Prêt-à-Porter-Schauen Paris Die Kriegerin trägt Uniform

Trotz Finanzkrise geben Frauen ein Vermögen für zusammengepuzzelte Tops oder durchlöcherte T-Shirts aus. Zumindest, wenn sie von angesagten Designern sind.

Von Peter Bäldle

Die Hoffnung der Pariser Modewelt, sie ruht auf diesen Männern. Das mit Spannung erwartete Duell zwischen Nicolas Ghesquière (Balenciaga), für viele Beobachter der talentierteste Vertreter seiner Generation, und Christophe Decarnin (Balmain), der in der französischen Hauptstadt ebenfalls die Gemüter bewegt, fand nahezu zeitgleich statt - fraglos ein Höhepunkt der Pariser Designerschauen für die Frühjahrs- und Sommersaison 2010.

Beide Modemacher haben mitten in der Wirtschaftskrise erreicht, wovon die Branche träumt: Wenn diese Namen im Spiel sind, sind Frauen weltweit offenbar bereit, ein kleines Vermögen auszugeben - beispielsweise für ein kunstvoll zusammengepuzzeltes Top von Balenciaga. Oder, noch erstaunlicher, für ein durchlöchertes Shirt von Balmain, das ungefähr aussieht, als hätte man es nach Mottenbefall noch einmal aus dem Lumpensack gefischt.

Auf jeden Fall haben die beiden mit ihren Ideen zwei der einst strahlendsten Namen der Pariser Couture endgültig der Vergessenheit entrissen. Und sie wissen, was sie diesen schuldig sind. Ghesquière lässt eigens für sein Défilé die Böden der Salons des eleganten Hotes Crillon mit cremefarbenen Platten belegen und die Vorhänge entfernen, um den Blick freizugeben auf die prachtvolle Place Concorde. Decarnin wiederum zeigt seine Kollektion in dem verspiegelten Belle-Epoque-Ballsaal des Grand Hotels, dessen verblichene Pracht perfekt die wie oxydiert wirkenden Farben seiner Kleider widerspiegelt.

Decarnin, der mit seinen Pagodenschultern für Balmain die Achtzigerjahre-Welle in diesem Herbst losgetreten hat, zeigt nun olivfarbene Dompteursjacken im Military-Look mit Metallknöpfen, Fransen an Schulter-Epauletten und zerfledderten Säumen. Auch Jeans haben bei ihm Löcher und werden fallweise durch Shorts ersetzt, die dem Reißwolf nur knapp entronnen zu sein scheinen. Dazu kombiniert er, wie einst Gianni Versace, Kettenhemden aus feinem Metallgespinst. "Mein Frauenbild ist eine Kriegerin", sagt der Designer, "für sie habe ich Uniformen aus mehreren Epochen mit 'Mad Max' gemixt, dem Achtziger-Kultfilm mit Mel Gibson."

Das Prinzip Andy Warhol

Auch diesmal ist Decarnin große Aufmerksamkeit sicher, obwohl er nur eine Handvoll Formen in Endlosschleife immer wieder aufs Neue variiert. Dazu rappt auch die Sugar Hill Gang aus den achtziger Jahren immer wieder dieselbe Textzeile. Offensichtlich beherrscht man bei Balmain das Warhol'sche Prinzip der Serie: Auch dem Meister der Pop-Art glaubte man nach der zehnten Campbell-Suppendose den Kunstanspruch.

Dagegen können die Collage-Shirts und -Tunikakleidchen von Nicolas Ghesquière bei Balenciaga nur schwer ankämpfen, obwohl der Designer der kreativere der beiden ist. Auf Couture-Niveau gearbeitet, sind sie wohl etwas zu anspruchsvoll für den Markt. Für den kommenden Sommer wickelt er sie in seitlich offene Lederhüllen, die er auf Hüfte gürtet. Bodenständiger sind lederne Kombinationen aus engen, hüftigen Hosen und deftigen Kapuzenwesten. "Für mich ist das ein großer Schritt nach vorne, obwohl ich zu meinen Anfängen zurückgekehrt bin", sagt Ghesquière nach der Schau.

Bei vielen Modemachern zwingt die Krise zu mehr Realismus und einer Rückbesinnung auf bewährte Muster: Selbst Alber Elbaz, der mit seiner gegenwärtigen Herbst/Winter-Kollektion für Lanvin bei Kunden und Kritikern ziemlich erfolgreich ist, bleibt sich bei der Sommerkollektion lieber treu. Und so drapiert er, von ein paar Smokingjacken abgesehen, fast nur Cocktailkleider.

Dries Van Noten geht noch einen Schritt weiter und überlässt es der Schönheit seiner indischen Stoffe, dass wohlbekannte Pyjamahosen und Wickeljacken nicht alt aussehen. Selbst John Galliano arbeitet bei Dior nach dem Warhol'schen Suppendosenprinzip. Und so folgt Trenchjacke auf Trenchjacke in langer Reihe, mal metallisch schimmernd, mal nadelgestreift oder aus Python. Dazu tragen seine Mädchen minikurze Satinröckchen oder weite Wäsche-Shorts mit Spitzenkanten.

Pop-Sängerin Rihanna, die zu den prominenten Gästen am Laufsteg zählte, zeigte sich jedenfalls recht entzückt. Hollywood-Schauspieler Bruce Willis, ein bekennender Fan französischer Modekunst, war dagegen ehrlich begeistert.