Prävention Wie Streetwork im Netz funktionieren kann

Von einem Link zum nächsten - wie kann man junge User davor schützen, in den Sog extremistischer Inhalte zu geraten?

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Die Radikalisierung von Jugendlichen beginnt oft im Internet. Die Sozialarbeit hat den Trend lange verschlafen. Wie verhindert man, dass junge Menschen auf extremistischen Websites landen?

Von Leonie Gubela

Streetworker tragen die Straße in der Berufsbezeichnung. Parks, Bahnhöfe und öffentliche Plätze gehören zu ihren Wirkungsstätten. Sie begegnen dort Jugendlichen, die möglicherweise Hilfe brauchen, weil sie sich selbst oder andere gefährden - und die von ihrem Umfeld nicht mehr erreicht werden. Die jungen Menschen sind für die Sozialarbeiter sichtbar, sie sind Teil eines Stadtbilds.

Nicht erst seit gestern gibt es neben dem sehr greifbaren jedoch auch den virtuellen Raum, in dem Jugendliche auf Sinnsuche gehen. Wenn es gut läuft, finden sie dort die richtigen Antworten. Doch die falschen liegen nahe, sind in der Regel viel zu leicht auffindbar und ansprechend verpackt. So kam Ende 2015 eine Studie (PDF) der Bundeszentrale für politische Bildung zu dem Schluss, radikale Salafisten würden ihre Botschaften mit popkulturellen Elementen kombinieren - mit Filmen, Musik, Computerspielen - um eine Art "Pop-Dschihad" zu vermitteln. So werde den Jugendlichen ganz spielerisch und niedrigschwellig die "Tür zum Islamismus" geöffnet.

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Umso wichtiger ist es, dass Organisationen, die sich um Jugendliche kümmern, online ein alternatives Angebot schaffen. Wer im deutschsprachigen Netz auf die Suche nach entsprechenden Formaten geht, wird jedoch kaum fündig. Hat die Jugendsozialarbeit einen Trend verschlafen?

Baki Ince findet, ja. Er ist Leiter des Modellprojekts "Ikra'm", einer Initiative des Bündnisses der Islamischen Gemeinden Norddeutschlands, das vom Familienministerium gefördert wird. "Dass Radikale im Netz die Deutungshoheit über islamische Werte gewonnen haben, ist schon etwa fünf, sechs Jahre her", sagt der 29-Jährige. Das Internet sei überflutet von extremistischem Gedankengut. "Es ist längst überfällig, dass Vereine und Initiativen dem etwas entgegensetzen." Warum hat sich bisher so wenig getan? "Junge Leute sind in diesen Organisationen oftmals unterrepräsentiert und den Älteren fehlt schlicht die Affinität zu sozialen Netzwerken", sagt Ince.

Seit einem Jahr gibt es "Ikra'm". Das Ziel des Projekts: Jungen Muslimen, die sich im Netz beispielsweise über ihre Religion informieren wollen, hilfreiche Inhalte zur Verfügung stellen und damit einen Gegenpol bieten zu den Onlineauftritten extremistischer Organisationen. So posten Inces Mitarbeiter etwa kurze Erklärvideos rund um den Islam in Sozialen Netzwerken. Darunter "Das Leben des Propheten Mohammed" oder "Die Säulen des Islam in 90 Sekunden".

Baki Ince beschreibt, wie extremistische Gruppierungen ihre Online- und Offlinepropaganda miteinander verknüpfen. "Salafisten beispielsweise sprechen Menschen erst in Fußgängerzonen an und verweisen dann auf ihren Webauftritt." Bei "Ikra'm" gehe man einen ganz ähnlichen Weg - nur mit anderen Inhalten. Die Organisation arbeitet auch offline, veranstaltet Seminare und Workshops zum Thema "Extremismus im Internet".

Prävention funktioniert nicht im Netz allein

Auch in Sachen Popkultur sind Inces Mitarbeiter aktiv. Um die Online-Reichweite zu vergrößern, sei unter anderem die Teilnahme an sogenannten Challenges hilfreich. "Anfang des Jahres haben alle möglichen Prominenten, Fußballmannschaften und Youtuber bei der Mannequin-Challenge mitgemacht", sagt Ince. Sie filmten sich bei Alltäglichem, um dann in einer bestimmten Pose zu verharren. "Wir haben in der Moschee daraufhin natürlich auch ein Video gedreht." Sowas werde generell viel geteilt. Und je höher die Zugriffszahlen, desto prominenter die Platzierung in Suchmaschinen und auf Startseiten.

Googelt ein Teenager beispielsweise "Dürfen Muslime tanzen?" wird im Idealfall als einer der ersten Treffer eine Website angezeigt, die ihm eine gut recherchierte Antwort präsentiert. Und keine radikalislamische Propaganda.

Das Violence Prevention Network (VPN), ein Expertenverbund zur Deradikalisierung von Jugendlichen, sucht seit Kurzem sogar nach einem Online-Streetworker. "Uns ist klar, Radikalisierung passiert in vielen Fällen im Internet und deshalb müssen wir uns dorthin bewegen", sagt Pressesprecherin Cornelia Lotthammer. Auch das VPN setzt online auf sogenannte "Counter Narratives" - versucht also, eine andere Geschichte zu erzählen, ein anderes Weltbild zu vermitteln, als radikale Islamisten.

Man ist beim VPN jedoch davon überzeugt, dass Prävention und Deradikalisierung nicht ohne persönlichen Kontakt ablaufen können: "Das Wichtigste ist, Vertrauen aufzubauen", so Lotthammer. Und das funktioniere nun mal am besten über ein richtiges Gespräch mit Mimik und Gestik. Dementsprechend finden sich auf der Seite zahlreiche "Hast du Fragen? Kontaktier uns!"-Buttons. "Wir arbeiten darauf hin, dass sich aus dieser Online-Kommunikation ein persönliches Treffen ergibt."