Von Nina von Hardenberg

In 15 Jahren hat sich Beatrice Were von einer wehrlosen Witwe zu einer der bekanntesten Aids-Aktivistinnen Afrikas gewandelt.

Beatrice Were wird immer noch wütend, wenn sie an den Tod ihres Mannes denkt, der 1991 in Ugandas Hauptstadt Kampala an Aids starb. "Ich glaube, er wusste seit langem von seiner Krankheit, denn die Diagnose des Arztes schien ihn nicht zu überraschen", sagt sie bitter. Doch mit seiner Frau hatte er nie gesprochen.

Beatrice Were: "Meine Kinder wären der Welt dann alleine ausgeliefert." (© Foto: oh)

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Der Schicksalsschlag traf die damals 25-jährige Mutter von zwei kleinen Kindern völlig unvorbereitet. Als Witwe hatte sie nach derugandischen Tradition nach seinem Tod kein Anrecht mehr auf ihre Kinder und das Hab und Gut aus der Ehe. Noch während ihr Mann im Sterben lag, begann dessen Familie seinen Haushalt unter sich aufzuteilen. "Sie wollten, dass ich den jüngeren Bruder meines Mannes heirate", sagt sie und schüttelt den Kopf.

15 Jahre ist das her. Jahre, in denen sich Were von einer wehrlosen Witwe zu einer der bekanntesten Aids-Aktivistinnen Afrikas gewandelt hat. Und Jahre, in denen Uganda dank mutiger Kämpfer wie Were einen anderen Weg einschlug als viele Länder in Afrika.

Während sich die Aidsepidemie in den neunzigerJahren in vielen Staaten explosionsartig verbreitete, gelang es in Uganda die Neuansteckungsrate zu senken. "Beatrice hat sich gegen die Traditionen in der ugandischen Gesellschaft gestellt und den mit HIV infizierten Frauen eine Stimme gegeben", sagt Marianne Heuwagen von Human Rights Watch Deutschland. Die Organisation hat Were im vergangenen Jahr mit dem Human Rights Defender Award ausgezeichnet und sie jetzt zu einer Reise nach Europa eingeladen.

Wenn die Aktivistin über Aids spricht, klingt ihre Stimme leise, aber selbstbewusst. Sie verzichtet auf dramatische Appelle, und verlässt sich auf die Überzeugungskraft ihrer eigenen Lebensgeschichte: Kurz nachdem ihr Mann starb, erfuhr Were, dass er sie angesteckt hatte. "Ich hatte große Angst, dass ich sterben würde, bevor sich die Situation in Uganda ändern kann", erzählt sie. "Meine Kinder wären der Welt dann alleine ausgeliefert."

Es war diese Angst und das Gefühl, dass ihr ein großes Unrecht zugestoßen war, die ihr dieKraft gaben zu handeln. Were wandte sich an ihren Vater, der sie aufnahm und dieKinder versorgte, währen sich die junge Mutter einen Job suchte.

Mit Hilfe einer Frauenorganisation gelang es ihr, das Erbe ihres Mannes gegenüber dessen Familie einzuklagen und die erzwungene Ehe abzuwenden. Sich gegen die Familie ihres Mannes gewehrt zu haben, gab Were den Mut, auch anderen Frauen zu helfen. Sie gründete die Nationale Gemeinschaft von Frauen, die mit Aids leben (Nacwola), eine Organisation die sich für die Rechte von Witwen einsetzt und inzwischen 40.000 Mitglieder zählt.

Ihr persönlicher Durchbruch kam aber erst 1995, als sie bei einer Konferenz in Südafrika öffentlich über ihre Krankheit sprach. "Der Zeitpunkt war günstig", sagt Were. Anfang der neunziger Jahre wuchs in Uganda gerade das Bewusstsein für die Gefahr des HI-Virus. Der Präsident unterstützte Kampagnen, die vor der Epidemie warnten.

Als Schutz gegen Aids wurde aber vor allem ein keuscher Lebenswandel vor der Ehe undTreue in der Partnerschaft empfohlen. Also genau das Leben, das auch Were geführt hatte. Sie fühlte, dass sie sprechen musste, um den vielen betrogenen Frauen zu ihrem Recht zu verhelfen.

"Für viele war mein Auftritt ein Schock", erinnert sie sich. Doch Were selbst fiel eine große Last von den Schultern. "Ich konnte es nicht mehr ertragen, allein mit meinem Geheimnis und meiner Angst zu sein." Heute ist es ihre kleine Tochter, die sie abends, wenn sie müde nach Hause kommt, daran erinnert, ihre Medikamente zu nehmen. Offen zu der Familie und den Angehörigen zu sein, kann den Kranken viel Lebensmut zurückgeben, erkannte Were.

Ihre Hilfsorganisation hat darum das Projekt "Memory Book" ins Leben gerufen. Es ermutigt mit HIV infizierte Menschen, eine Art Tagebuch zu führen, in dem sie Erinnerungen für ihre Kinder festhalten. Das Tagebuch ist nur eines von vielen Projekten , an denen die Aktivistin arbeitet. Sie kämpft auch für einen offeneren Umgang mit der Krankheit. Denn religiöse Gruppen in Uganda haben in den vergangenen Jahren wieder stärker ein keusches Leben als Schutz gegen Aids propagiert.

Dieser Ansatz wird auch von amerikanischen Hilfsorganisationen in Uganda favorisiert. Were macht diese einseitige Präventionskampagne dafür verantwortlich, dass sich Aids in Uganda in den vergangenen Jahren wieder schneller ausgebreitet hat. Were lebt seit 15 Jahren mit der Krankheit, ohne dass das Virus ausgebrochen ist. Sie hat wieder geheiratet und ein weiteres Kindzur Welt gebracht, das genau wie die zwei Geschwister kein Aids hat. Anders als in den ersten Jahren, in denen sie Todesangst verspürte, glaubt Were nun, dass sie lange leben wird. Doch ruhiger ist sie dadurch nicht geworden. Denn derKampf gegen das Virus macht jeden neuen Tag zu einer Aufgabe.

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(Süddeutsche Zeitung)