In Berlin hat ein Therapeut seinen Patienten tödliche Drogen verabreicht - Extremfall eines gefährlichen Trends: Die Suche nach dem Glück treibt viele Menschen in fragwürdige Therapien.
Auch Sigmund Freud galt als Scharlatan. Da legte einer Menschen auf die Couch und befragte sie nach ihrer Kindheit, nach ihren sexuellen Phantasien, führte äußeres Verhalten auf inneres Erleben zurück, auf Zwangsvorstellungen, das Wüten der Kettenhunde des Unterbewussten. Unerhört. An den Blick ins Innere des Körpers hatten sich die Menschen des 19. Jahrhunderts gewöhnt.
Der Druck, glücklich sein zu müssen, treibt viele Menschen in fragwürdige Therapien. (© Foto: iStock)
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Der Blick ins Innere der Seele war tabu. Das Tabu hatte seine Gründe: Die Seele ist verletzlich. Dort wohnen die Ängste, wohnt die Scham, lebt das Glück, droht aber auch der Abgrund. Wer dieses Innere nach außen zerrt, kann töten statt heilen.
Die Menschen des 20. Jahrhunderts lernten, ins Innere der Seele zu schauen und sich ins Innere schauen zu lassen, erst zögerlich und bekämpft von den Kirchen, dann mit abnehmender Scheu, schließlich mit solcher Inbrunst, dass aus der Seelenschau ein weites Feld der Medizin und Therapie entstanden ist, ein Geschäftsbereich, ein innerweltlicher Glaube mit zahlreichen Konfessionen und ein Trend.
Die tiefsten Abgründe
Tatsächlich ist die Erforschung der Seele und die Heilung ihrer Verletzungen keine geringere Pioniertat als der Flug zum Mond. Sie hat die Menschen freier gemacht und aus tiefsten Abgründen geholt.
Die Seelenheiler haben dadurch große Macht erhalten über die Menschen, die ihnen Zugang zum Innersten gewähren. Die meisten - 12.000 zugelassene Therapeuten gibt es in Deutschland - gehen verantwortungsvoll mit dieser Macht um, seit 1999 setzt ein Gesetz entsprechenden Regeln.
Eine Minderheit missbraucht diese Macht. Ihre Vertreter brechen Persönlichkeiten, um sie nach eigenem Bild wieder aufzubauen. Machen Menschen abhängig, nehmen ihnen viel Geld ab, versprechen: Ich weiß den Weg zum Glück, zum schnellen, dauerhaften, anstrengungslosen Glück.
In Berlin hat nun ein Therapeut seinen Patienten vor einer Gruppensitzung Drogen gegeben, als Abkürzung sozusagen auf dem Weg zu diesem Glück. Zwei von ihnen bezahlten die Beschleunigung mit ihrem Leben.
Das ist die eine Seite der Geschichte vom Tod beim Therapeuten. Die andere ist: Es gibt genügend Menschen, die so verzweifelt das glückliche Leben suchen, dass sie sich solchen Scharlatanen anvertrauen. Der Psychoboom seit den 80er Jahren hat eine furchtbare Nebenwirkung: den überfordernden Zwang, selbstverwirklicht und glücklich sein zu müssen. Es genügt nicht mehr, mit dem Leben irgendwie zurechtzukommen, die eigenen Macken mit Selbstironie zu ertragen und die der anderen mit Milde oder Spott zu dulden.
Die Psyche muss uns cool machen
Die Seele muss fit sein wie ein durchtrainierter Körper. Und der Therapeut wird zum Dopingarzt, der die Leistungssteigerung der Psyche im Blick hat, nicht die Gesundheit. Die Psyche muss den Menschen cool machen und smart, gewinnend und selbstbewusst, skrupellos und zweifelsfrei. Traurigkeiten gehören beseitigt wie Fettpolster und Pickel, schnell und effizient.
Der Drogen-Guru aus Berlin ist da nur der bizarre Extremfall. Man kann diese Haltung im Graubereich des "Neurolinguistischen Programmierens" finden, man findet sie in bedenklichen Persönlichkeitsentwicklungs-Seminaren, zu denen manchmal sogar große Firmen ihre Mitarbeiter schicken, man findet es in der esoterischen Selbstfindungs-Szene, wenn auch getarnt mit viel Selbstfindungsgesäusel.
Meistens geht es darum, mit einer neuen, uralten, geheimen Methode den mühsamen Weg ins Innere zu beschleunigen und zu verkürzen: durch Schlafentzug und brachiale Anstrengung, durch Suggestion oder Hypnose, Schwitzhütten - oder eben Drogen. Und je länger die Leute sich als Teilnehmer der allgemeinen Krise fühlen, sich ihrer Lebensverhältnisse nicht mehr sicher sind, je öfter sie sich durch den Dschungel der Möglichkeiten schlagen müssen, ohne dem Dickicht zu entkommen, desto häufiger wird gelten: Das Glück muss her. Auf Teufel komm raus.
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(SZ vom 23.09.2009/aho)
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sein. Wer sich wirklich intensiv mit sich selbst auseinander setzt, weiß, es geht weder schnell noch ist es cool.
Wissenschaftlich stellte sich heraus, dass der Mensch sich seiner selbst nur zu 4% bewusst ist und 96% unbewusst gesteuert wird.
Da entsteht einfach das Bedürfnis sich selbst besser kennen zulernen, auch um mehr bewussten Einfluss auf seine Reaktionen zunehmen. Im Extremfall kann die fehlende Kenntnis zu Süchten und falschen Problembewältigung mit der Waffe führen. Menschen, die bei solchen Scharlatanen landen, zum Glück ist das nicht die Mehrheit der Menschen, landen ansonsten bei Partner oder andere Mitmenschen, die sie ausnutzt. Es ist schwer, diese Menschen vor sich selbst zuschützen. Aber daraus jetzt ein gesellschaftliches Problem zu konstruieren, halte ich für übertrieben.
Wenn das Auto ein Problem hat, fährt man auch damit in die Werkstatt und auch da kann der Kunde über das Ohr gehauen werden. Es spricht nichts dagegen sich mit Psychotechniken zu verändern oder zu verbessern. Ein Choleriker, der lernt mit seiner Wut um zugehen ist besser als einer der seine Umgebung mit seinen Launen drangsaliert.
Wenn man es genau nimmt, ist jeder Modetrend und jede Unterwerfung im Arbeitsleben genauso fragwürdig. Es ist immer die Frage: Warum wollen die Leute nicht sie selbst sein?
Um mit Precht zusprechen: Wer bin ich ? Und wenn ja, wie viele?
Und je länger die Leute sich als Teilnehmer der allgemeinen Krise fühlen, sich ihrer Lebensverhältnisse nicht mehr sicher sind, je öfter sie sich durch den Dschungel der Möglichkeiten schlagen müssen, ohne dem Dickicht zu entkommen, desto häufiger wird gelten: Das Glück muss her. Auf Teufel komm raus.
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Das Gefühl, Opfer der "allgemeinen Krise" zu sein, führt nicht zwangsläufig zu dem "Zwang", Glück erfahren zu wollen. Ich vermute bei derlei Auswüchsen wie in Berlin eher tiefergehende Motivationen als nur "ich will aus der Krise". Keiner, der seit Anfang der "allgemeinen Krise" vor knapp einem Jahr unzufrieden ist, der wird nicht gleich zu derlei extremen Mitteln greifen.
die psyche muss cool sein!?!?
der weg zu einem selbstbestimmten ich (ob cool oder uncool), gleicht der suche nach der nadel im heuhaufen: sie ist lang und steinig. der therapeut ist nur mittel zum zweck. eine gesundung kann nur der patient selber erreichen. dafür gibt es unterschiedliche medien: musik, sprache (gespräch), spiel etc. pp.
drogen stellen mithin eine verschlimmbesserung dar. die analytiker kennen sich damit besser aus. die therapeuten kämpfen sich mit dem patienten zur wurzel des problems durch.
j.