Zwischen Bioladen und verwöhntem Nachwuchs: Warum ist in der deutschen Öffentlichkeit die Kritik an den Prenzlauer-Berg-Müttern so heftig? Offenbar haben viele noch ein Problem mit der Emanzipation.
Wenn vor zwanzig Jahren das Bild von der "blonden Bestie" aufschien, dann dachte man an Nietzsche und den SS-Offizier, schlank, gutaussehend, erbarmungslos. Heute denkt man an Nietzsche und die Mutter vom Prenzlauer Berg, schlank, gutaussehend (oder jedenfalls gepflegt), rücksichtslos.
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Die neuen Edeleltern: Sie leben sorglos in großen Altbauwohnungen, kaufen Bio-Gemüse, Landbrot und Fleisch aus artgerechter Haltung und stellen ihre Kinder in den Mittelpunkt des Lebens. (© dpa)
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Da ist zum Beispiel "Carlottas Spaß" von Ulrike Draesner, eine Erzählung aus ihrem neuen Band "Richtig liegen. Geschichten in Paaren" (Luchterhand, München 2011), die so beginnt: "Man konnte im Gefängnis stecken, in einer psychiatrischen Anstalt mit Gittern vorm Fenster und Chemie im Hirn oder in einem der Regierungsgebäude umgeben von Leibwächtern, Panzerglas und fünffachem Ganzkörper-Scannerschutz, nichts war so sicher wie ein von Müttern bewachter Spielplatz zu Beginn des neuen Jahrtausends in Berlin."
Eine junge Vietnamesin muss damit fertigwerden. Als Hilfskraft in einer Kita bekommt sie es mit Carlotta zu tun, "vorlaut und sehr selbstsicher", typisch für ihr Milieu wie die Mutter, eine "knochige, blonde Frau", die den Vormittag im Fitnessstudio verbringt, und in engster Beziehung zur Tochter lebt. Kurz scheint ein idyllischer Moment auf, die Tochter "verwandelte sich in der Nähe der Mutter, sie schien plötzlich in sich zu ruhen und schaute neugierig auf die Welt". Aber vorherrschend ist die verbissene Wahrnehmung der eigenen Position. Ein rassistisches Moment ist auch dabei, deutsches Übermenschentum dank deutscher Mütter.
Zu dem Kreis, in dem die kleine Geschichte spielt, könnte auch Ulrike Draesner gehören: Jahrgang 1962, selbst Mutter, blond, in Berlin Prenzlauer Berg wohnend. Man wird also unterstellen, dass die Autorin dies nicht ohne einen ironischen Knips schreibt. Aber sie erzählt aus dem Blickwinkel einer Vietnamesin, die wie ihre Familie schwer zu kämpfen hat, das gibt den Eindrücken einen eigenen, schwer bezweifelbaren Ernst.
Und so sehen eben viele die neuen Familienverhältnisse im akademischen Bürgertum. Die Grundzüge sind schnell beschrieben: man lebt materiell sorglos bis luxurierend in großen Altbauwohnungen mit frisch abgezogenen Dielen, man kauft Bio-Gemüse, Landbrot und Fleisch aus artgerechter Haltung, und, dies vor allem: die Frauen stellen ihre Kinder in den Mittelpunkt des Lebens. Sie wollen "Edeleltern" sein, wie es in der taz einmal hieß, die Kinder sollen dem Leben Sinn verleihen.
Sie werden nach den jüngsten Grundsätzen erzogen, ausstaffiert wie kleine Lords und Ladys und so mit einem "me first"-Gefühl geimpft, zugleich müssen sie höchsten Ansprüchen genügen, Klavier spielen, Ballett tanzen, am besten Mandarin lernen. Eine Generation von unmäßiger Rücksichtslosigkeit wächst da heran. Die Mütter aber, West-Frauen, die nicht vollzeitberufstätig sind, vertun ihre Zeit im Müßiggang zwischen Spielplatz und Café, wo Latte macchiato getrunken wird (und nicht etwa der Café au lait, den nur noch der schlurige Langzeitstudent herunterschlabbert).
Es ist eine Welt der Nichtsnutzigkeit, die uns in der jüngsten Zeit oft und spöttisch erregt vorgestellt wurde, besonders häufig im linken Teil des politischen Spektrums. Man möchte meinen, jeder angehende Journalist müsste sich einmal dazu bewährt haben - früher hießen die Probe-Themen "Backstage bei einem großen Musical" oder "Eine Einsatzfahrt im Peterwagen".
Dass manche der Beobachtungen richtig sind, dass es etwas strenge Formen von Mutterschaftsfreude gibt, das wird ja niemand bestreiten. Aber Schärfe und Dauerhaftigkeit der Missbilligung sind doch auffällig. Die Comiczeichnerin Ulli Lust, die aus Wien stammt und seit einigen Jahren in Prenzlauer Berg lebt, wo sie Comicreportagen zeichnet, eine Frau, die ihre Umgebung genau im Blick hat ("Fashion Victims, Trendverächter", Avant-Verlag, Berlin 2008), ist regelrecht "erschreckt, wie derzeit auf diese Mütter eingeprügelt wird".
Was erregt die Zeitgenossen so? Zwei Erklärungen liegen auf der Hand. Wo wenige Kinder geboren werden, fehlt es an Verständnis für sie und die Eltern. Vielleicht tut sich auch eine Generation, die mit dem Forever-young-Ideal lebt, auch besonders schwer mit Kindern; sie führen vor Augen, dass wir altern und demnächst Platz machen müssen. Und natürlich gibt es das Argument, die Konzentration auf die Kinder schade dem Erfolg im Beruf und damit der Sache der Emanzipation.
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Zweimal ist er in Deutschland dem Tod entkommen: in Bergen-Belsen und in München. Der Geher Schaul Ladany gehörte 1972 zu Israels Olympiateam. Das ist jetzt 40 Jahre her, doch die Erinnerung folgt ihm auf Schritt und Tritt. Seite Drei. Jetzt lesen ...
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OB-Kandidatin Nallinger
...ist wohl der falsche Ausdruck. Wenn ein Wohngebiet von Menschen dominiert wird, die auf "mittlerem Niveau" leben, wie Sie es nennen, was eine entsprechende Infrastruktur nach sich zieht - teure Läden und Cafés, kaum noch bezahlbare Mieten, Eigentumswohnungen - und die weniger begüterte Bevölkerung verdrängt wird, allen voran die Migranten, könnte man es eher Ohnmacht nennen. Toleranz ließe sich üben, wenn die "Berliner Mischung" noch vorhanden wäre. Das großspurige Auftreten der neuen Bewohnerschaft (Ausnahmen bestätigen die Regel) erinnert an die Selbstherrlichkeit von Kolonialherren. Sie fordern tatsächlich Toleranz von den Kolonisierten? Und nein, das betrifft natürlich nicht nur den Prenzlauer Berg, denn die abwandernde Bevölkerung verdrängt wiederum einkommensschwächere Gruppen aus anderen Bezirken. Gentrifizierung ist auch nicht allein ein Berliner Problem, leider.
Ein sehr lustiger Artikel. Die These, dass die Verdrängten Ossis sich über die Neuzugezogenen öffentlich erregen, kann ich nicht folgen. Die sozial Abgehängten sind nur ganz selten Redakteure.
Gut wird doch herausgestellt, dass in einer Gesellschaft in der angeblich Platz für viele "multi-Lebensstile ist, die Toleranz für diese Form der urbanen Bürgerlichkeit extrem gering ist. Sehr lustig auch, der ganze Neid-Kübel. Zum Einsortieren: Wer am Prenzelberg in schicker Wohnung mit Latte-Abo lebt, ist sicher nicht arm, lebt eben auf mittleren Niveau.
Aber: Gut aussehen, einen netten Partner, Pilates machen, ne gute Wohnung und keine Existenzsorgen – das ist für viele offenbar schon eine Provokation bei der sich beim Bier schlabbern gestört fühlen.
Man merkt daran übrigens auch, dass die ganzen Schreiberlinge ihre Inspiration nur aus ihrem Kiez beziehen. Für den Berlinschreiber schrumpft die Welt offenbar auf 5 Quadratkilometer. Diese Sozialeiferer sollte mal in einen "anständigen" Vorort gehen. Dort wo die Kinder mit dem Cayenne GTS zur Schule gefahren werden und Multi-Kulti bedeutet: der Konsul beim Golf, die anderen als Haushaltshilfe. Da hätte ihr Sozialneid wenigstens etwas mehr Anlass
ganz schlechter artikel! da dachte die redaktion, mal wieder anders denken zu müssen. ist aber mißlungen. interessanter weise geht es beim seite 1 artikel der SZ dieser ausgabe um böse investoren, die armen afrikanern das land wegkaufen. der "hass" auf die mütter vom prenzelberg entsteht doch aus der gleichen, materiellen motivation: reiche wessis kaufen armen eingeborenen ossis die wohnungen unterm arsch weg.
und die kritik an der linken kommt von der falschen seite. im zweifel hat sich "die linke" immer eher für gleichheit als für freiheit entschieden. dass die personifizierte super-individualisierte ungleichheit da auf kritik stößt, ist nichts, worüber man einen artikel schreiben muss.
Es juckt die, die unter der Rücksichtslosigkeit dieser Mütter (und Väter) zu leiden haben, denen die Kinderwagen und Kinderfahrräder in die Hacken gefahren werden, deren Stammlokale und letzte Refugien Cocktailbars weichen müssen, und, was noch weit schlimmer ist, die aus ihren Wohnquartieren verdrängt werden. Es gibt kaum noch alte Leute hier, und auch die alternative Künstlerszene, die am Prenzlauer Berg mal beheimatet war, macht sich langsam rar. Ein Arbeiterviertel ist dieser Bezirk schon lange nicht mehr, denn die Mieten kann bald keiner mehr bezahlen. Stattdessen findet man als öde Monokultur fast nur noch die Ökospießer hier.
Irgendwie scheint es mit Menschen, die ihren eigenen, anderen, individuellen, vielleicht auch wohlhabenden Lebenststil pflegen, Probleme zu geben. Oder besser gesagt: die Anderen, also die große Masse oder diejenigen, die etwas neidisch sind, machen die die Probleme.
Wen muss es denn jucken, dass Mütter mit Porsche zum Italiener fahren, ihre best angezogenen Kleinen auf den Spielplatz behüten und ihre ganz ureigen Vorstellung vom Leben und Erziehung haben?
Wer muss sich den dafür interessieren oder gar aufregen ? Sind wir das Volk voller Spiesser, Neider und Gleichmacher ? Sollte denn nicht jeder sein Leben leben wie er kann und es ihm passt? Anscheinend nicht.
Schade, wie armselig!
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