Mehr als tausend Deutsche sterben jedes Jahr, weil sie nicht früh genug ein Spenderorgan erhalten. Dabei sind in Deutschland offenbar mehr Menschen bereit, nach ihrem Tod Organe zur Verfügung zu stellen, als häufig angenommen.
Die Deutschen sind nicht großzügig genug. Das ist ein häufiger Vorwurf an die Menschen in der Bundesrepublik, die auch nach ihrem Tod noch ihre inneren Organe behalten wollen, anstatt sie einem kranken Bedürftigen zu spenden.
Organspendeausweis (© Foto: dpa)
Anzeige
Die Wahrheit aber ist: Die Deutschen sind der Organspende grundsätzlich nicht abgeneigt. Mehr als 60 Prozent von ihnen stimmen einer Entnahme prinzipiell zu, und auch die Angehörigen der Toten am Sterbebett geben meist ihr Placet. Man muss sie nur auf die richtige Weise ansprechen.
Eben hier gibt es aber Defizite: Viel zu selten bemühen sich Ärzte engagiert und kompetent um die Organe potenzieller Spender. Etwa in der Hälfte aller Krankenhäuser fragen die Mediziner erst gar nicht nach, wenn ein Patient verstorben ist.
Dabei wären sie nach dem Transplantationsgesetz sogar dazu verpflichtet, potenzielle Organspender der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zu melden.
Dieses Manko ist seit Jahren bekannt, und es wird auch regelmäßig moniert, wenn es darum geht, dass in Deutschland viel zu viele Menschen auf der Warteliste sterben, weil sie nicht schnell genug ein Organ bekommen: Mehr als tausend sind es jedes Jahr.
Der Tod auf der Warteliste
Dabei ließe sich der Tod auf der Warteliste oft abwenden - wenn die Zuständigen mehr Engagement zeigten.
Eingängig belegen das zwei Projekte - eines aus Bayern und eines aus den USA, in deren Folge die Zahl der Organspenden deutlich anstieg. Beide Initiativen wurden auf der Tagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft vorgestellt, die bis zum Wochenende in München stattfand.
"Sogar unter den Universitätskliniken und Transplantationszentren gibt es welche, die im ganzen Jahr nur einen einzigen Spender melden", beklagte Detlef Bösebeck, Geschäftsführender Arzt der DSO für die Region Bayern.
Als Bösebeck seinen Job antrat, wollte er das nicht mehr mit ansehen und dachte sich ein neues Konzept zur Steigerung der Organspende aus. Es mag daran liegen, dass Bösebeck nicht nur Arzt ist, sondern auch Gesundheitsökonom.
Jedenfalls führte er den Begriff "Prozessmanagement" in seine Bemühungen um Organspender ein und begann sich gezielt um die meldefaulen Krankenhäuser zu bemühen.
"Es gibt zwei Typen davon", berichtete der Mediziner in München. "Manche dieser Kliniken wollen gerne Organspender melden, können es aber nicht. Denen muss man helfen. Andere Kliniken können, aber wollen nicht. Die muss man überzeugen."
Eben das hat Bösebeck mit seinem Team von Transplantations-Koordinatoren bei zahlreichen Besuchen in Bayerns Krankenhäusern getan. So gelang es, die Organspenden in dem Bundesland im vergangenen Jahr um 38 Prozent gegenüber den Jahren 1995 bis 2004 zu steigern.
12.000 Menschen warten
Auch wenn es angesichts von 12.000 Menschen auf der Warteliste unglaublich klingt: Ein wichtiger Teil der Arbeit war es, die Ärzte in den Kliniken zu motivieren. Schließlich ist es viel bequemer, nach einem Todesfall das Bestattungsinstitut zu rufen als mit den Angehörigen ein Gespräch über die Verwendung der inneren Organe zu führen.
Hinzu kommt, dass eine Organspende auch eine große logistische Anstrengung ist, und die Kliniken, in denen die Patienten gestorben sind, haben im Gegensatz zu den Transplantationszentren fast nichts davon. "Gerade deshalb sind Aufklärung und Überzeugungsarbeit so wichtig", sagt Bösebeck.
Wie sehr es letztlich auf die Initiative der Ärzte ankommt, zeigte auch der Deutsch-Amerikaner Hans Sollinger. Der Chirurg, der in München studiert hat und inzwischen ein großes Transplantationszentrum an der University of Wisconsin leitet, ist Pionier auf dem Gebiet der Bauchspeicheldrüsenchirurgie.
In den USA setzt er sich seit Jahren dafür ein, die Zahl der Organspender zu erhöhen - mit beachtlichem Erfolg. Allerdings hat der Deutsche, der seit mehr als 30 Jahren in den USA lebt, auch einen mächtigen Helfer: Tommy Thompson, bis zum vergangenen Jahr Gesundheitsminister der USA.
"So einen wie Thompson braucht man", sagte Sollinger in München und appellierte an seine deutschen Kollegen, sich ebenfalls einen Verbündeten unter den Mächtigen des Landes zu suchen.
Mit Hilfe von Bundesmitteln wurden USA-weit großformatige Anzeigen geschaltet, das Thema Organspende wurde in den Unterricht für Fahrschüler eingebaut, und die Familien der Spender erhielten Ehrenmedaillen.
Besonders setzte die Kampagne aber auf Überzeugungsarbeit in jenen Kliniken, die sich zuvor nicht in der Organspende engagiert hatten - ähnlich wie dies Bösebeck in Bayern tat. Wenn die Ärzte gut informiert sind, lehnen die Angehörigen nur selten die Organspende ab, sagt Sollinger.
Und in der Tat: Seit Januar 2004 meldet die Kampagne einen Rekord nach dem anderen. Kontinuierlich wird in den USA seither in jedem Monat eine höhere Zahl von Organspenden erreicht als im entsprechenden Monat des Vorjahres. "Man muss eben mit den Leuten reden", sagt Sollinger.
Derart begeistert von den aussichtreichen Zahlen, kann offenbar auch einem abgebrühten Mediziner schon mal die Relation verlorengehen: "Leider kann es auch immer mal passieren", sagte Hans Sollinger in München, "dass das Krankenhaus in letzter Minute anruft und sagt: Schade, dem Patienten geht es jetzt doch besser."
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 24.10.2006)