Interview: Mirja Kuckuk

Unseren Autos gönnen wir Inspektion und Winterreifen. Bei der Gesundheit geizen wir. Ein Herz-Kreislauf-Check könnte vielen Sportlern das Leben retten.

In einer Studie unter 1420 deutschen Sportlern wiesen 43 Prozent erhöhte Blutdruckwerte auf. Auch bei Messungen bei Teilnehmern an Volksläufen in Nordrhein-Westfalen kam heraus, dass jeder achte Freizeitsportler bedenkliche Werte aufwies. Betreiben wir zu sorglos Sport? Professor Peter Ostendorf bietet gemeinsam mit Kardiologen, Unfallchirurgen und Orthopäden am Hamburger Marienkrankenhaus einen Gesundheits-Check für Sportler an. Der Internist beklagt mangelnde Vorsorgeuntersuchungen - selbst bei Leistungssportlern.

Marc-Vivien Foé; Reuters

Der Kameruner Marc-Vivien Foé (links) bei der Champions League 2001. Zwei Jahre später starb der Mittelfeldspieler von Olympique Lyon auf dem Spielfeld. (© Foto: Reuters)

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sueddeutsche.de: Man hört immer wieder von Spitzensportlern, die plötzlich tot umkippen. Als Freizeitsportler schiebt man die Sorge um die eigene Gesundheit schnell beiseite: "Die sind bestimmt überlastet, womöglich gedopt". Ist es fahrlässig, so zu denken?

Peter Ostendorf: Ja, denn der plötzliche Herztod ereilt in der Regel Hochleistungssportler, die bereits unter einer Vorerkrankung des Herzens leiden - und die kann natürlich auch Freizeitsportler treffen. Da brechen junge Menschen zusammen, die gerade noch scheinbar kraftvoll Höchstleistungen absolvierten: 2003 der Kameruner Marc-Vivien Foé, der beim Confederations Cup in Lyon auf der Mittellinie starb. Der 23-jährige Spanier Antonio Puerta kollabierte 2007 beim Liga-Pokal in England. So etwas schockiert natürlich, weil das Sterben öffentlich passiert - die Bilder gehen sofort um die Welt. Aber Spitzensportler sterben auch zu Hause im Bett: So wurde im Januar der deutsche 800-Meter-Läufer René Herms - 26 Jahre alt - leblos zu Hause aufgefunden. Er hatte eine Herzmuskelentzündung.

sueddeutsche.de: Aber hätten diese Todesfälle nicht verhindert werden können?

Ostendorf: Das Fatale ist: ja. Wenn man alle Sportler vernünftig untersuchen würde. Denn wenn erst mal eine schwere Herzrhythmusstörung vorliegt, kommt die Hilfe paradoxerweise für junge Sportler meistens zu spät. Das junge Herz kann sich an diese Untervorsorgung nicht "gewöhnen" - im Gegensatz zu älteren Menschen. Es gibt dafür keine naheliegende medizinische Erklärung, aber ältere Herzen können mit wiederkehrenden Rhythmusstörungen besser umgehen als die Organe junger Patienten. Weshalb bei Älteren eine Reanimation meist erfolgreich verläuft. Eine große amerikanische Studie hat hingegen gezeigt: Selbst wenn junge Menschen sofort und vorschriftsmäßig wiederbelebt werden, können sie in den meisten Fällen nicht mehr zurückgeholt werden. Das war auch bei Foé und Puerta der Fall.

sueddeutsche.de: Schätzungen zufolge sterben jährlich 3000 von 100.000 Athleten einen plötzlichen Herztod. Betreiben wir zu leichtsinnig Freizeitsport?

Ostendorf: Schauen Sie sich die 50-Jährigen von heute an: Früher waren das bärtige Großväter mit schlechten Laufgewohnheiten, jetzt rennen sie spindeldürr jeden Marathon mit. Kürzlich kam nach einem Marathon ein Läufer mittleren Alters mit Herzrhythmusstörungen zu mir. Normalerweise läuft er in einer Gruppe mit einer Pulsfrequenz von 100 mit. Aber versehentlich landete er in einer Läufergruppe, die mit 136 Schlägen pro Minute unterwegs war. Bei einer Frequenz von 128 ist er dann zusammengebrochen. Aber er hat überlebt. Wäre er jünger gewesen, hätte diese Überforderung tödlich ausgehen können. Den Hochleistungssport musste ich ihm allerdings trotzdem verbieten. Bei jungen Sportlern kommt hinzu, dass sie meist sehr viel exzessiver trainieren und damit das Risiko erhöhen, bei bestehender Vorbelastung des Herzens zusammenzubrechen.

sueddeutsche.de: Welche Vorbelastungen meinen Sie?

Ostendorf: In rund 80 Prozent der Todesfälle lag eine angeborene Verdickung des Herzmuskels vor. Dabei wird der Herzmuskel so dick, dass er gar nicht mehr richtig pumpen kann. Man stelle sich das wie eine Wiese vor, die von einem Bach bewässert wird. Wird die Wiese immer größer, trocknet sie aus. Vergleichbares passiert mit dem Herzen: Dort entsteht Narbengewebe, sogenannte Plaques. Wenn dann durch Sport vom Herz Hochleistung verlangt wird, kommt es zu gefährlichen Rhythmusstörungen. Der Fußballer Foé hatte diesen vererbbaren Herzfehler. Puertas wiederum starb, weil er unter einer Rückbildung der rechten Herzwand litt. Die dritte angeborene Krankheit ist eine Anomalie der Herzkranzgefäße: Hier fließt die zarte Herzarterie zwischen der großen Lungen- und der Körperschlagarterie. Wenn das Herz bei Belastung stark pumpt, wird sie regelmäßig abgedrückt.

sueddeutsche.de: Wie gefährlich sind verschleppte Erkältungen?

Ostendorf: Erkältungen beginnen häufig mit einer Viruserkrankung. Das heißt, sie sind nicht von schleimig-eitrigen Auswurf, sondern von trockenem Reizhusten und gerötetem Rachen geprägt. Die Viren können zu einer Entzündung des Herzmuskels führen. Horst Seehofer hatte eine solche Myokarditis. Die Erkrankung erkennt man nur unter einer Kernspintomographie. Im normalen EKG sieht es aus, als würde der Patient kurz vor einem Herzinfarkt stehen. In Wahrheit läuft das Herz völlig auseinander - es wird immer größer und kann nicht mehr richtig pumpen. In diesem Fall müssen wir strenge Bettruhe verschreiben. Einige Patienten behalten diese schlechte Form, in den meisten Fällen zieht sich das Herz aber wieder in die normale Form zurück.

Auf der nächsten Seite: Warnsignale des Körpers und Sport trotz Herzfehler.

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  1. Sie lesen jetzt "Tun Sie mal was für den Fahrer"
  2. Die Warnsignale des Körpers
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