Von Eva Munz

Beim Pre-Sale erhält ein auserwählter Kreis einen Vorsprung auf Markenkleidung zum halben Preis. Die Meute auf der Suche nach dem Schnäppchen: Geschmack und Manieren bleiben daheim.

An diesem Sonntag im Juni wussten wir, dass der Sommer zu Ende gehen werde. Modisch gesehen. Ein handverlesenes Publikum aus Stammkunden ist ins Departmentstore Quartier 206, jenes elegante Kaufhaus in der Berliner Friedrichstraße, geladen worden.

Shopping auf Zeit

Shoppen wie im Blitzkrieg: Wer schnell ist, macht das Rennen. (© Foto: iStockphoto.com)

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Die Frühjahrs- und Sommerkollektionen der feinsten Labels (Prada, Jil Sander, Chloé, Manolo Blahnik, Dolce&Gabbana, Lanvin, Miu Miu und so weiter) werden an diesem Sonntag zum privaten Pre-Sale angeboten - für 50 Prozent des Normalpreises, genau einen Tag, bevor der Sommerschlussverkauf für Normalsterbliche beginnt. Auch Schuhe von Marc Jacobs! Davon hat man ja angeblich nie genug.

Weil im Quartier 206 alle als wegweisend empfundenen Labels unter einem Dach präsentiert werden, kann man sich die lästige Tour in die einzelnen Modehäuser (Chanel, Jil Sander und Hermès laden ebenfalls zum Pre-Sale) sparen.

Ein gewaltiger Sog

Dem Erfolg des Pre-Sale-Phänomens ist es übrigens auch zuzuschreiben, dass man später, im ordinären Schlussverkauf, kein ernstzunehmendes Stück Stoff mehr in gängigen Größen findet. Wie gesagt, es geht um einen Vorsprung von genau 24 Stunden; aber genau diese 24 Stunden reichen offensichtlich aus, um dazuzugehören, drinzusein. Daher geht von der besagten Veranstaltung eine ansteckende Hysterie aus, ein gewaltiger Sog.

Es scheint, als haben alle meine Freunde eine Einladung, nur ich nicht. Ich werde trotzdem versuchen, reinzukommen. "Das Quartier wäre gerne das Bergdorf Goodman Berlins", hat eine befreundete Modedesignerin einmal gesagt. Und weil zwischen New York und Berlin der atlantische Ozean liegt, haben die beiden Kaufhäuser nur sehr wenig gemein. Das mag an Berlin liegen.

Die Modedesignerin hat an diesem Sonntag plötzlich doch keine Lust mehr auf den Sale, sie will an der Galerie abgesetzt werden. Textnachricht von einer anderen Freundin, der Society-Reporterin: Sie kommt nicht, sie möchte lieber in Möbel investieren. Die dritte im Bunde, ihres Zeichens Stylistin, hat bereits am Vorabend abgesagt: Fotoproduktion am Wannsee. Alle desertieren. Ich weiß nicht mehr, was mich überredet hat, hinzugehen.

Ich rufe einen Bekannten an, den ich dort vermute - und tatsächlich: "Ich bin schon da", ruft der Künstler ins Mobiltelefon. "Sie schließen jetzt auf. Es geht los!" Er legt auf, ohne mir zu sagen, wie ich ohne Einladung hineinkomme. Wahlwiederholung. Der Künstler geht nicht mehr ans Telefon.

Passé - aber haben will man es trotzdem

Es ist jetzt genau 11 Uhr 7, also sieben Minuten post season. Alles, woran man in Sachen Mode sechs Monate lang geglaubt hat, von Flatterkleidern von Chloé bis zum zweifarbig gebatikten Sackleinen aus dem Hause Marni, wird in diesen Minuten Geschichte, ist wohl erst einmal für lange Zeit passé. Aber haben will man es trotzdem noch.

Der Haupteingang des Quartiers ist geschlossen und verweist auf eine "Private Veranstaltung". Die Friedrichstraße flimmert in der Hitze wie in den Weltuntergangs-Szenarien der Zeugen Jehovas. Nichts bewegt sich, alle Autos - durchgehend schwarz - glitzern wie Särge am Straßenrand. Nur Sonntage können so morbide sein. Ich laufe am Fenster des Yves-Saint-Laurent-Stores vorbei und mir fällt ein, dass Monsieur ja gerade verstorben ist. Wahrscheinlich ist dies alles kein Zufall.

Ein Pärchen geht über die Straße: Sie kennt man aus irgendeinem deutschen Film, vielleicht auch nur aus einer Serie, ihr Begleiter sieht aus wie einer dieser Modemenschen. Sie biegen in die Taubenstraße ein. Ich folge. Der Seiteneingang ist geöffnet, vor den Blumen steht auch eine Art Empfangskomitee und nimmt Einladungskarten entgegen. Ich halte das Handy ans Ohr und forme mit dem Mund die Worte: "Mein Mann, schon oben ..."

Aggressiv und total verunsichert

Das Komitee vergibt mir mit einer einladenden Geste etwas, das ich nicht getan habe, und wünscht mir viel Spaß. Ich schlendere an Orchideen und Parfum vorbei und nun, wo die Klimaanlage fröhliche Essenzen durch die kühle Luft wirbelt, kommt das Gefühl auf, dass es vielleicht gleich ganz schön wird.

Oben am Treppenabsatz in der Schuhabteilung verflüchtet sich die kurze Euphorie. Die Damenschuhabteilung sieht aus wie ein aufwändig bepflanztes Blumenbeet, welches die CIA nach Terrorverdächtigen umgegraben hat: Stilettos von Manolo Blahnik, breit geriemte Jil-Sander-Sandalen, Marc-Jacobs-Gummi-Ballerinas liegen unordentlich in den halbleeren Regalen, die rechten Schuhe fest im Griff der potentiellen Käufer, die einen guten Teil ihrer Erziehung zu Hause gelassen haben.

Die meisten sind über 30 Jahre alt, ein paar sicher über 70, alle teuer gekleidet, stark geschminkt. Auffällig: kein einziger Kinderwagen, offenbar wissen alle, dies wird ein Blitzkrieg, bei dem nur das Quartier 206 als Sieger hervorgeht. Einige Damen sind zu zweit gekommen, doch hier zwischen den Schuhen lösen sich die Allianzen, jetzt ist jeder auf sich gestellt. Es herrscht eine Atmosphäre wie in den Helikoptern amerikanischer Marines über Basrah, nur eben in weiblich: aggressiv und gleichzeitig total verunsichert.

Lesen Sie weiter: Größe 38? Kann man vergessen...

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