenige sein, der seinen Mund aufmacht. Nein, ich musste derjenige sein. Die Schlagader pulsierte bis zur Zerrung. Irgendwas wollte mich zurückhalten, aber es war zu spät: "Das gibt's ja wohl nicht, Sie blöde Kuh. Sie wundern sich echt, dass jeder die Bahn hasst. Da wollen Sie zweifünfzig Bedienzuschlag, und dann hockt da eine dumme Schnepfe wie Sie und lässt den Mann seinen Zug verpassen."

Die Frau sah mich an, als hätte man ihr eine Ohrfeige verpasst. Sie fragte verblüfft: "Was soll ich jetzt machen?" "Den Mann bedienen, weil das Ihr verdammter Job ist!" Sie wurde pampig: "Und es ist mein Job, mich Arschloch nennen zu lassen?" Meine Antwort: "Ich habe nur Schnepfe und blöde Kuh gesagt."

Zwischen Held und Arschloch

Dann bin ich gegangen und habe mir ein Ticket vom Automaten geholt. Es war ein seltsames Gefühl. Befreit. Mutig. Heldenhaft. Diese 30 Sekunden kamen mir vor wie ein schnell geschnittener Kurzfilm. Die anderen Wartenden sahen mir nach mit einem Ausdruck der - wie ich glaube - Bewunderung und Überraschung. Die anderen Gefühle: Niedergeschlagen. Taktlos. Arschloch. Ach, egal. "Mit der Zeit lernt man diese Aufregung des ständigen Risikos zu schätzen", schreibt Blanton. Das ist wahr.

Kick Nummer zwei folgte am Abend. Es war keine aufregende Konversation mit der Ehefrau. Ich erklärte, dass mein Gehirn nie abschalten würde. Sie behauptete, dass ihr das genauso gehen würde. Da fühlte ich den Dämonen Taktlosigkeit wieder in mir hochkommen: "Ich wäre ja schon froh, wenn du dein Gehirn für sechs Stunden am Tag einschalten würdest."

Lesen Sie weiter, wie die Ehe nach diesem Satz weitergeht ...