Outsider Art Kann das echte Kunst sein? Oder ist sie gar noch echter?

An den Wänden der Galerie in einem schmucken Hinterhof in Mitte ist derzeit das kraftvolle Werk des Künstlers Abram Wilhelm ausgestellt; die Schau wurde des Erfolges wegen verlängert. Wilhelm hat keine Scheu vor der Darstellung weiblicher Geschlechtsteile und zeigt in Bildern wie Skulpturen auch schon mal feurige Fehlgeburten, nicht ohne Humor.

Wenn die Galeristin Alexandra von Gersdorff-Bultmann Besucher empfängt, sagt sie mit ihrem kaum noch hörbaren schwedischen Akzent: "Guten Tag, ich grüße Sie - wir sind eine spezielle Galerie." Manche sind dann noch neugieriger auf die Kunst, die meisten wissen schon Bescheid, aber es gibt immer noch ein paar, die sich empört auf dem Absatz umdrehen. Denn sowas kann doch keine echte Kunst sein?

Von Gersdorff-Bultmann ist überzeugt: Diese Art von Kunst ist sogar noch echter als die übliche. Weil ihre Künstler gar nicht anders können als sich mit Kunst auszudrücken. Den einen fehlt die Sprache, anderen das Gehör, manchen der Verstand. Das macht ihren Pinsel, die Leinwand, die Schuhkartons oder was auch immer sie als Materialien nutzen, für die Künstler umso wichtiger als Kommunikationsmittel mit der Außen- und Innenwelt.

"Outsider Art" nennt sich diese Kunst, die außerhalb Deutschlands schon länger bekannt und zunehmend erfolgreich ist. In Deutschland ist es vor allem Alexandra von Gersdorff-Bultmann, die sie vorangetrieben hat. Mit der ersten deutschen Outsider-Art-Galerie, die sie seit 2008 betreibt. Und indem sie die sogenannte Außenseiter-Kunst über Jahrzehnte in Berlin entwickelt hat.

Picasso - von Außenseiter-Kunst inspiriert

Angefangen hat alles in München, wo die in Schweden aufgewachsene von Gersdorff-Bultmann Kunst studiert hat. Weiter ging es ins wilde Berlin der 70er Jahre, da gab es viel zu protestieren. Dann erkannte die Künstlerin, dass sie einen Brotjob erlernen muss, um Geld zu verdienen. Also wurde sie Ergotherapeutin, bald darauf leitete sie die Ergotherapie-Abteilung einer Klinik. Mit den Patienten immer nur zu basteln, wie es damals noch üblich war, wurde ihr bald zu wenig. Als sie eine Ausstellung des französischen Künstlers und Sammlers Jean Debuffet sah, der die Arbeiten Behinderter ganz selbstverständlich neben den Bildern berühmter Künstler ausstellte, "da merkte ich, wer hier von wem sich hat inspirieren lassen".

Soll heißen: Picasso hat von Außenseiter-Künstlern abgemalt - und nicht umgekehrt. Oder sich zumindest von der sehr ursprünglichen Kraft dieser oft inselbegabten Künstler beeinflussen lassen.

Da wusste von Gersdorff-Bultmann: Das muss ich auch machen. Psychisch Erkrankte und geistig Behinderte in ihren kreativen Fähigkeiten fördern. Die Ausstellungen waren von Anfang an erfolgreich - und so wurde ihr das Projekt am Ende geradezu aus den Händen gerissen. "Das war ein tolles Gefühl", sagt sie heute.

Fortan konzentrierte sie sich auf die Galerie, die es aufzubauen galt. 2008 eröffnete Art Cru, unterstützt von einem eigens dafür gegründeten Verein, dem 21 sozial tätige Vereine als Mitglieder angehören.