Porträt Der Bücherpastor

Wie rettet man ein Erbe, das keiner mehr haben will? Martin Weskott sammelte Hundertausende Bücher von DDR-Autoren, deren Werke eingestampft werden sollten.

Von Cord Aschenbrenner

Auf dem kurzen Weg mit Martin Weskott von seiner Kirche hinüber in die Bücherscheune taucht plötzlich der Gedanke an Johann Friedrich Oberlin auf. Oberlin war zur Zeit der Aufklärung, vor über 200 Jahren also, Pfarrer in Waldersbach im Elsass. Er lehrte die Menschen in seiner Gemeinde nicht nur den Katechismus und war ihr Seelsorger, er zeigte ihnen auch, wie sie ihre Lebensumstände verbessern konnten, bot ihnen Hilfe zur Selbsthilfe an. Bis heute wird Oberlin in Frankreich verehrt. Weskott, denkt man, ist ein würdiger Nachfahr.

Der Bücherpastor. Weit über seine Gemeinde Sankt Johannes in Katlenburg im westlichen Harzvorland hinaus ist Weskott unter diesem Beinamen bekannt. Wer sich darunter allerdings eine Art geistlichen Büchernarren vorstellt, der täuscht sich. Im Auto ein paar Bibeln, drei, vier Romane und ein paar Bücherkartons, zwei alte Taschenbücher in der Manteltasche, das schon. Und natürlich ist da die Bücherscheune, zu ihr später. Der Pastor jedenfalls ist ein handfester Mann; ein schwarzer Hut sitzt auf seinem mächtigen Schädel, dunkle Brauen und ein wehender weißer Bart rahmen ein gütiges, durchaus eigensinniges Gesicht ein. Seit 1979 ist der 65-jährige Weskott in Katlenburg für seine 1800 Gemeindemitglieder da, ähnlich wie Oberlin, der sogar mehr als 50 Jahre in Waldersbach amtierte.

150 Fahrten mit einem Lastwagen brachten all die Bücher in die Scheune

Zwei Gottesdienste hält Pastor Weskott jeden Sonntag: um halb zehn in Katlenburg, um elf im nahen Suterode. Öfters gibt es Predigtreihen; in diesen Wochen befasst er sich Sonntag für Sonntag mit dem alttestamentlichen Buch des Propheten Daniel. Wochentags das ansonsten Übliche: Konfirmandenunterricht, Gemeindenachmittage, Beerdigungen, Trauungen. Mit seinem alten Mercedes-Bus oder zu Fuß besucht Weskott Sterbende und Kranke, oft fährt er bis nach Göttingen ins Krankenhaus: "Ich habe ein seelsorgerliches Verständnis meines Berufes", sagt er. Es gibt einen kirchlichen Kindergarten und eine seit 1921 existierende Gemeindeschwesternstation, deren ehrenamtlicher Geschäftsführer der Pastor ist: ein Pflegedienst für die Region um Katlenburg, getragen von der von Weskott gegründeten "Diakonischen Initiative". 20 Mitarbeiterinnen kümmern sich um etwa 100 alte und kranke Menschen. Es gibt die weit gespannte Bildungsarbeit, Vorträge, Lesungen, kirchen- und kunsthistorische Fahrten, all das, was zu Weskotts Verständnis von Gemeindearbeit gehört. Und es gibt die Bücher.

Im Mai 1991 hatte Weskott in der SZ das Foto einer Müllkippe nicht weit von Leipzig gesehen, auf der ehemalige DDR-Verlage ihre plötzlich unverkäuflich scheinende Produktion verklappten, Bücher von Autoren, die in der anbrechenden neuen Zeit doch ohnehin keiner mehr lesen wollte: Brigitte Reimann, Stefan Heym, Christoph Hein, Walter Janka. Aber auch Heinrich Mann, Fjodor Dostojewski, Jaroslav Seifert, der tschechische Nobelpreisträger. Nicht einzelne Restexemplare, nein, druckfrische Gesamtauflagen, und nicht nur schöne Literatur, auch Physikbücher, Kochbücher, Musik, Biologie, "Wie repariere ich meinen Trabant", alles. Auf der Kippe sollten sie verrotten. Weskott fuhr hin und packte ein, so viel sein Wagen fasste.

Seine Scheune in Katlenburg wurde zum Ort der Rettung für viele Bücher: Pfarrer Martin Weskott.

(Foto: Carolin Hlawatsch)

"Erdbestattung" hat der Schriftsteller Friedrich Dieckmann in einer so gebildeten wie furiosen Laudatio auf Martin Weskott 2009 anlässlich der Verleihung der Karl-Preusker-Medaille diese Bücherentsorgung treffend genannt. Preusker war 1828 der Begründer der ersten Volksbibliothek in Deutschland, die Medaille wird für Verdienste um öffentliche Bibliotheken verliehen. Und tatsächlich hat Weskott bald nach jenem Frühlingstag auf der Müllhalde von Plottendorf eine Bibliothek gegründet, wie es noch keine gab.

Denn die aufgesammelten Bücher - Fang nicht nur der einen Fahrt, sondern von insgesamt an die 150 mit eigens geliehenen Lastwagen - mussten ja irgendwo hin. Es fügte sich gut, dass der Katlenburger Pastor nicht nur über die Kirche Sankt Johannes mit ihrer romanischen Krypta und dem gotischen Chor auf der Bergzunge über Katlenburg gebietet, wo einst tatsächlich eine Burg stand. Sondern auch über das alte Klosterareal ringsum: das Refektorium der Augustiner aus dem 12. Jahrhundert und die ehemalige Vogtei. Herzog Heinrich der Löwe, der Gründer Münchens, war hier einst Vogt, Schutzherr des Klosters. Dicht neben der Kirche steht eine mächtige gotische Zehntscheune. Dort liegen die Bücher. Eine Million.

Gegen eine Spende von "Brot für die Welt" kann man sich an Sonntagen Lesestoff mitnehmen

Zuerst hatten Weskott und seine Helfer aus der Kirchengemeinde den Kapitelsaal des Refektoriums mit den Büchern gefüllt; als der zu klein wurde, bot sich die alte Scheune an. Da sich Weskotts Büchersammelei herumgesprochen hatte, kamen bald auch Lieferungen: von Bibliotheken, von Verlagen, von all jenen in Ost wie West, die es wie Weskott "einfach nicht ertragen konnten", dass alte Bücher untergepflügt wurden, verrotteten, womöglich verbrannt wurden. Weskott nahm sie alle auf, bis heute. Und gab sie weiter. Gegen eine Spende für "Brot für die Welt" kann man an Sonntagen nach dem Gottesdienst Bücher aus der steinernen Scheune mitnehmen. Im Laufe der Jahre sind so mehr als 130 000 Euro zusammengekommen. "Bücher weitergeben statt wegwerfen" lautet das Motto der von Weskott gegründeten "Gesellschaft zur Förderung von Kultur und Literatur", die mittlerweile Besitzerin des alten Gebäudes samt seinem Inhalt ist. Als Student in der Schweiz hatte Weskott die "Brockensammlung" der Heilsarmee kennengelernt, wo man das erhält, was andere loswerden wollen.

Beim Eintreten erkennt man gleich: Eine Scheune ist keine Bibliothek. Jedenfalls keine übliche. Bücher breiten sich liegend, halb oder ganz stehend, verrutscht, in spiralförmigen Türmen, in dünenartigen Hügellandschaften, sich verengende und wieder weitende Gänge bildend, über die Fläche der Scheune aus. Regalmeter um Regalmeter stehen an den Wänden, bedecken Tische, nehmen ein Zwischengeschoss ein, schauen einem über die Schulter, versperren den Weg, riechen nach altem Papier und Druckerschwärze und sind überall. Aber nicht ohne Ordnung.

Pfarrer Martin Weskott.

(Foto: Carolin Hlawatsch)

Fragt man Weskott beispielsweise nach Hermann Kants Roman "Der Aufenthalt", sucht man den DDR-Kinderbuchautor Benno Pludra, verschwindet er erst kurz im Zentralmassiv, dann in einem der Ausläufer des Büchergebirges und taucht mit dem Gewünschten wieder auf. Es gibt eine Musikabteilung, Physikbücher haben ihren Ort, Politik findet sich, Mode, Kochen, Theologie, Kunst, Schulbücher, Biografien. Längst mischt sich Deutsches aus Ost und West. Gern erzählt Weskott von dem Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung, der vor 20 Jahren in einem der Stapel das richtige Buch aus der DDR fand. Darin war eine Materialmischung beschrieben, die der Mann brauchte, um ein Spektralfotometer für die Saturn-Sonde Cassini bauen zu können.

Bald nachdem die ersten Bücher auf dem Berg ein Lager gefunden hatten, begann Weskott, ihre Autoren einzuladen. "Müll-Literaten lesen" nannte er ingrimmig die Veranstaltungsreihe, die seit 1992 im Katlenburger Gemeindehaus stattfand, 124 Stufen unterhalb des Burgberges. Ein Kultur- und Bildungsprogramm im abgelegenen Katlenburg mit seinen knapp 2000 Einwohnern, das nicht seinesgleichen hatte. Bald nach 1991 erschienen weit über die ehemalige Grenze hinaus Berühmte wie Volker Braun, Friedrich Schorlemmer und Christa Wolf, aber auch im Westen fast Unbekannte.

Sie lasen neben den Stapeln ihrer Bücher, und die vielen Zuhörer konnten lernen, dass die DDR-Literatur viel weiter war, als man es sich im Westen so gedacht hatte: Umweltprobleme, Flucht und Vertreibung, die deutsche Teilung ... 1993 erhielt Weskott für seine Rettungstat das Bundesverdienstkreuz. Nicht alle in der Leitung der hannoverschen Landeskirche waren sich sicher, ob zu gratulieren sei - immerhin lud Weskott ja doch kommunistische Schriftsteller nach Katlenburg ein. Hat ihn diese Ignoranz gekränkt? Er winkt ab. "Danach soll man nicht fragen als Diener Gottes. Manchmal gab es auch freundliche Engel."

Heute heißt die Reihe "Menschen und Bücher - vorgestellt und diskutiert" und immer noch kommen Schriftsteller und Sachbuchautoren, verlockt von Weskotts unprätentiöser Art. Vielleicht will mancher auch sehen, wie er so ist, der belesene Pastor, PEN-Mitglied und Bücherretter, dort in seinem Dorf. Manchmal trifft es sich auch, dass einer der eingeladenen Autoren selbst seiner vielen Bücher nicht mehr Herr wird. So war es bei Klaus Harpprecht, dem kürzlich verstorbenen Verfasser gelehrter und viel gelesener Biografien, etwa über Thomas Mann. Weskott hat ihn in seinem Haus in Südfrankreich besucht und ist mit einem Mercedes voller Bücher zurückgekehrt.

"Bücher weitergeben statt wegwerfen" lautet das Motto der von Weskott gegründeten "Gesellschaft zur Förderung von Kultur und Literatur".

(Foto: Carolin Hlawatsch)

Egal, wen Weskott besucht: Allzu oft kehrt er mit einem Mercedes voller Bücher zurück

Wilfried Völlger, einer der "Müll-Literaten", hat aus zerrissenen Exemplaren seiner Bücher Skulpturen geschaffen. "Die Leserin" heißt eine, blätternd sitzt sie in der Scheune. Gegenüber in der berückend schönen, eiskalten alten Kirche findet man ein paar Buchinstallationen von Künstlerhand: Unter der Kanzel, von der Weskott sonntags predigt, steht eine jahrhundertealte Mosesfigur, die sich auf einen Stapel Bücher stützt; Nischen in den uralten Mauern sind gefüllt mit Büchern, auch in einer der zum Licht hin ansteigenden Fensternischen liegen aufgeschlagene Bücher.

Verweist dies auf die mittlerweile über ein Vierteljahrhundert alte Tradition der Bücherbewahrung in Katlenburg, so rufen im Kirchenschiff und auf der Empore die farbigen, expressiv erzählenden Gemälde des im vergangenen Jahr gestorbenen Künstlers El Shalom Wieberneit etwas anderes wach: die vielfältigen, oft verschütteten Traditionen des christlichen Glaubens und seine Wurzeln in der hebräischen Bibel. Im Refektorium, das längst geräumt ist von Büchern, hängt ein ganzer Zyklus zu Händels "Messias" von Wieberneit. Seine stupenden, mit Acryl gemalten Großformate sind dort von einer größeren Öffentlichkeit noch zu entdecken.

Die alten Landpfarrer blieben so manches Mal auf ihrer Pfarrstelle, bis der Tod sie von ihrer Gemeinde schied. Martin Weskott hingegen wird im kommenden Herbst pensioniert. Aber er wird sich weiter um seine Literatur-Gesellschaft kümmern. Vermutlich wird er hin und wieder predigen. Und er will schreiben: eine Geschichte der vergessenen DDR-Literatur.