Protest gegen jugendlichen Sexualstraftäter Menschenauflauf fordert Todesstrafe

Nur 30 Polizisten konnten die aufgebrachte Menge daran hindern, die Wohnung zu stürmen. Im friesischen Leck beschäftigt eine Demonstration gegen einen 18-jährigen Verurteilten den Verfassungsschutz. Rechte nutzen das Thema Missbrauch für ihre Propaganda.

Von Ralf Wiegand

Die Wikingerstraße in Leck ist nicht unbedingt das, was man sich unter friesischer Idylle vorstellt. Der Luftkurort nahe der dänischen Grenze hat gewiss schönere Ecken als diesen von Wohnblocks gesäumten Weg, den man, gemessen an der übrigen Wohnqualität des 7800-Einwohner-Ortes, wohl einen sozialen Brennpunkt nennen kann.

Ganz sicher ist er das aber seit dem vergangenen Wochenende, als sich ein von der Polizei als "Spontandemonstration" bezeichnender Menschenauflauf in eben jener Wikingerstraße nur noch mit Hilfe von 30 Polizisten daran hindern ließ, die Wohnung eines jungen Mannes zu stürmen. Der 18-Jährige war im Januar wegen sexuellen Missbrauchs eines kleinen Mädchens zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Nun demonstrierte ein Pulk aufgebrachter Leute vor seinem Haus unter anderem für die Wiedereinführung der Todesstrafe.

"Eine neue Dimension" habe das ganze angenommen, sagt Dieter Büddefeld, Leiter des Verfassungsschutzes Schleswig-Holstein, zu den Vorkommnissen von Leck. Nach Erkenntnissen der Staatsschützer ist dort nämlich nicht nur der Volkszorn eskaliert, er ist auch noch politisch instrumentalisiert worden. So brüstet sich vor allem der "Freie Widerstand Südschleswig", eine Gruppe rechtsextremer Aktivisten aus dem Umfeld der NPD, damit, bei der Aktion in Leck an vorderster Front beteiligt gewesen zu sein. "Dass Neonazis solche Themen besetzen und für ihre Propaganda nutzen, ist schon lange bekannt", sagt Büddefeld. "Dass sie aber versuchen, ein Haus zu stürmen, das ist neu."

Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Widerstand gegen die Staatsgewalt - das Nachbarschaftstreffen von etwa 50 Personen hat längst eine ganze Reihe von Ermittlungsverfahren in Gang gebracht. Auch für die Flensburger Staatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt, die die Abteilung für Sexualdelikte leitet, sind die Ereignisse von Leck ein Novum. "In meiner mehr als 25-jährigen Praxis ist es noch nie vorgekommen, dass jemand den Namen und die Anschrift eines Täters herausbekommen hat und sich die Menschen vor dessen Wohnung formiert haben."

Der heute 18-Jährige hatte noch als Minderjähriger ein sechs Jahre altes Mädchen aus einem Nachbarort sexuell massiv belästigt und war dafür zu zwei Jahren Jugendstrafe verurteilt worden. "Seine Sozialprognose ist gut, sonst wäre die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt worden", sagt Staatsanwältin Stahlmann-Liebelt, auch habe der Mann nach seiner Verurteilung keine Auflagen verletzt. Wie sein Name in Leck bekannt wurde, ist ungeklärt; seine Tat war in einem nicht-öffentlichen Verfahren verhandelt worden. Allerdings stammte sein Opfer aus einem Nachbarort, und in dieser Gegend kennt fast jeder jeden.

Ob die Initiative von rechten Kreisen ausging ist bisher unklar

Die Versammlung vom Samstag war nicht angemeldet, der Termin war durch Handzettel und Internet-Gezwitscher publiziert worden. Ob tatsächlich besorgte Nachbarn, die Angst um ihre eigenen Kinder haben, die Kundgebung organisierten oder schon die Initiative dazu von rechten Kreisen ausgegangen ist, ist bisher ungeklärt: "Da ist die ganze Bandbreite möglich", sagt Verfassungsschützer Büddefeld. Auf zwei Videos ist die Dynamik der Versammlung gut zu erkennen, Kommandos zum Sturm auf die Wohnung und Forderungen nach Wiedereinführung der Todesstrafe sind zu hören. 18 Streifenwagen rauschten heran.

Die Gemeinde Leck will nun deeskalieren, etwa mit Elternabenden in Kindergärten und Schulen. Staatsanwältin Stahlmann-Liebelt begrüßt das: "Wenn Eltern aktiv werden können, zum Beispiel in solchen Gesprächsrunden, dann kann das beruhigend sein. Keine Panik - das ist jetzt ohnehin das Wichtigste." Auch mit dem jungen Sexualstraftäter soll es Gespräche geben. In Schleswig-Holstein gibt es für solche Fälle das "Kieler Sicherheitskonzept Sexualstraftäter": Verurteilte Sexualtäter werden in Gefährlichkeitsstufen eingeordnet und diese Erkenntnisse an die örtlichen Polizeidienststellen geleitet, die dann entsprechend reagieren können.

Bisher gibt es in Leck aber noch keinen Effekt. Nachbarn kündigten bereits an, wieder demonstrieren zu wollen.