sueddeutsche.de: Aber so weit muss es doch gar nicht erst kommen - welche Warnsignale sendet der Körper?
Professor Peter Ostendorf vom Zentrum für Präventivmedizin des Katholischen Marienkrankenhauses in Hamburg (© Foto: oh)
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Ostendorf: Wichtige Warnhinweise sind plötzliche, scheinbar grundlose Müdigkeit, Schmerzen in der Brust, starke Atemnot. Ein 20-jähriger Fußballer, der immer vorne mitgerannt ist und plötzlich den Trainer atemlos bittet, vom Feld geholt zu werden, sollte untersucht werden. Das war bei einem HSV-Spieler der Fall - er litt an einer Herzmuskelentzündung. Das Problem ist häufig, dass die wenigsten Sportler Schwäche zugeben, sie wollen ja wieder aufgestellt werden. Weitere auffällige Signale sind ausstrahlende Schmerzen im Kiefer, unerklärliche Magenschmerzen und Sodbrennen. Die Betroffenen leiden bei Belastung unter stärksten Kopfschmerzen und plötzlichen Verwirrtheitszuständen, hervorgerufen durch die Rhythmusstörungen. Das Herz schließt und öffnet so schnell, dass es gar nicht mehr richtig kontraktieren kann. Das heißt, ins Gehirn gelangt nicht mehr genug Sauerstoff. Wer solche Aussetzer spürt, sollte sofort zum Arzt gehen.
sueddeutsche.de: Ist Sport also gar nicht so gesund, wie immer betont wird?
Ostendorf: Regelmäßige sportliche Betätigung mit moderaten Leistungsanforderungen ist sehr gesundheitsfördernd. Gemäß der Regel: Drei Mal pro Woche den Körper eine halbe Stunde lang so belasten, dass er eine altersangemessene Pulsbeschleunigung erfährt. Die kann beim 20-Jährigen bei einer Frequenz von 150 liegen, beim 70-Jährigen sollte sie dagegen nicht über 110 hinausgehen. 45-minütiges schnelles Walken ist im Übrigen genauso gesund wie 30 Minuten joggen. Auf jeden Fall sollten Sie sich dabei unterhalten können. Zu Hochleistungssport im Alter von 40 Jahren und aufwärts kann ich raten. Und dazu zählt auch der Marathon: Selbst professionelle Läufer muten ihrem Körper nicht mehr als zwei, drei Läufe pro Jahr zu. Dieser Lauf mag ein großes Vergnügen sein, wenn man sich anschließend voller Stolz auf die Schulter klopfen kann. Marathoniken aber weisen kleinste Durchblutungsdefekte im Herzen auf, die durch Narbengewebe ersetzt sind. Sie entstehen durch den anaeroben Stoffwechsel, in den jeder Läufer nach etwa zwei Dritteln der Strecke gerät.
sueddeutsche.de: Welchen Sport darf man denn mit einem vorbelasteten Herzen noch betreiben?
Ostendorf: Da gibt es keine generelle Empfehlung. Im Falle einer Anomalie der Herzkranzgefäße hilft eine kleine Operation: Man verpflanzt die zwischen Lungen- und Hauptarterie verlaufende Ader an den richtigen Ort - und der Patient kann munter weiter Sport treiben. Wenn Sie aber unter einer fortgeschrittenen Muskelverdickung leiden, ist auch moderater Sport nicht mehr möglich. Da müssen sich die Patienten mit einer guten Gehübung bedienen. Im Falle einer Herzmuskelentzündung ist strenge Bettruhe angesagt. Wenn die Entzündungswerte zurückgehen und sich das Herz wieder auf eine normale Größe zurückgezogen hat, kann man es zunehmend belasten.
sueddeutsche.de: Sollten sich denn alle Freizeitsportler einer Vorsorge unterziehen?
Ostendorf: Generell muss man nicht jeden Sportler durch jedes Stadium der Vorsorge jagen. Ein Belastungs-EKG und eine Echokardiographie (Ultraschalluntersuchung) reichen aus. Doch nicht alle Anomalien lassen sich auf diese Weise hundertprozentig klären. Eine Herzmuskelverdickung kann durchaus eine "gesunde" Folge von Sport sein. Nur können wir dem Sportler schlecht ein dreimonatiges Sportverbot verordnen, um zu überprüfen, ob sich der Muskel wieder zurückbildet. Da würde sich ja kaum einer freiwillig checken lassen. In diesem Fall kann eine Kerspintomographie innerhalb kürzester Zeit klären: Liegt hier eine Erkrankung vor oder ein Sportlerherz? In Italien läuft derzeit eine große Studie: Dort untersuchen sie 33.000 Freizeitsportler - von denen bereits drei Prozent vom Sport disqualifiziert wurden, weil sie so stark erkrankt waren!
sueddeutsche.de: Sie bieten Ähnliches im Hamburger Marienkrankenhaus an: einen Rundum-Gesundheitscheck für Rücken und Gelenke und das Herz-Kreislauf-System. Welche Untersuchungen nehmen Sie vor?
Ostendorf: Wir prüfen im Labor, ob Risikowerte für die Entwicklung von Herzerkrankungen vorliegen: Dazu zählen die Blutfettwerte und das Cholesterin. Der Sportler unterzieht sich einem Belastungs-EKG und wir führen eine Echokardiographie (Ultraschall) durch. Wenn ein Hochleistungssportler mit den genannten Beschwerden zu uns kommt, machen wir eine Kernspinuntersuchung, mit der innerhalb von einer halben Stunde die vier möglichen Herzkrankheiten festgestellt oder ausgeschlossen werden können. In letzterem Fall können wir den Sportler guten Gewissens den nächsten Marathon laufen lassen.
sueddeutsche.de: Der Check ist freiwillig - und kostet 100 Euro(Gelenke/Rücken) beziehungsweise 500 Euro (Herz-Kreislauf). Ist das nicht ganz schön teuer?
Ostendorf: Diesen Einwand verstehe ich nicht. Ein Sportler, der so denkt, sollte sich überlegen, was andere regelmäßig in Zigaretten, Alkohol oder Süßigkeiten investieren. Oder ins Auto! Für 1200 Euro bringen wir es in die Inspektion, statten es mit neuen Winterreifen aus und nehmen horrende Benzinpreise in Kauf. Bei unserer Gesundheit aber werden wir knauserig. Mit der zweieinhalbstündigen Untersuchung, die Laboranalysen und den Einsatz von modernstem Gerät beinhaltet, wird kaum Geld verdient. Dafür aber wird mal nicht etwas für das Auto, sondern für seinen Fahrer getan.
sueddeutsche.de: Noch ein Tipp für den Alltag, bitte: Wie kann ich "privat" Vorsorge betreiben?
Ostendorf: Eigene Vorsorge können Sie treffen, indem Sie eine Erkältung vernünftig auskurieren. Zwei wesentliche Faktoren, mit denen wir Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch Tumorbildungen vorbeugen können: regelmäßige moderate Bewegung und gesunde Ernährung. Jemand, der sich bewusst ernährt - viel Obst und Gemüse, wenig tierische Fette und kein rotes Fleisch -, ist in der Regel prima dran.
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(sueddeutsche.de/bre/bgr)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Ich kritisiere ja die SZ sehr oft - aber dies ist ein wirklich gutes Interview mit einem wirklich kompetenten Mediziner, wovon es leider zu wenige gibt.
Ich bin selbst Hochleistungssportler gewesen, und habe es mir auch danach zur Gewohnheit gemacht mich alle 2 Jahre durchchecken zu lassen, damit ich mich im Sport auch künftig so richtig auspowern kann.
"Herr Doktor, ich war seit Jahren nicht mehr krank. ist das überhaupt gesund?"
Man solte meinen, dass der Mensch in anbetracht der drückenden Kosten im Gesundheitswesen dann zum Arzt gehen sollte, wenn ihm etwas fehlt, und nicht, weil Journalisten und Präventivmediziner auf Panik machen.
finde 3 % Sterbequote schon recht viel, wäre 1 pro 33 Leute im Jahr. Sind wahrsch. 0,3% oder noch weniger.
@luftraum: vielleicht wars ja nur ein Tippfehler, immer dieses Anfauchen der Journalisten und Rumgemeckere. Man kann nicht erwarten bei einem Gratisangebot permanent aktuelle Top-Info auf höchszem literarischen Niveau zu erhalten ,gelle.
Und hat Herr Seehofer das Einverständnis gegeben? "Horst Seehofer hatte eine solche Myokarditis"
Dem Manne gehört die Lizenz entzogen!
Wenn wirklich 3.000 von 100.000 Sportlern jedes Jahr (!) am plötzlichen Herztod sterben würden, gäbe es nach Adam Riese innerhalb 33,3 Jahren keine Sportler mehr.
Selbst wenn man "nur" eine prozentuale Sterbequote von 3% nimmt, wären wohl sehr schnell die Coach-Potatoes in zahlenmäßiger Übermacht ... und der Berlinmarathon bräuchte eine Zombie-Wertung.
Wenn das Thema nicht so ernst wäre, fände ich so eine journalistische "Schätzung" von 3.000 zu 100.000 ziemlich lustig :-)