Beziehungs- und Jobprobleme, Lebensentscheidungen, Lust auf geistige Arbeit - es gibt viele Gründe, um zum Philosophen zu gehen.
Man muss sich das so vorstellen: In einem großen, hellen und ziemlich leeren Raum sitzt Robert André auf einem roten Lederstuhl vor einem dunklen Holztisch. Darauf eine Karaffe mit stillem Wasser, zwei Gläser. Auf der anderen Seite des Tischs nimmt Andrés Kunde Platz, so nennt er die Menschen, die zu ihm kommen. Die ganze Atmosphäre legt nahe, dass es hier um sehr ernsthafte Themen geht.
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Erleuchtet: Philosophische Praxen wollen Ordnung ins Denken bringen. (© Foto: AP)
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Robert André, ein großer, schmaler Mann mit klarem Blick aus blauen Augen könnte Psychologe sein, Arzt, vielleicht auch Jurist. Er ist Philosoph. Die Kunden seiner Philosophischen Praxis stehen vor großen Entscheidungen, stecken in Krisen - Kant, Hegel und Nietzsche sollen helfen. Wenn es gut läuft, sind ihre Gedanken nach dem Gespräch mit André so klar wie der Raum, in dem sie gesessen haben.
Jens Nommel sagt, bei ihm sei es so gewesen. Der Geograph, der Umweltverträglichkeits-Untersuchungen für ein Hamburger Gutachterbüro erstellte, stand im Herbst 2007 kurz davor, sich mit dem Ethik-Aktienfonds Global Response selbständig zu machen. "Ethik ist ein unpräziser Begriff", sagt Nommel, "und wird in jedem Land ein bisschen anders definiert."
Ihn beschäftigte die Frage, nach welchen Kriterien er die Unternehmen auswählen sollte. Durfte er sich als subjektiver Mensch überhaupt ein Urteil erlauben? Den Philosophen André kannte Nommel bereits aus dessen einwöchigem Seminar über Wirtschaftsethik. Also setzte er den Beratungsgutschein, den ihm das Arbeitsamt zur Existenzgründung gab, für ein philosophisches Gespräch ein.
André musste Nommel nicht "durch Fragen in Kontakt mit sich selbst bringen". Das Problem hatte der bereits selbst identifiziert. André brachte also gleich Kant ins Spiel und die "intersubjektive Allgemeinheit". Darüber zu sprechen sei sehr intensiv und anstrengend gewesen, sagt Nommel. Aber so kostbar, dass er das Gespräch für sich festhielt. Er hat seine Notizen, ein Din-A4-Blatt, mitgebracht. Sie sind die Basis, nach der er heute die Firmenaktien für seinen Fonds auswählt.
Beziehungs- und Jobprobleme, Lebensentscheidungen, Lust auf geistige Arbeit - es gibt viele Gründe, um zum Philosophen zu gehen. Oft sei es auch nur ein unbestimmtes Unwohlsein, sagt André. Er fragt, hört zu und trinkt Wasser. "Was zeichnet ein gelingendes Leben aus? Was sind meine Vorstellungen?" Das eigene Leben aus der Ferne betrachten - dazu will er anregen. Viele Selbständige sind unter seinen Kunden, "weil sie auch im Denken sehr selbständig sind." André möchte die Hemmschwelle niedrig halten: "In jedem Menschen steckt die Anlage, es wissen zu wollen. Aber soziale Umstände halten manche systematisch davon ab, vom Denkvermögen Gebrauch zu machen."
Seine Arbeit ist kein neues Phänomen. Die erste Philosophische Praxis Deutschlands gründete Gerd Achenbach vor mehr als 25 Jahren in Bergisch-Gladbach. Heute gibt es bundesweit mehr als 130. Trotzdem sind Begriff und Methode kaum bekannt. Einen Psychologen verschreibt der Arzt und zahlt die Krankenkasse. Eine philosophische Sitzung kostet zwischen 60 und 80 Euro und ist selbst zu zahlen.
Kann man von einer Philosophischen Praxis leben? Allein auf die Einzelgespräche mit Privatleuten verlässt sich kaum ein praktischer Philosoph. Die meisten halten Vorträge und Seminare, beraten Unternehmen, dozieren an Universitäten, veranstalten Gesprächskreise und Cafés. Robert André, seit 2004 selbständig, ist seit Januar Partner einer Unternehmensberatung. "Ökonomisch ist das der Hauptanteil", sagt der 44-Jährige. Zeitlich nicht: Sein Philosophischer Salon in einem Teegeschäft, die Gesprächskreise zu Themen wie "Überforderung und Gelassenheit" und der "Bildungsurlaub Wirtschaftsethik" beschäftigen ihn länger.
Warum tun sich Philosophische Praxen so schwer? Ihr Erfinder Gerd Achenbach, findet klare Worte. "130 Praxen? Das sind erstmal nur 130 Praxisschilder", sagt er. Es gebe wenige berufene philosophische Berater. In anderen Ländern sei die Ausbildung besser. Achenbach hat einen dreijährigen Aufbaustudiengang konzipiert. Er ist optimistisch, dass der Bedarf an philosophischer Beratung in der Wirtschaft steigt. "Das Einsatzgebiet ist breit", sagt er: "jede Art von Grundsatzfrage wie Unternehmensidentität oder Firmenkultur."
Aber die Hemmschwelle ist hoch. "Sicher gibt es Top-Manager, die Angst vor der Philosophie haben, weil sie sich nicht kontrollieren lässt", sagt Robert André, "solche Leute lassen sich lieber in Work-Life-Balance coachen." Was kostet das, und was bringt es uns? - nach dieser Formel entscheiden Unternehmen.
"Sie wollen etwas sehr Anfassbares", sagt Christiane Stöhr, Business Director bei Scholz & Friends Reputation. "Jeder abgehobene Diskurs braucht Erdung im Unternehmenshandeln." Stöhr leitet mit einem Kollegen den 2007 gegründeten Unternehmenszweig Corporate Social Responsibility. Strategische Beratung zu gesellschaftlichem Engagement und Nachhaltigkeit. In Stöhrs Team gibt es keinen Philosophen. Das habe kein System, sagt sie. Aber das Thema entwickle sich mehr zu einem betriebswirtschaftlichen als einem philosophischen. Bekennende soziale Verantwortung lässt sich gut vermarkten.
Wirtschaftsethik verkauft sich gut
Die Homepage der Unternehmensberatung, für die er arbeitet, weist Robert André als Philosophen aus. Bei Workshops tritt er aber nicht primär als solcher auf. Dann würde er, dem Kantschen Prinzip folgend, den Menschen ins Zentrum stellen, nicht den Unternehmenserfolg. André akzeptiert die Maxime der Wirtschaft, Produktivität zu steigern. Er findet die Gegensätzlichkeit seiner Standbeine produktiv: "Ich lasse mich in Firmen auf anderes Denken ein und habe als Philosoph zugleich die Distanz, um nicht im Sog der Optimierungen unterzugehen".
Es gibt ein breites Interesse an Philosophischem, gerade ist Richard David Prechts philosophische Reise ("Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?") an die Spitze der Sachbuchbestseller geklettert. Der große Vorteil der Philosophie, glaubt André, ist ihre Unabhängigkeit: Sie verfolgt keine eigenen Interessen, sondern hinterfragt Weltanschauungen. In Zeiten der Informationsüberflutung ein hohes Gut. "Tendenziell werden immer mehr Menschen erkennen, dass ein philosophisches Gespräch ihnen mehr Lebensfreude schenkt und Geld und Energie spart. Es verkürzt Prozesse, löst Grübelzustände auf. Nichts ist kostbarer als Klarheit".
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 23.07.2008/grc)
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Nun, es ist vielleicht nicht ganz fair, von Philosophieseminaren auf Philosophische Praxen (im doppelten Sinn...) zu schließen - aber wenn die existenzielle Freiheit nach der Geworfenheit oder der rationale und ideale Mensch als Prämissen gesetzt werden, am besten noch in der grandiosen Phantasie, seine Freiheit selbst am besten nutzen zu können , dann kann dabei nur 'philosophische Klärung' herauskommen.
Das tägliche Handeln ist allerdings von mehr als unseren Gedanken abhängig. Kant, Descartes und Sartre waren Männer, die hinter ihrem Ofen sitzend herrlich männliche Wahnwelten geschaffen haben. Und ich vermute, Männer sind es auch, die solche Philosophenpraxen aufsuchen.
In der Wirklichkeit geht es um die Abwägung eigener Interessen und Bedürfnisse im Kontext der gesellschaftlichen Praxis. Meinetwegen um die nächste Revolution. Aber wie kann da Kant behilflich sein?
Demnächst eröffne ich eine Soziologenpraxis ;-)
"In Zeiten der Informationsüberflutung ein hohes Gut. "Tendenziell werden immer mehr Menschen erkennen, dass ein philosophisches Gespräch ihnen mehr Lebensfreude schenkt und Geld und Energie spart. Es verkürzt Prozesse, löst Grübelzustände auf. Nichts ist kostbarer als Klarheit".
Ich persönlich kenne Etliche, die ein philosophisches Gespräch eher als Belästigung ansehen.
Hinzu kommt, dass selbst unter Berufsphilosophen durchaus umstritten ist, was unter Philosophie überhaupt zu verstehen ist.
Das Hinterfragen von bereits etablierten Weltanschauungen gehört zwar dazu, aber der wesentliche Daseinszweck philosophischen Nachdenkens dürfte doch wohl dari liegen, zu einer tragfähigen Weltanschauung für sich selbst erst zu gelangen.
Durch das blosse Weitertragen der Gedanken früherer Philosophen dürfte dies kaum gelingen.
Die Liebe zur Weisheit zeichnet sich nach meinem Verständnis durch das Bemühen aus, durch angestrengtes Nachdenken über die Erkenntnisse der Wissenschaft ein möglichst umfassendes und weitestgehend widerspruchsfreies Bild über den Gesamtzusammenhang des Universums und die Konsequenzen daraus für die eigene Existenz zu erlangen.
Dazu scheinen mir die bisher bekannten Berufsphilosophen mehrheitlich völlig ungeeignet, so rechte Lebenskünstler sind da eher selten zu finden.
Im Übrigen kann ich mich den Ausführungen von Sharlie nur anschliessen...
Stimme ihn soweit zu, allerdings eine kurze Anmerkung zur Beschneidung.
(Ich beziehe mich dabei ausschließlich auf die männliche Beschneidung)
Zum einen hat sie einen meiner persönlichen Meinung nach sehr hohen ästhetischen Wert, zum anderen gibt es aber auch eine Menge überzeugender rationaler Argumente für die Beschneidung von Jungs. Insbesondere die erleichterte Hygiene und das drastisch reduzierte Infektionsrisiko, insbesondere von HIV, ist überwältigend.
MfG,
Medscot
"In Wirklichkeit kämpfen auch nicht Wissenschaft, Philosophie oder Spiritualität miteinander - sondern Leichtgläubigkeit, Unvernunft und Faulheit mit Vernunft, Einsicht und Weisheit."
Diesen letzten Satz könnte ich so unterschreiben. Allerdings setzt er Ihre andern außer Gefecht.
Selbst schon bei so manchem anderen "Naturvolk" Gast gewesen, muß ich doch annehmen, daß Sie die westlichen Philisophen nicht sonderlich gut kennen.
Ich jedenfalls vermag keine geistige, kulturelle, philosophische oder sonstwie geartete Überlegenheit darin zu erkennen, hinter Blitzen zürnende Götter zu vermuten, Kinder zu beschneiden (wo auch immer...), Cholera mit Gesängen zu heilen und in Frauen etwas minderwertiges zu sehen. Das ist - leider und faktisch - bei vielen der lieben "Naturvölker" Brauch.
Leichtgläubigkeit, Regredierung, Unvernunft und Faulheit erblicke ich eher da, wo man sich selbst den abstrusesten Denkgebäuden noch anvertraut, hauptsache sie sind historisch oder räumlich von ausreichender Exotik.
Es ist der eigene Glaube, die eigene Erwartungshaltung, die an sich UNbedeutendem seine Zeichenhaftigkeit verleiht. Adam schafft sich seinen Gott nach seinem Ebenbild. Nicht, weil es letzteren nicht gäbe. Allein, weil ersterer ihn sich nicht anders denken kann.
Vernunft, Einsicht und Weisheit dagegen kommen ohne stet Prüfung und Überprüfung, ohne die Bereitschaft, sich zu hinterfragen, nicht aus. Das lehrt außer Seneca übrigens auch der Ur-Buddha, der in seiner Lehre noch frei ist von Gebetsmühlen und all dem nachträglich wieder hineingetragenen Kinderglauben.
ob jemand sich beim therapeuten auf die couch legt, sich in der kirche in den beichtstuhl setzt oder wie hier geschildert, einem der unzähligen hartz4-geisteswissenschaftlern ein zubrot verschafft, um ihm das flaschensammeln zu ersparen. fakt ist, dass die vereinsamung unseer gesellschaft gerade in metropolen drastisch und in erschreckender weise zugenommen hat. familiär-soziale bindungen erkalten oder zerbrechen und wer da nicht rechtzeitig ein mentales netzwerk spinnt, wird sehr schnell zum seelen-invaliden.
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