Ostern 2015 Warum beten nicht vergebens ist

A Christian worshipper take part in a prayer after a procession in the Church of the Holy Sepulchre on Good Friday, during Holy Week in Jerusalem's Old City A Christian worshipper take part in a prayer after a procession in the Church of the Holy Sepulchre on Good Friday, during Holy Week in Jerusalem's Old City April 3, 2015. Holy Week is celebrated in many Christian traditions during the week before Easter. REUTERS/Amir Cohen

(Foto: REUTERS)

Erstaunlich viele Menschen bekennen sich zum Gebet - und schämen sich dafür. Zu Unrecht, denn das Zwiegespräch mit Gott hilft selbst dann, wenn man nicht an ihn glaubt.

Kommentar von Heribert Prantl

Manchmal scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, manchmal gibt es wirklich keinen mehr. Manchmal scheint alles verloren zu sein, manchmal ist wirklich alles verloren. Manchmal gibt es nichts mehr, was Rettung bringt oder wenigstens Zuversicht: keinen Aufschub, keinen Ausweg, keine Flucht und keine Fristung; es gibt nur das echt oder vermeintlich Unabänderliche: kein Ostern, nirgendwo; keine Auferstehung, kein Halleluja.

Manchmal schlägt diese Erkenntnis ein wie ein Blitz; manchmal schleicht sie sich an wie ein Dieb. Manchmal quält die Schärfe dieser Erkenntnis nur einen einzelnen Menschen, kaum ein anderer kann dessen Ausweglosigkeit nachempfinden. Manchmal ist es kein Einzelner, sondern eine große Gefahrengemeinschaft, die ihr Verlorensein spürt.

Krankheiten und Katastrophen können eingebildet sein oder furchtbar real; und je nachdem kann der Spruch "Da hilft nur beten" eine kleine, gar spöttische Ermunterung sein, die ein ironisch trainiertes Bewusstsein kitzelt - oder aber ein schicksalsschwerer und verzweiflungsnaher Satz, der ein Wunder beschwört. "Not lehrt beten", heißt ein Spruch, in dem sich Geschichte und Welterfahrung spiegeln.

Das Gebet ist lebendiger als die Kirchen, die es lehren

Heiliger geht's nicht

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Beten Sie? Mit kaum einer anderen Frage kann man Menschen so irritieren. Die Frage ist peinlich, die Antwort ist peinlich; es offenbart sich in dieser sprachlosen Peinlichkeit so etwas wie eine transzendentale Obdachlosigkeit. Beten gilt als kindlich und kindisch - weil das Gebet meist die erste frühe Begegnung mit dem Glauben war. Und doch sind die frommen Verse, die einem die Oma als Abendgebet gelehrt hat, auf zarte Weise vertraut geblieben. Oft ist Beten daher auch das Letzte, was Menschen in ihrem Leben tun. Alpha und Omega.

Beten Sie? Die Frage gilt als Zumutung, die gestammelte Antwort ist meist auch eine - weil der Beter weiß, dass Beten ohne einen Rest von kindlichem Urvertrauen nicht funktioniert. Beten ist reden mit Gott, mit einem Wesen also, das nicht antwortet. Das ist naiv, das ist seltsam, das ist suspekt, das gilt als ein Überbleibsel der alten und unaufgeklärten Zeiten in einer säkularisierten Welt. Ist das wirklich so? Ist Beten praktizierte Unvernunft?

"Willst du hören von Liebe und Tod" - so beginnt der mittelalterliche Roman von Tristan und Isolde. Liebe und Tod: In diesen Worten spiegeln sich das Menschenleben, seine Wunder, seine Not, sein Glück und Schmerz. Die Gebete der Menschen kreisen seit jeher darum: Liebe, Tod, Erbarmen. Beten hat mit Grenzerfahrungen zu tun.

Was bedeutet Beten heute?

Viele Menschen beten - trotzdem sind sie nicht immer gläubig. Für manche ist der Akt eine Art Therapie. Sie schöpfen Kraft aus dem Gebet. Wie weit hat sich das Ritual von seinen Ursprüngen entfernt? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum