Eine Woche, ein Experiment: Keine Lügen, nur die Wahrheit. Ohne Taktgefühl und Beschönigungen. Es kann das Leben verändern - oder einem einfach nur egal sein.
Dieser Text. Er soll mich berühmt machen. Und reich. Die Menschen sollen ihn großartig finden. Sie sollen Leserbriefe schreiben. Mein Chef soll eine Sonderprämie ausloben. Ein anderer Arbeitgeber soll mir ein phantastisches Angebot machen - das ich je nach Laune annehme oder ablehne. Alte Schulfreunde sollen mich um meinen Job beneiden. Meine Kollegen sollen mich preisen. Ach ja: Natürlich gibt es diesen Text, weil es mein Job ist und die anderen denken, ich sei eine faule Sau, wenn ich nichts schreibe.
Shut up! Gut, wenn die Kollegen bei "Radical Honesty" nicht zu radikaleren Mitteln greifen. (© Foto: istockphoto)
Anzeige
So, das wäre geklärt, jetzt kann es losgehen. Dieser Text ist der Versuch, ganz und gar ehrlich zu sein.
"Arrogantes Arschloch" waren Worte, die oft gesagt wurden in dieser Woche. Ich war ja auch eins - und bin es vielleicht immer noch. Auch ganz oben auf der Liste: "Taktloser Vollidiot" und "Hau' bloß ab". Das Schienbein ist blau, die linke Wange ein wenig gerötet und der Magen tut auch weh. Eine Nacht auf der Couch, ein bester Freund weniger, genervte Kollegen - und das alles nur, weil einer mal eine Woche lang die Wahrheit gesagt hat. Auf Englisch heißt das "Radical Honesty".
Es ist eine Bewegung aus den Vereinigten Staaten. Erfinder ist Brad Blanton, der sich selbst "The Truth Doctor" nennt und, ja wirklich, aus Washington D.C. kommt. Er behauptet, dass die Welt ein besserer Platz wäre, wenn alle Menschen die Wahrheit sagen würden. Auf der Homepage RadicalHonesty.com heißt es: "Erzähle den Menschen, was du gemacht hast und was du vorhast. Was du denkst, was du fühlst. Und dann wirst du ein glückliches und erfülltes Leben führen." Schon komisch, dass man sich nach einer Woche nicht wie ein glücklicher und erfüllter Mensch fühlt, sondern wie ein Arsch.
Kein Filter zwischen Gehirn und Mund
Das Konzept ist einfach: Keine Lüge. Immer die Wahrheit. Kein Taktgefühl, keine Diplomatie, keine Beschönigungen. Ohne Filter zwischen Gehirn und Mund. "Wenn dir das Wort Arschloch durch den Kopf geht, dann sage nicht Idiot, auch wenn der andere beleidigt ist und dir aufs Maul haut", sagt Blanton. Der Satz ist die MTV-Version des Aufklärers Immanuel Kant: "Wahrhaftigkeit ist formale Pflicht des Menschen gegen jeden, es mag ihm oder einem anderen daraus auch noch so ein großer Nachteil erwachsen."
Das mit dem Lügen steht ja schon in der Bibel; und es gibt auch einen lustigen Film mit Jim Carey ("Liar, Liar"). Aber es ist nicht mehr ganz so lustig, wenn man es selbst versucht. Das Gebot, immer die Wahrheit zu sagen, ist theoretisch nachvollziehbar, aber ebenso praktikabel wie Rauchverbot in Eckkneipen und Sozialismus.
Lügen halten diese Welt zusammen, das hat schon die Autorin Claudia Mayer in ihrem Buch "Lob der Lüge" aufgeschrieben. Ohne Lügen und Diplomatie würden Egos zerstört, private Beziehungen zerschmettert, Kriege provoziert. Nach spätestens acht Wochen würde Anarchie herrschen.
Lesen Sie weiter, wie Freundschaften an der Wahrheit zerbrechen ...
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 4 nächste Seite
OK - dem kann ich so zustimmen. Wichtig finde ich, daß man zuerst sich selbst - und dann auch den Anderen - klar macht, daß jeder einzelne nur subjektive Meinungen von sich geben kann.
Das sollte sich auch in der Sprache niederschlagen - und obwohl es einfach klingt, ist die entsprechende Hygiene nicht einfach.
Also zum Beispiel: "ich finde, Du siehst..." und nicht "Du siehst...". Ebenfalls nicht "Du machst immer...", sondern stattdessen "Mir kommt es so vor, als ob Du...".
Der Unterschied klingt spitzfindig, ist aber meiner Meinung nach ziemlich elementar.
@himbeerkuchen: Wir reden ja hier nicht über die objektive, sondern die subjektive Wahrheit jedes Einzelnen. Und da entspricht der Satz "In dem Kleid siehst Du schlecht aus" durchaus der Wahrheit.
Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Wahrheit in Bereichen, in denen sie gesellschaftlich so gerade noch anerkannt wird, meistens einen positiven Effekt hat. Ich kann meinen Mitmenschen durchaus sagen, dass mich manche ihrer Eigenschaften stören, ohne dass sie sauer auf mich sind. Natürlich muss ich auch Meinungen über mich vertragen. Was ich daraus mache, bleibt ja mir überlassen.
bitte sehr - was soll denn "Wahrheit" sein? Man braucht sich doch nicht einzubilden, ein Mensch habe sie gepachtet und habe daher überhaupt die Möglichkeit, sie anderen kundzutun.
Dinge wie "in dem Kleid siehst Du schlecht aus" sind keineswegs die Wahrheit, sondern die subjektive, momentane Meinung des Sprechers. Damit eine Wahrheit daraus wird, müßte man mindestens einen repräsentativen Querschnitt anderer Mitmenschen konsultieren. Ebenso dürfte es mit vielen anderen Dingen sein.
Diese Art von "Wahrheit" wird wohl meist mehr über ihren Verkünder durchblicken lassen, als über die Dinge, über die zu urteilen er sich anmaßt.
Viel Glück wünsche ich dem Autor beim Kitten seiner Beziehungen nach dieser Woche!
Die Einhaltung der Spielregeln des Miteinanders und des gekonnten Umgangs mit Menschen ist auch ein Zeichen von Respekt gegenüber den Anderen. Z.B. bin ich bei einigen Menschen gar nicht daran interessiert, wie ihre Meinung über mich und meine Ansichten ist. Von daher bin ich z.B. den Kollegen dankbar, dass sie ihre Ansichten für sich behalten. Der sachliche Umgang funktioniert und bleibt effektiv.
Der höfliche Umgang mit anderen Menschen ist auch ein Zeichen von Kultur, sowie das Essen mit Messer und Gabel und anderen Tischmanieren.
Die sog. Ehrlichkeit endet oft in Rücksichtslosigkeit den anderen gegenüber. Das kann ich nicht gutheißen, solange ich mit Menschen zusammenarbeite oder lebe, die ich mit nicht ausgesucht habe.
Insofern ist diese Art von angestrebter Ehrlichkeit eine Form von Dummheit und Dreistheit, die ich nicht für sinnvoll erachte, auch nicht als Spiel.
Ich stimme meinen Vorredner bisher zu. Ich vertrete ebenfalls die Meinung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn sich alle die Wahrheit sagen würden. Man ist nur deshalb beleidigt, weil man so selten die Wahrheit hört. Stattdessen glaubt man, mit jemandem gut befreundet zu sein, obwohl die Freundschaft - wie im Artikel gelesen - offenbar eine einseitige ist.
Sobald es die Norm wäre, könnte jeder die Wahrheit als Chance begreifen, an sich zu arbeiten, oder wenigstens auf Kritik angemessen zu reagieren. Durch die Lüge verlieren oft beide Parteien. Man kann seiner Partnerin durchaus mitteilen, dass ihr das Kleid nicht steht. Falls sie das als angemessene Kritik ansieht, können beide gewinnen: Die Partnerin hat ein schöneres Kleid, und der Autor einen schöneren Anblick.
Natürlich kann ich nicht in die Welt gehen, willkürlich irgendwelche Leute beleidigen und dann enttäuscht von der Wahrheit sein. Ich muss auch beachten, dass eine geäußerte Kritik im Gegensatz zur Lüge auch positive Folgen haben kann.
Paging