Psychologie Wie spreche ich mit meinem Kind über einen Terroranschlag?

Eine Mutter und ihre 14-jährige Tochter verlassen das Park Inn in Manchester, wo sie nach der Explosion in der Nacht Zuflucht fanden.

(Foto: Getty Images)

Auch Teenager starben in Manchester. Wenn Eltern beteuern, "dir passiert das nicht!", lassen sie ihr Kind mit seiner Angst allein.

Von Katja Schnitzler

Eltern wünschen sich eine heile Welt für ihr Kind, wollen ihm kleine Freiheiten und Freuden erlauben - etwa das Konzert der Sängerin Ariana Grande zu besuchen, die besonders bei Teenagern beliebt ist. Und dann zerreißt genau dort eine Explosion das Heile-Welt-Gefühl. Die Nachricht erschüttert auch das Vertrauen und Sicherheitsgefühl der eigenen Kinder.

Dann kommen die Fragen: "Was, wenn das uns passiert? Wenn ein Mensch auf mich schießt oder versucht, mich mit einer Bombe zu töten? Wenn jemand in meine Schule kommt und uns ermorden will?"

Erwachsene antworten da oft reflexartig: "Du musst keine Angst haben! Dir geschieht nichts!" Was sich die Eltern nicht einmal vorstellen wollen, was niemals sein darf, wird in der Hilflosigkeit weggeredet: Meinem Kind passiert das nicht! Doch damit helfen sie ihrer Tochter oder ihrem Sohn nicht, sondern lassen sie mit ihrer Furcht allein.

"Es ist zwar für uns Erwachsene schwer, die Angst unseres Kindes auszuhalten. Dennoch ist es wichtig, das Gefühl nicht einfach wegzureden", sagt die Hamburger Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Marion Pothmann. Sonst bekommen Kinder nicht nur den Eindruck, dass ihre Emotionen falsch sind - sie fühlen sich zudem nicht ernst genommen in ihrer Not. Und die Eltern werden mit der Gegenfrage konfrontiert: Woher willst du eigentlich wissen, dass mir das nicht passiert?

Wenn aber Mütter, Väter oder andere Erwachsene helfen, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Gefühlen und Ängsten umzugehen lernen, kann dies ihre Bindung in der Familie weiter festigen: Wir stehen auch in schweren Zeiten zusammen und spenden uns Trost.

Diese Tipps tragen dazu bei, Kinder gut durch beängstigende Situationen zu begleiten:

  • Für die Gefühle der Kinder interessieren: Egal wie alt ein Kind ist, es will mit seinen Gefühlen ernst genommen werden. Statt also Trauer, Angst und Wut gleich mit einem "ja, aber ..." wegzureden, fragen Eltern besser nach, was das Kind genau traurig macht. Allein schon dieses Wahrnehmen und Interesse ist tröstlich. Wichtig ist hierbei aber, offene Fragen zu stellen (etwa: "Wie geht es dir, wenn du so etwas hörst?") und keine Suggestivfragen wie: "Hast du Angst, dass so etwas uns auch passiert?"
  • Bilder und Nachrichtenfluss einschränken: Selbst kleine Kinder kann man nicht völlig vom Weltgeschehen fernhalten. Sie sehen Fotos weinender Menschen, schnappen Gesprächsfetzen auf oder erfahren in Kindergarten oder Schule von den Ereignissen. Gerade bei jüngeren Kindern sollten Eltern Fernseher und Radio aber besser ausstellen, damit nicht immer wieder Schreckensbilder und beängstigende Nachrichten zu sehen und hören sind. Sowohl bei Fotos von Attentaten als auch in den Gesprächen darüber ist es wichtig, auf Positives hinzuweisen: "Neben dem blutenden Mann ist ein Sanitäter, der ihm hilft." Oder dass die Polizei schnell am Tatort war und Menschen in Sicherheit bringt. Auch Kindernachrichten sollten Eltern gemeinsam mit dem Nachwuchs ansehen, sodass sie das Gesehene zusätzlich einordnen und als Anknüpfungspunkt für Gespräche nutzen können - falls diese gewünscht sind.
  • Nicht mit Chats allein lassen: Teenager bekommen ihre Informationen oft ungefiltert über soziale Medien. Etwa während des Amoklaufs im Münchner Olympia-Einkaufszentrum liest die Tochter über Whatsapp im Klassenchat, dass eine Mitschülerin kurz zuvor dort shoppen war - und deren Bruder noch in der Nähe ist, "und sie erreicht ihn nicht". Plötzlich ist die Angst ganz nah. "Soweit es die Kinder zulassen, sollten Eltern während einer Notlage zum Beispiel den Whatsapp-Chat mit ihrem Nachwuchs gemeinsam anschauen", rät Marion Pothmann. Oder zumindest nachfragen, was dort gerade gepostet und thematisiert wird. Merkten die Eltern, dass in den Chats eher Panik geschürt werde, könnten sie sachlich im Gespräch mit ihrem Kind dagegenhalten.
  • Eigene Emotionen im Zaum halten: Erwachsene sollen ihre eigene Besorgnis nicht verschweigen, sondern diese lieber erklären - allerdings dürfen sie sich auf keinen Fall von den eigenen Gefühlen mitreißen lassen und diese direkt weitergeben: "Oh Gott, wie entsetzlich, ist man denn nirgends mehr sicher?" Wenn Säulen wie die eigenen Eltern offenbar ins Wanken geraten, verunsichert das Kinder noch mehr. Auch Spekulationen, etwa wie sich die Ereignisse auf unsere Gesellschaft auswirken könnten, ängstigen Kinder unnötig.
  • Aktiv werden: Um nicht in Trauer und Angst zu verharren, hilft es, selbst aktiv zu werden, etwa eine Kerze für die Opfer anzuzünden. Teenager suchen oft Orte, an denen sie gemeinsam ihr Mitgefühl ausdrücken können. Vielleicht bietet zum Beispiel das Jugendzentrum diese Möglichkeit. "Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Glaube für Kinder und Jugendliche eine große Rolle spielt und ihnen sehr hilft", sagt Psychotherapeutin Pothmann. Sie hätten das Gefühl, eine höhere Macht passe auf sie auf.