Von J. Schmieder

Eine Woche, ein Experiment: Keine Lügen, nur Wahrheit. Ohne Taktgefühl und Beschönigungen. Es kann das Leben verändern - oder einem einfach nur egal sein.

Dieser Text. Er soll mich berühmt machen. Und reich. Die Menschen sollen ihn großartig finden. Sie sollen Leserbriefe schreiben. Mein Chef soll eine Sonderprämie ausloben. Ein anderer Arbeitgeber soll mir ein phantastisches Angebot machen - das ich je nach Laune annehme oder ablehne. Alte Schulfreunde sollen mich um meinen Job beneiden. Meine Kollegen sollen mich preisen. Ach ja: Natürlich gibt es diesen Text, weil es mein Job ist und die anderen denken, ich sei eine faule Sau, wenn ich nichts schreibe.

Radical Honesty, istock

Radical Honesty - sein wahres Gesicht zeigen. (© Foto: istockphoto)

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So, das wäre geklärt, jetzt kann es losgehen. Dieser Text ist der Versuch, ganz und gar ehrlich zu sein. Die ersten beiden Folgen finden Sie hier.

Beleidigt sein war die seltenste Form der Reaktion. Überraschenderweise stimmen die meisten Menschen zu, wenn man ihnen sagt, was man denkt. Eine Kollegin erzählte im Aufzug von einem Thema, das sie gerade anrecherchierte und zu dem sie einen Text fabrizieren wollte. Der Kommentar: "Puuuah, wieder so ein Ding, das keine alte Sau interessiert. Gleich schlaf ich ein!"

Ihre Reaktion: "Stimmt schon, aber was soll ich machen? Der Chef will das Thema." Und der Chef? Der lachte nur, als ihm eröffnet wurde, dass seine Hose aussieht, als hätte sie Silvester Stallone im ersten "Rocky"-Film getragen und seine Mütze, als hätte er sie gerade von einem Einbrecher geklaut. Glaubte er, das wäre ein lockerer Spruch mit einer Prise Übertreibung? Nein, Chef, das war die Wahrheit.

Eine andere Form der Reaktion verbunden mit einem beleidigten Gesichtsausdruck war Ehrlichkeit. Pur. Radical honesty in return. Davor warnt auch Blanton - oder vielmehr: Er hofft darauf: "Wenn wir alle ehrlich zueinander sind, funktioniert das Prinzip. Und es geht allen besser."

Touché

Den Kunden eines Kollegen fragte ich, ob er sich denn nicht schäme, in einem derart scheußlichen und schlechtsitzenden Anzug zu einem Termin zu erscheinen. Seine Antwort: "Immer noch besser als in einem zu großen T-Shirt, auf dem eine Jesus-artige Figur drauf ist." Touché. Das Big-Lebowski-Shirt ist wirklich nicht dem Büro angemessen - nur sagte das bisher keiner.

Es war so: Je ehrlicher man mit Menschen umgeht und ihnen auch taktlose Kommentare an den Kopf wirft, desto ehrlicher werden sie. Sie sprachen offen Probleme an, sowohl beim Arbeiten als auch im zwischenmenschlichen Bereich. Das tat weh, aber auch gut.

Nicht nur negative Seiten

Es resultierte in einer wichtigen Erkenntnis: Ehrlichkeit bedeutet nicht nur halbaggressive Sprüche und Beleidigungen, sondern ehrliche Kritik und ehrliche Komplimente. Es war herrlich. Man will zwar nicht immer wissen, woran man ist. Aber es tut manchmal sehr gut. Viele Fronten haben sich in dieser Woche geklärt, der Umgang ist seitdem, ja wirklich, respektvoller.

Lesen Sie weiter, warum es so schwer ist, ehrlich zu sich selbst zu sein ...

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