Von Christiane Langrock-Kögel, Hamburg

Beziehungs- und Jobprobleme, Lebensentscheidungen, Lust auf geistige Arbeit - es gibt viele Gründe, um zum Philosophen zu gehen.

Man muss sich das so vorstellen: In einem großen, hellen und ziemlich leeren Raum sitzt Robert André auf einem roten Lederstuhl vor einem dunklen Holztisch. Darauf eine Karaffe mit stillem Wasser, zwei Gläser. Auf der anderen Seite des Tischs nimmt Andrés Kunde Platz, so nennt er die Menschen, die zu ihm kommen. Die ganze Atmosphäre legt nahe, dass es hier um sehr ernsthafte Themen geht.

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Erleuchtet: Philosophische Praxen wollen Ordnung ins Denken bringen. (© Foto: AP)

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Robert André, ein großer, schmaler Mann mit klarem Blick aus blauen Augen könnte Psychologe sein, Arzt, vielleicht auch Jurist. Er ist Philosoph. Die Kunden seiner Philosophischen Praxis stehen vor großen Entscheidungen, stecken in Krisen - Kant, Hegel und Nietzsche sollen helfen. Wenn es gut läuft, sind ihre Gedanken nach dem Gespräch mit André so klar wie der Raum, in dem sie gesessen haben.

Jens Nommel sagt, bei ihm sei es so gewesen. Der Geograph, der Umweltverträglichkeits-Untersuchungen für ein Hamburger Gutachterbüro erstellte, stand im Herbst 2007 kurz davor, sich mit dem Ethik-Aktienfonds Global Response selbständig zu machen. "Ethik ist ein unpräziser Begriff", sagt Nommel, "und wird in jedem Land ein bisschen anders definiert."

Ihn beschäftigte die Frage, nach welchen Kriterien er die Unternehmen auswählen sollte. Durfte er sich als subjektiver Mensch überhaupt ein Urteil erlauben? Den Philosophen André kannte Nommel bereits aus dessen einwöchigem Seminar über Wirtschaftsethik. Also setzte er den Beratungsgutschein, den ihm das Arbeitsamt zur Existenzgründung gab, für ein philosophisches Gespräch ein.

André musste Nommel nicht "durch Fragen in Kontakt mit sich selbst bringen". Das Problem hatte der bereits selbst identifiziert. André brachte also gleich Kant ins Spiel und die "intersubjektive Allgemeinheit". Darüber zu sprechen sei sehr intensiv und anstrengend gewesen, sagt Nommel. Aber so kostbar, dass er das Gespräch für sich festhielt. Er hat seine Notizen, ein Din-A4-Blatt, mitgebracht. Sie sind die Basis, nach der er heute die Firmenaktien für seinen Fonds auswählt.

Beziehungs- und Jobprobleme, Lebensentscheidungen, Lust auf geistige Arbeit - es gibt viele Gründe, um zum Philosophen zu gehen. Oft sei es auch nur ein unbestimmtes Unwohlsein, sagt André. Er fragt, hört zu und trinkt Wasser. "Was zeichnet ein gelingendes Leben aus? Was sind meine Vorstellungen?" Das eigene Leben aus der Ferne betrachten - dazu will er anregen. Viele Selbständige sind unter seinen Kunden, "weil sie auch im Denken sehr selbständig sind." André möchte die Hemmschwelle niedrig halten: "In jedem Menschen steckt die Anlage, es wissen zu wollen. Aber soziale Umstände halten manche systematisch davon ab, vom Denkvermögen Gebrauch zu machen."

Seine Arbeit ist kein neues Phänomen. Die erste Philosophische Praxis Deutschlands gründete Gerd Achenbach vor mehr als 25 Jahren in Bergisch-Gladbach. Heute gibt es bundesweit mehr als 130. Trotzdem sind Begriff und Methode kaum bekannt. Einen Psychologen verschreibt der Arzt und zahlt die Krankenkasse. Eine philosophische Sitzung kostet zwischen 60 und 80 Euro und ist selbst zu zahlen.

Kann man von einer Philosophischen Praxis leben? Allein auf die Einzelgespräche mit Privatleuten verlässt sich kaum ein praktischer Philosoph. Die meisten halten Vorträge und Seminare, beraten Unternehmen, dozieren an Universitäten, veranstalten Gesprächskreise und Cafés. Robert André, seit 2004 selbständig, ist seit Januar Partner einer Unternehmensberatung. "Ökonomisch ist das der Hauptanteil", sagt der 44-Jährige. Zeitlich nicht: Sein Philosophischer Salon in einem Teegeschäft, die Gesprächskreise zu Themen wie "Überforderung und Gelassenheit" und der "Bildungsurlaub Wirtschaftsethik" beschäftigen ihn länger.

Warum tun sich Philosophische Praxen so schwer? Ihr Erfinder Gerd Achenbach, findet klare Worte. "130 Praxen? Das sind erstmal nur 130 Praxisschilder", sagt er. Es gebe wenige berufene philosophische Berater. In anderen Ländern sei die Ausbildung besser. Achenbach hat einen dreijährigen Aufbaustudiengang konzipiert. Er ist optimistisch, dass der Bedarf an philosophischer Beratung in der Wirtschaft steigt. "Das Einsatzgebiet ist breit", sagt er: "jede Art von Grundsatzfrage wie Unternehmensidentität oder Firmenkultur."

Aber die Hemmschwelle ist hoch. "Sicher gibt es Top-Manager, die Angst vor der Philosophie haben, weil sie sich nicht kontrollieren lässt", sagt Robert André, "solche Leute lassen sich lieber in Work-Life-Balance coachen." Was kostet das, und was bringt es uns? - nach dieser Formel entscheiden Unternehmen.

"Sie wollen etwas sehr Anfassbares", sagt Christiane Stöhr, Business Director bei Scholz & Friends Reputation. "Jeder abgehobene Diskurs braucht Erdung im Unternehmenshandeln." Stöhr leitet mit einem Kollegen den 2007 gegründeten Unternehmenszweig Corporate Social Responsibility. Strategische Beratung zu gesellschaftlichem Engagement und Nachhaltigkeit. In Stöhrs Team gibt es keinen Philosophen. Das habe kein System, sagt sie. Aber das Thema entwickle sich mehr zu einem betriebswirtschaftlichen als einem philosophischen. Bekennende soziale Verantwortung lässt sich gut vermarkten.

Wirtschaftsethik verkauft sich gut

Die Homepage der Unternehmensberatung, für die er arbeitet, weist Robert André als Philosophen aus. Bei Workshops tritt er aber nicht primär als solcher auf. Dann würde er, dem Kantschen Prinzip folgend, den Menschen ins Zentrum stellen, nicht den Unternehmenserfolg. André akzeptiert die Maxime der Wirtschaft, Produktivität zu steigern. Er findet die Gegensätzlichkeit seiner Standbeine produktiv: "Ich lasse mich in Firmen auf anderes Denken ein und habe als Philosoph zugleich die Distanz, um nicht im Sog der Optimierungen unterzugehen".

Es gibt ein breites Interesse an Philosophischem, gerade ist Richard David Prechts philosophische Reise ("Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?") an die Spitze der Sachbuchbestseller geklettert. Der große Vorteil der Philosophie, glaubt André, ist ihre Unabhängigkeit: Sie verfolgt keine eigenen Interessen, sondern hinterfragt Weltanschauungen. In Zeiten der Informationsüberflutung ein hohes Gut. "Tendenziell werden immer mehr Menschen erkennen, dass ein philosophisches Gespräch ihnen mehr Lebensfreude schenkt und Geld und Energie spart. Es verkürzt Prozesse, löst Grübelzustände auf. Nichts ist kostbarer als Klarheit".

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(SZ vom 23.07.2008/grc)