Porträt: Naomi Campbell Naomi schlägt alle

Das Supermodel soll im UN-Kriegsverbrecherprozess gegen Liberias Ex-Präsidenten Charles Taylor wegen ihres angeblichen "Blutdiamanten" aussagen. Über eine starke Frau mit vielen Schwächen.

Von Tanja Rest

Sie hat ihre Assistentin mit dem Telefonhörer geschlagen, am Flughafen Heathrow Polizisten bespuckt, auf der Yacht eines Freundes Möbel zertrümmert, ihrer Haushälterin ein Handy an den Kopf geworfen und zur Strafe fünf Tage lang das Gebäude der New Yorker Stadtreinigung geschrubbt. Unter diesen Umständen kann man es einer Reporterin des Fernsehsenders ABC nicht hoch genug anrechnen, dass sie ihren ganzen Mut zusammennahm und Naomi Campbell nach dem Blutdiamanten fragte.

Supermodel Naomi Campbell vor Gericht - aber nicht wegen ihres zügellosen Temperamentes, sondern als Zeugin.

(Foto: afp)

Das Video steht seit April bei Youtube, und der Ausdruck in Campbells Gesicht lässt das Blut in den Adern gefrieren. Eisig: "Ich habe keinen Diamanten bekommen, und ich werde nicht darüber sprechen, vielen Dank auch." Die Reporterin hakt nach: Habe sie nicht mit dem liberianischen Expräsidenten Charles Taylor zu Abend gegessen? "Ich habe mit Nelson Mandela zu Abend gegessen, vielen Dank auch." Das Video endet dann recht abrupt, weil Campbell aufsteht und dem Kameramann von ABC sein Arbeitsgerät aus der Hand schlägt.

Beim nächsten Mal wird sie ihr furioses Temperament unter Kontrolle halten müssen, denn dann ist es das Gericht in Den Haag, das die Fragen stellt: Naomi Campbell, 40, britisches Topmodel, wird im UN-Kriegsverbrecherprozess gegen Charles Taylor als Zeugin geladen. Die Ankläger werfen dem Ex-Diktator vor, Waffen und Munition an Rebellen geliefert zu haben, die im Bürgerkrieg im benachbarten Sierra Leone kämpften. Dafür habe er Diamanten bekommen.

Einen solchen "Blutdiamanten" soll Taylor der dunkelhäutigen Schönen geschenkt haben, als sie 1997 in Südafrika eine Benefizveranstaltung mit Nelson Mandela besuchte. Campbell bestreitet die Vorwürfe. Die damals ebenfalls geladene Schauspielerin Mia Farrow sagt jedoch, Campbell habe ihr von dem Geschenk erzählt - weshalb Farrow nun ebenfalls in den Zeugenstand muss.

Die Klatschpresse wird Campbells Auftritt entgegenfiebern, schließlich ist sie ja nicht irgendein Model. 1985 sah eine Agentin der Elle die damals 15-Jährige beim Shopping in Covent Garden und erkannte ihr Potential sofort: stolzes Gesicht, starke Schultern, endlose Beine, raubtierhafter Gang - und ein unbedingter Wille zur Selbstdarstellung. Der Aufstieg verlief rasant. Campbell war das schwarze Supermodel der neunziger Jahre, die erste schwarze Frau auf dem Cover der Vogue, die unumstrittene Laufstegkönigin von New York bis Paris mit Tagesgagen von bis zu 100.000 Dollar. Fotografen lieben und fürchten sie gleichermaßen.

Doch obwohl Campbell öfter gefeuert wurde als jede andere: Die legendären Wutausbrüche haben ihrer Karriere nicht wirklich schaden können. Und über ihre Versuche als Schauspielerin, Schriftstellerin und Sängerin sah die Branche gnädig hinweg.

Auch bei ABC zeigte man sich schließlich versöhnlich, im Mai durfte das Model in Oprah Winfreys Talkshow kommen. Dort sah sie sensationell gut aus und sprach eindrucksvoll über die Einsamkeit, den Stress und ihre traurige Kindheit. Den Hieb gegen die Kamera leugnete sie einfach. Die Den Haager Richter sollten diese Zeugin nicht unterschätzen. Modeleute wissen: Naomi schlägt alle.