Prostitution "Alle Freier sind Täter"

Eine Prostituierte verdient oft viel Geld - doch das meiste geht für die Lebensumstände drauf.

(Foto: Collage Jessy Asmus für SZ.de)

Nach einer Kindheit voller Missbrauch und Gewalt beginnt Huschke Mau, sich zu prostituieren. Der Ausstieg nach zehn Jahren im Milieu war schwierig. Heute sagt sie: Freiwillige Prostitution ist ein Mythos.

Protokoll: Barbara Vorsamer

Huschke Mau ist 2014 durch ihren offenen Brief "Ich habe die Schnauze voll von euch Prostitutionsbefürworterinnen" bekannt geworden, den unter anderem das feministische Magazin Emma veröffentlicht hat. Etwa zehn Jahre lang hat sie als Prostituierte gearbeitet und engagiert sich seit ihrem Ausstieg für ein Sexkaufverbot in Deutschland. Zuletzt hat sie den Verein Sisters e. V. mitgegründet, der Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution helfen will. Huschke Mau ist ein Pseudonym.

"Meine Familie würden viele wohl als asozial bezeichnen. Wir lebten zwar in einer Eigenheimsiedlung, mit dem Haus hat sich mein Vater allerdings finanziell übernommen. Unser Haus wurde nie fertig, es hatte innen lange Zeit nicht mal Türen - das wollte mein Vater auch nicht, der hatte das Bedürfnis, uns alle zu kontrollieren.

Verprügelt hat er die ganze Familie, meine Mutter auch häufig vergewaltigt. Oft mussten meine Schwester, mein Bruder und ich uns nackt ausziehen und er hat uns angebrüllt. Wenn ich gebadet habe, hat er meinen Kopf unter Wasser gedrückt. Und manchmal hat er uns auch mitten in der Nacht aus dem Bett geprügelt. Damals dachte ich, er wird uns alle umbringen.

So wuchs ich auf, in einer Atmosphäre von Terror und Angst - und mit dem Gefühl, alles falsch wahrzunehmen. Denn trotz der Brutalität meines Vaters hat meine Mutter immer zu ihm gehalten. Es war alles verdreht: Er hat sie verdroschen, ich bin dazwischengegangen und habe die Schläge abbekommen. Und danach haben beide so getan, als wäre ich einfach ein seltsames Kind. Ich erfuhr später, dass ich im Gegensatz zu meinen Geschwistern nicht das leibliche Kind meines Vaters war. Vielleicht erklärt das, warum ich am meisten abgekriegt habe.

In meinen Kindheitserinnerungen gibt es viele Lücken. Zum Beispiel kann ich mich erinnern, wie mein Stiefvater in mein Zimmer kommt, sich auf mich legt und ich die Luft anhalte. Und die nächste Dreiviertelstunde fehlt einfach.

Plötzlich stand ich ohne Familie da

Als ich älter wurde, fraulicher wurde, verstärkte er seine Kontrolle über meinen Körper. Meine Mutter und er bestimmten, welche Frisur ich tragen musste, welche Kleidung ich tragen durfte. Ich bekam immer mehr Angst davor, dass mein Vater mich irgendwann auch vergewaltigen würde - denn das drohte er immer an, wenn meine Mutter mal versuchte, sich ihm zu verweigern.

Mit 17 bin ich daher von zu Hause abgehauen. Ich hoffte, wenn ich dem Jugendamt erzähle, was bei uns los ist, stecken sie meinen Vater ins Gefängnis und alles wird gut. Was ich mir nie hätte träumen lassen: Dass ich plötzlich ohne Familie dastehe.

Die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes organisierten ein Konfrontationsgespräch, bei dem ich die Vorwürfe im Beisein meiner Eltern erörtern sollte. Und da saß mein Vater, der Mann, der ständig die ganze Familie durchprügelte, und sagte grübelnd: "Wie, geschlagen? Ach ja, jetzt erinnere ich mich - einmal ist mir die Hand ausgerutscht." Meine Mutter saß daneben und sagte kein Wort. So sah die Unterstützung des Jugendamts aus.

Dass ich nach diesem Gespräch nicht zurück nach Hause musste, verdanke ich nur den Frauen aus dem Mädchenwohnheim, in dem ich gelandet bin. Sonst hatte ich allerdings niemanden mehr: Meine Eltern wollten mich nicht mehr sehen und verhinderten den Kontakt zu meinen Geschwistern. Im Heim konnte ich bleiben, bis ich mit der Schule fertig war. Doch dann musste ich ganz alleine klarkommen - ohne Geld, ohne Kontakte und ohne die geringste Ahnung von irgendwas.

Ich kannte keine erwachsenen solventen Menschen

Ich zog in eine andere Stadt und wollte studieren. Aber das ging komplett schief. Wenn man mit 19 eine Wohnung mieten will, braucht man einen erwachsenen solventen Menschen, der für einen bürgt. Ich kannte aber keinen einzigen erwachsenen solventen Menschen. Auch brauchte ich für so vieles die Unterschrift meiner Eltern, für Bafög zum Beispiel. Meine Eltern haben mir aber nichts unterschrieben, deswegen bekam ich ein Dreivierteljahr lang kein Geld. Also habe ich angefangen, mich zu prostituieren.