Pornos für Frauen Der Devote hat die Power

Joy: Der wesentliche Punkt beim SM-Sex ist: Der oder die Devote hat die Power. In diesem Fall genießt es die Frau, die Verantwortung aufzugeben, setzt aber zugleich die Grenzen. Zum Beispiel durch ein abgesprochenes Safeword, wie es im Roman der Fall ist. Der Unterschied zwischen Unterwerfung und Unterdrückung, etwa durch Missbrauch ist: Beim Missbrauch werden die Grenzen des Opfers nicht anerkannt. Es geht darum, dem anderen Gewalt anzutun, um Schmerzen, nicht Lust, zu bereiten. Das eine ist ein temporäres Rollenspiel, bei dem es um die Befriedigung beider geht. Bei Missbrauch geht es nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um die Unterwerfung und Verletzung des Opfers.

Süddeutsche.de: Wie erklären Sie sich, dass dieses Buch so einen Erfolg bei der weiblichen Leserschaft hat?

Joy: Dieser Roman ist ein romantisches Märchen, ein absolutes Mainstreamprodukt, das weder authentischen SM-Sex noch Porno beinhaltet. Der Inhalt wurde weißgewaschen und von Verlegern bestimmt. Und das funktioniert: Einerseits setzt der Verlag darauf, dass sich Porno für Frauen gut verkauft. Andererseits sind die Inhalte so soft, dass das Buch in jedem Supermarktregal stehen kann - weil es sich im Grunde um eine traditionelle Liebesgeschichte handelt. Die Frau ist nicht autark und sexuell selbstbestimmt, und sie hat nur SM-Sex mit dem Mann (der sie entjungfert), weil Sie ihn liebt und hofft, ihn zu ändern. Wäre sie nicht so unerfahren und könnte Sex von Liebe trennen, wäre das Buch nicht überall zu haben. Ich halte den Roman für eine Mogelpackung mit verwässerten Inhalten und einer guten Marketingstrategie.

Süddeutsche.de: Der Erfolg des Romans basiert auf einem Versprechen, das viele Leserinnen reizt. Träumen Frauen davon, dominiert zu werden?

Joy: Machtspiele sind immer spannend, für Männer wie für Frauen. Viele Frauen träumen auch davon, zu dominieren, manche switchen gerne. Insofern halte ich es für einen Trugschluss, aufgrund der Verkaufszahlen auf eine bestimmte Vorliebe zu schließen. Viele Frauen haben derzeit einfach Lust auf Porno. Die meisten haben sich das Buch nicht wegen des SM-Inhaltes gekauft, sondern weil es hieß: Porno für Frauen - und sind nun enttäuscht davon. Sie hätten das gerne sehr explizierter, sehr viel härter gehabt und wollten nicht erst 230 Seiten lesen, bis mal was passiert.

Süddeutsche.de: Also kein Buch, das der weiblichen Befreiung dient?

Joy: Im Gegenteil: ein extrem rückständiges, antifeministisches Buch. Die Figur des jungen Unternehmers, der als Kind missbraucht wurde und jetzt nur SM-Sex praktizieren will, unterstützt eine höchst konservative These: dass alle Menschen, die mit SM-Sex experimentieren, irgendwie psychisch geschädigt sind. Schockierend daran finde ich nicht den soften SM-Sex, sondern das unreflektierte Wiederkäuen veralteter Rollenklischees. Ich kenne viele Frauen, die gern mit SM-Sex experimentieren, viele mögen Porno und hätten es gerne härter. Aber ich kenne keine, die diese Geschichte auch nur im Entferntesten heiß findet - die lachen darüber.

Süddeutsche.de: Gibt es generell einen Trend zu BDSM-Praktiken (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism)?

Joy: Ich sehe keine Zunahme von SM-Trends. Was zunimmt, ist die Lust am Rollenspiel, dazu braucht man keine Fesseln, das findet im Kopf statt.

Süddeutsche.de: Das dürfte Ihre Zielgruppe erfreuen. Sie sagen von sich, sie machen Pornos für Menschen, deren wichtigstes Sexorgan zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen sitzt.

Joy: Ich glaube, dass die meisten Menschen ihr Sexualorgan zwischen den Ohren haben. Gute Pornos machen immer erst im Kopf an, es kommt schließlich keine Hand aus dem Fernseher.

Süddeutsche.de: Kann Porno also mehr als nur anturnen?

Joy: Porno ist politisch, und es ist kulturell extrem relevant, was gerade passiert. Die Sexindustrie erlebt eine weibliche Revolution. Immer mehr Frauen drehen Pornos, entwerfen Spielzeug oder führen Sexshops. Das finde ich spannend und ich bin stolz, Teil dieser Bewegung zu sein. Denn was im Schlafzimmer passiert, ist ein Indikator für das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Und es hat Auswirkungen auf unsere Beziehungen. Wenn nur immer wieder ein Geschlecht gewinnt, verlieren im Grunde beide. Wenn Männer und Frauen bekommen, was sie wollen, werden wir bessere Beziehungen und besseren Sex haben. Deshalb begrüße ich es, dass Frauen Sexromane schreiben. Ich finde es nur schade, wenn ein Buch diesen Zweck nicht erfüllt - und sich dennoch millionenfach verkauft.