Philosophischer Alltag Alles neu denken

Christian Seidel: Gender Key. Wie sich Frauen in der Männerwelt durchsetzen. Ariston 2016. 287 Seiten, 16,99 Euro.

Frauenquote? Ganz falscher Ansatz, findet Christian Seidel. Er hat selbst zwei Jahre als Frau gelebt und plädiert in einem Anti-Ratgeberbuch für einen ganz neuen Blick auf die Geschlechter, zum Nutzen nicht nur der Frauen

Von Kathleen Hildebrand

Es ist eine Binsenweisheit, dass man ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen sollte. Man tut es trotzdem, immer wieder. Auf dem Cover von Christian Seidels "Gender Key" ist eine junge Frau zu sehen. Sie hat die Hand eines muskulösen Mannes ergriffen - und zwar nicht zum romantischen Spaziergang, sondern zum Armdrücken. "Wie sich Frauen in der Männerwelt durchsetzen" lautet der Untertitel des Buchs. Nicht schon wieder, denkt man da. Noch mehr Tipps für Frauen, die ewigen Azubis des Berufslebens, denen mal wieder erklärt werden soll, dass man im Büro nicht zu weinen hat?

Der Verlag hätte Seidels Buch kaum schlimmeres Unrecht antun können. Wider alle Cover-Erwartung ist "Gender Key" nämlich von einer angenehmen, überraschenden Radikalität. Christian Seidel will nicht nur Ratschläge für die nächste Beförderung geben. Er will, dass endlich Schluss ist mit all den Klischees, die Frauen und Männer einschränken, die verhindern, dass man im Gegenüber eine Rolle sieht, die Geschlechterrolle nämlich, und nicht den ganzen Menschen. Insofern illustriert vielleicht gerade die unpassende Präsentation des Buchs subtil dessen These.

Wer es wirklich ernst meine mit der Gleichberechtigung, schreibt Seidel, der müsse die über Jahrtausende von Männern gemachten Regeln, die das Berufsleben bestimmen, komplett verändern: Den Ausschluss von Gefühlen, von Körperlichkeit, die Verbannung von Kindern aus dem Arbeitsumfeld, die Fixierung auf Hierarchien. Viel zu oft würden Frauen nur dann als wertvolle Mitarbeiter gesehen, wenn sie sich männlichen Verhaltensweisen möglichst stark annähern.

Der Autor hat fast zwei Jahre lang als Frau gelebt und auch darüber ein Buch geschrieben ("Die Frau in mir"). Er trug Röcke, High Heels, Perücken, um in der Öffentlichkeit als weiblich wahrgenommen zu werden. Was er lernte: Weiblichkeit ist an Männern viel stärker verpönt als männliche Züge an Frauen. In der Arbeitswelt, schreibt er nun, müssen sie sich anpassen, während die Männer weitermachten wie bisher und nur ab und zu von der so künstlichen wie verzweifelten Forderung nach Frauenquoten gepiesackt würden.

Christian Seidel nimmt in seinem Buch zehn Geschlechter-Klischees auseinander, die das Zusammenleben von Männern und Frauen als vollwertige Menschen behindern. Das "Gott-Klischee" zum Beispiel, das seit Jahrtausenden über die Auslegung von Religionen die Überlegenheit des Mannes postuliert. Die Wirkungsmacht dieser Klischees zu erkennen, sei der erste Schritt zu ihrer Überwindung. Der nächste ist, für Männer wie für Frauen zu akzeptieren, dass in jedem Menschen Elemente des jeweils "anderen" Geschlechts zu finden sind - und dass das etwas ganz Wunderbares ist.

Man muss deshalb sagen, dass "Gender Key" ein Buch nicht nur für Frauen ist, sondern eines, dass man genauso den Männern auf die Leseliste setzen möchte. Dafür bräuchte es nur ein anderes, ein versöhnlicheres Cover.