Prävention "Du musst dich zusammenreißen - so ein Satz geht bei uns gar nicht!"

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund 500 junge Menschen das Leben.

(Foto: imago/Action Pictures)

Wie erreicht man suizidgefährdete Jugendliche? Eine Online-Beratung hilft per Mail, soziale Netzwerke setzen auf künstliche Intelligenz.

Von Leonie Gubela

Einer der ersten Klienten von Niko Brockerhoff hatte für seinen Suizid bereits ein Datum festgelegt. An einem Dienstag im September wollte der junge Mann mit dem Usernamen "Anton" (Name v. d. Red. geändert) seinem Leben, den Depressionen, ein Ende setzen. Kurz bevor es soweit war, kontaktierte er U25 - eine Online-Beratung der Caritas für Menschen unter 25 - und öffnete sich dem gleichaltrigen Niko. Die beiden damals 18-Jährigen korrespondierten tagelang, das Datum rückte näher, verstrich und Anton ging stattdessen in Therapie. "Da dachte ich zum ersten Mal: Wow, ich habe gerade jemanden dazu gebracht, sich nicht das Leben zu nehmen", sagt Brockerhoff. Es war nicht das letzte Mal.

Heute ist Niko Brockerhoff 22, hat Soziale Arbeit studiert und ist hauptamtlich bei der Initiative tätig. Junge Menschen, die keinen anderen Ausweg sehen, als sich umzubringen, können sich ihm und seinen 22 sogenannten Peer-Beratern in Gelsenkirchen anonym per Mail anvertrauen. Diese Berater sind keine Psychologen, sondern Jugendliche zwischen 16 und Mitte 20. Viele von ihnen haben eigene Erfahrungen mit selbstverletzendem Verhalten und psychischen Erkrankungen überwunden und wollen anderen in ähnlichen Situationen helfen. Die meisten arbeiten ehrenamtlich neben Schule, Studium oder Ausbildung.

"Noch nie habe ich mich so allein gefühlt"

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Ausgebildet werden sie von den Projektleitern Niko Brockerhoff und seiner Kollegin Katrin Gieß, 27, die ebenfalls Soziale Arbeit studiert hat. Eine feste Regel für die Formulierung der Emails gebe es nicht, sagt Brockerhoff. Je nach Ton des Schreibers - förmlich, locker, mit Emoticons oder ohne. "Nur auf das Wort 'müssen' sollte verzichtet werden." Denn "müssen" bedeute, jemandem vorzuschreiben, was er zu tun habe. "Und das ist nicht unsere Aufgabe", sagt der 25-Jährige."Du musst dich zusammenreißen - so ein Satz geht bei uns gar nicht."

In der Altersgruppe unter 25 ist Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Autounfällen. Laut eine Erhebung des Gesundheitsministeriums nehmen sich in Deutschland jedes Jahr etwa 500 junge Menschen das Leben. Bundesweit wenden sich jährlich etwa 900 Jugendliche an die Online-Beratung U25. Inzwischen hat die Initiative, die vom Familienministerium gefördert wird, neben Gelsenkirchen neun weitere Standorte mit insgesamt 160 Beratern.

Jede Mail, die die Peers verfassen, wird von Niko Brockerhoff und seiner Kollegin abgesegnet. "Auch um sicherzustellen, dass die Professionalität gewahrt wird und keine zu intensiven Bindungen entstehen." Aus dem Grund bleiben die Berater gegenüber den Klienten ebenfalls anonym. Während der Ausbildung üben sich die Ehrenamtler zunächst an vergangenen Fällen und beantworten exemplarische E-Mails. "Die meisten treffen intuitiv den richtigen Ton", sagt Brockerhoff. "Oft feile ich nur an der einen oder anderen Formulierung."

Natürlich habe jeder seinen eigenen Stil - ein 16-Jähriger schreibe anders als ein 24-Jähriger. "Aber genau das ist wichtig." Brockerhoff versucht, Klienten und Berater zusammenzubringen, die ungefähr im gleichen Alter sind und womöglich sogar vergleichbare Erfahrungen gemacht haben. "Wenn sich jemand mit Essstörungen bei uns meldet, verbinde ich ihn, wenn möglich, mit einer Person, die diese Situation nachvollziehen kann." Da er die Korrespondenz überblickt, liegt es in seiner Verantwortung, sich zu vergewissern, dass der Berater nicht getriggert wird - also dessen eigene Themen wieder aufbrechen. Gegebenenfalls muss er sich mit einschalten.

Viele wissen selbst, was ihnen guttut

Wer sich erstmals an U25 wendet, erhält innerhalb von zwei Tagen Antwort. Danach können sich die Berater bis zu einer Woche Zeit für weitere Mails lassen. "Das Warten soll entschleunigend wirken und Selbstreflexion fördern", sagt Brockerhoff. Nur in Einzelfällen werde die Frequenz der Mails erhöht. In dieser Phase müssen die Berater herausfinden, wie konkret die Suizidgedanken sind. Das bedeutet: viel nachfragen, sich ein Bild machen. Das ist nicht immer einfach, besonders, wenn die Nachrichten kryptisch oder kurz gehalten seien, sagt Brockerhoff - "so in die Richtung: Mir geht's so scheiße, ich will nicht mehr leben."

Die Peers haken immer wieder nach und motivieren den Klienten dazu, selbst darüber nachzudenken, was jetzt hilft. "Ganz oft wissen sie unterbewusst, was ihnen guttut und brauchen nur jemanden, der sie das erkennen lässt." Dass die Mailberatung eine Therapie nicht ersetzt, wird gleich zu Beginn klargestellt. Das Ziel: Die Klienten step-by-step dazu zu bewegen, sich professionelle und langfristige Hilfe zu holen.