Psychologie des Fleischkonsums Warum wir Rinder, aber keine Hunde essen

Die meisten Menschen glauben: Fleischessen ist normal, natürlich und nützlich. Nur wenn das falsche Tier auf dem Teller liegt, regen sie sich auf. US-Psychologin Melanie Joy erklärt, wie sie das rechtfertigen und was Fleischkonsum mit der Ausbeutung von Menschen zu tun hat.

Von Sebastian Meyer

Ist der Mensch von Natur aus Fleischfresser? (Archivbild: Schweinehälften in den Räumen der Eberswalder Fleisch GmbH, 2006)

(Foto: dpa/dpaweb)

Manche Tiere sind des Menschen bester Freund, andere landen auf dem Teller. Wenn man mal das falsche Tier serviert bekommt - das zeigt der aktuelle Pferdefleisch-Skandal -, ist der Aufschrei groß. Warum das so ist, hat die US-amerikanische Psychologie- und Soziologie-Professorin an der University of Massachusetts in Boston, Melanie Joy, in ihrem Buch "Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen" (erscheint am 15. Mai auf Deutsch) untersucht. Ein Gespräch.

Süddeutsche.de: Frau Joy, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Psychologie des Fleischessens. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal in ein Stück totes Tier gebissen?

Melanie Joy: Das war 1989, als ich einen mit Bakterien verseuchten Hamburger gegessen hatte und im Krankenhaus gelandet war. Danach hatte ich keine Lust mehr auf Fleisch und beschäftigte mich mehr und mehr mit den Verhältnissen in der Fleischindustrie. Dabei stellte ich fest, dass Fleisch essen im Gegensatz zu meinen ethischen Grundprinzipien steht.

Anschließend haben Sie sich beruflich mit dem Thema Fleischkonsum beschäftigt. Was haben Sie herausgefunden?

Für meine Doktorarbeit hatte ich Leute aus der Fleischindustrie, Menschen, die ihre eigenen Tiere züchten und schlachten, "normale" Fleisch-Konsumenten, aber auch Vegetarier interviewt. Ich stellte fest, dass eigentlich alle von ihnen sich auf irgendeiner Ebene unwohl dabei fühlten, Tieren Leid zuzufügen. Aber es gab eine psychologische Trennung zwischen diesem Unwohlsein und ihrem Verhalten. Um diesen moralischen Widerspruch zu aufzulösen, benutzten sie verschiedene psychologische Verteidigungsmechanismen. Das Ganze kann man mit einem unsichtbaren Glaubenssystem vergleichen, das von allen internalisiert ist, die in dieses System hineingeboren werden. Ich habe es "Karnismus" getauft.

Was macht dieses Glaubenssystem mit uns?

Die meisten Menschen haben Mitgefühl mit Tieren. Trotzdem essen sie ihre Körperteile regelmäßig. Das geht nur, weil uns der Karnismus lehrt, nicht zu fühlen. Das ganze System ist darauf angelegt, unser Bewusstsein und unsere Empathie zu blockieren.

Und weil unsere Empathie nicht total blockiert wird, essen wir nur bestimmte Tiere, während wir andere als Haustiere halten und eine enge Beziehung zu ihnen aufbauen?

Genau. Mit der einen Hand essen wir einen Burger, während wir mit der anderen unseren Hund streicheln. In unserem Kulturkreis lieben zum Beispiel viele Menschen Hunde und behandeln sie teilweise wie Familienmitglieder. Aber wir essen Schweine und tragen die Haut von Kühen. Dabei sind Schweine und Kühe mindestens genauso intelligent wie Hunde und haben die gleiche Fähigkeit, Emotionen und Leid zu erleben. Dieser Widerspruch ist den meisten überhaupt nicht bewusst. Der dahinter liegende Mechanismus findet sich übrigens auch in menschlichen Ausbeutungsverhältnissen. Manche Leute bombardieren wir, andere retten wir. Manche werden versklavt, andere verherrlicht. Der Unterschied hat aber nichts mit dem Individuum an sich zu tun. Der Unterschied hat etwas mit unserer Wahrnehmung der Gruppe zu tun, zu der sie gehören.

Erzählen Sie uns etwas über die verschiedenen Verteidigungsmechanismen des Karnismus.

Der erste Mechanismus ist das Leugnen. Wenn wir leugnen, dass es ein Problem gibt, müssen wir auch nichts dagegen machen. Das Leugnen drückt sich zum Beispiel darin aus, dass wir die gesamte Tierproduktion, die Schlachtfabriken und so weiter, so gut wie nie zu sehen bekommen. Dabei ist die moderne Fleischindustrie wohl eine der brutalsten Praktiken der Menschheitsgeschichte. Jedes Jahr werden allein in den USA rund zehn Milliarden Tiere wegen ihres Fleisches getötet. Diese Tiere leben häufig in furchtbaren Verhältnissen, eingezwängt in Laufställen und Käfigen, behandelt wie lebende Maschinen, wie Produktionseinheiten. Diese Opfer werden von uns ferngehalten. Aber es gibt noch andere Verteidigungsmechanismen, ich nenne sie die drei "N": Dass Fleischessen normal, notwendig und natürlich sei. Solche Argumente wurden übrigens auch benutzt, um andere gewalttätige Praktiken, wie die Sklaverei oder das Patriarchat, zu rechtfertigen.

Lassen Sie uns über die drei "N" reden: Warum soll es nicht normal sein, Fleisch zu essen?

Weil es eine freie Entscheidung ist. Menschen, die kein Fleisch essen, werden als "Vegetarier" bezeichnet und müssen sich rechtfertigen. Derjenige, der Fleisch isst, hat jedoch keinen Namen und muss sich auch nicht rechtfertigen. Vielen Menschen ist nicht einmal bewusst, dass sie eine freie Entscheidung treffen, wenn sie Fleisch essen.

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Kommen wir zum zweiten "N", dem Natur-Argument.

Leute, die sagen, Fleisch essen sei natürlich, betrachten die Evolution des Menschen sehr einseitig und verschweigen, dass sich unsere nahen Verwandten aus dem Tierreich zum Beispiel hauptsächlich vegetarisch ernähren. Zudem gibt es auch andere menschliche Praktiken, die mindestens genauso "alt" und dementsprechend "natürlich" sind wie der Fleischkonsum: Kindsmord, Mord, Vergewaltigung und Kannibalismus. Da bemühen wir auch nicht die Geschichte, um dies zu rechtfertigen.

Und warum soll es nicht notwendig sein, Fleisch zu essen?

Es gibt da diesen Protein-Mythos, also das Argument, dass der Mensch auf tierische Proteine angewiesen ist, vor allem zur Kraftentwicklung. Dabei ist der stärkste Mann Deutschlands zum Beispiel ein bekennender Veganer. Es gibt auch in der Forschung immer stärkere Hinweise darauf, dass eine fleischlose Diät gesundheitliche Vorteile hat. Aber auch wenn man das nicht zur Kenntnis nehmen will, so weiß man doch, dass es seit Jahrtausenden Vegetarier gibt, die nicht nur gesund, sondern auch sehr lange leben.