Pornographie für Blinde Wie fühlen sich Aktfotos an?

Eine kanadische Fotografin hat den weltweit ersten erotischen Bildband für Blinde herausgegeben. Wie die Didaktin zum "Blinden-Porno" kam: Ein Anruf bei Lisa J. Murphy.

Von Marten Rolff

Als Lisa J. Murphy in ihrem Fotostudio in Toronto einen Erotik-Bildband für Blinde gestaltete, gab es Interesse, wenn auch nur sehr verhaltenes. 64 Käufer haben das Tastbuch zum Preis von umgerechnet 170 Euro bisher erworben. Es mussten wohl erst Medien vom "Blinden-Porno" berichten, damit man Murphy die Tür einrannte.

SZ: Hallo Ms. Murphy, ich rufe an wegen ...

Murphy: ... des Tastbildbandes, oder? Verrückt, ich habe das Buch vor fast zwei Jahren veröffentlicht, aber keine Zeitung hat sich dafür interessiert. Ich nehme an, dass viele den Band für einen Scherz hielten. Jetzt hat doch einer mal was geschrieben, und innerhalb von zwei Tagen dreht die halbe Welt durch. CBS hat mich im Bus angerufen, gleich muss ich mit Neuseeland telefonieren. Haben Sie sich mal selbst im Fernsehen gesehen? Ich werde nun kein Foto mehr von mir herausgeben.

SZ: Sie nennen Ihr Buch "Aktfotografie für Blinde". Da sind Sie vermutlich nicht ganz so glücklich, dass jetzt alle krachig vom "Blinden-Porno" schreiben?

Murphy: Meine Mutter hat sich darüber sehr viel mehr aufgeregt.

SZ: Ihre Mutter?

Murphy: Ja, sie war wirklich schockiert, dass das jetzt so genannt wird. Ich bin da gelassener. Menschen reagieren eben unterschiedlich auf Dinge. Für mich ist es einfach ein großartiges Projekt.

SZ: Wie kommt man darauf, erotische Bücher für blinde Menschen zu gestalten?

Murphy: Ich habe ehrenamtlich an einem Zentrum in Toronto gearbeitet, das Bildungsthemen für Menschen mit Sehbehinderung didaktisch aufbereitet. Meine Spezialität war es eigentlich, Tiere zu formen. Das geht auf Grundlage von Fotos; mit Ton und mit Pappmaché entwickelt man Formen, die sich ertasten lassen. Eine Art Prototyp für die Produktion. Als Künstlerin beschäftige ich mich auch viel mit Aktfotografie. Irgendwann hatte ich die Idee, beides zu verbinden. Aktabbildungen für Blinde, das gab es noch nicht.

SZ: Nun ist das vielleicht auch ein sensibles Thema. Handelt man sich da Ärger oder Spott ein?

Murphy: Gar nicht! Die Reaktionen von Freunden oder Leuten, die das Buch gekauft haben, waren nur positiv. Menschen aus aller Welt schreiben mir Dankesmails. Viele waren echt begeistert. Ich habe mir früh Feedback geholt, um möglichst benutzerfreundlich zu arbeiten.

SZ: Ihr Band ist künstlerisch angelegt. Neben männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen zeigen Sie Models mit Tiermasken oder Kartons auf dem Kopf. Es gibt Sexroboter und sogar Waffen.

Murphy: Für die Tastbilder haben mir Freunde Modell gestanden. Ich habe Kostüme für sie entworfen, die dann jeweils kurz in Blindenschrift beschrieben werden. Wie so etwas genau entsteht, ist schwer zu erklären; ein kreativer Prozess. Wichtig war mir, dass es Spaß macht.

SZ: Was planen Sie nun - nach all der Aufmerksamkeit für Ihr Projekt?

Murphy: Ich weiß es nicht. Vielleicht einen zweiten Band? Zuerst hatte ich die Idee, jetzt erst recht pornographisch zu werden, aber davon bin ich wieder völlig ab. Mal sehen. Ich bin da sehr sprunghaft.