Optimale Kinderbetreuung Kinder brauchen Zeit, keinen Luxus

Einige exklusive Betreuungsstätten werben mit stilvollen Altbau-Villen, französischen Kindermöbeln, Bewegungslounges und Balletträumen. Brauchen Kinder so etwas für eine optimale Betreuung?

Das brauchen eher die Eltern. Solche utopischen Vorstellungen haben nichts mit der realen Welt zu tun, in den Schulen finden sie so was später ja auch nicht. Sicher, man benötigt gute Räumlichkeiten, aber vor allem benötigen wir Profis, die Zeit haben, die Kleinen kompetent zu begleiten. Kinder brauchen keine Villen, sondern Orte, in denen sie experimentieren und Erfahrungen machen können. Keine Räume, in denen sie etwas ganz Besonderes erleben, sondern in denen sie sich wohlfühlen. Wir dürfen die frühkindliche Bildung nicht den Gutverdienenden überlassen. Es muss die Kita, den Kindergarten für alle geben.

Kinder brauchen einen Ort zum Experimentieren, keine Luxusmöbel, findet Ilse Wehrmann.

(Foto: Anja Greiner Adam - Fotolia)

Manche Krippen bieten neben einer bilingualen Erziehung auch Ballettunterricht, Einzelunterricht in Klavier und Geige, Kinderyoga und sogar Benimm-Unterricht. Ist qualifizierte Betreuung immer umso besser, je ausgefallener und teurer sie ist?

Ich halte von solchen überzogenen Angeboten nichts. Sinnvoller ist es, wenn man eine gute Pädagogik macht, an der alle teilhaben können. Jedes Kind hat einen Anspruch auf einen Bildungsplan. Wenn wir die Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben, haben wir schon sehr viel für Kinder getan.

In vielen privaten Kindertagesstätten sind biologische Menüs unter Berücksichtigung individueller Essgewohnheiten eine Selbstverständlichkeit. Sollte gesunde Ernährung nicht auch Teil der frühkindlichen Bildung sein, auf den alle Kinder ein Recht haben?

Absolut! Essen und Trinken ist ein Lebensgenuss, es muss ja kein Drei-Sterne-Menü sein. Ich bin dringend dafür, dass in den Kitas gekocht wird, unter ernährungswissenschaftlichen und biologischen Gesichtspunkten. Wir haben Kinder mit Allergien und zusätzlichen Diäten, von daher halte ich es für wichtig, sie nicht an Kantinenessen zu gewöhnen. Die Kinder sollten unbedingt teilhaben an der Zubereitung, aber auch lernen, wie der Tisch gedeckt wird - das kann man in den Einrichtungen in Italien besonders gut sehen.

Ist das denn finanziell drin?

Warum begegnet uns bei Kindern immer gleich die Frage nach dem Geld und nicht nach den Inhalten? Das stört mich. Fehlernährung zu vermeiden, ist ja auch gesundheitliche Prävention. Wir denken in dieser Hinsicht nicht nachhaltig genug.

Immer wieder beklagen Lehrer, dass sie mit Erziehungsarbeit beschäftigt sind, statt mit der Vermittlung des Stoffs. Bleibt die soziale Kompetenz zugunsten der leistungsorientierten Erziehung auf der Strecke?

Das eine muss das andere nicht ausschließen. Ich glaube, dass viele Eltern selber den Druck spüren und deshalb meinen, sie müssten die Startchancen der Kinder erhöhen, indem sie solche zusätzlichen Angebote finanzieren. Wichtiger ist es, Zeit für sie zu haben. Damit stärken sie auch ihre seelische Widerstandsfähigkeit. Kinder müssen vorbereitet werden auf Übergänge, und das werden sie nicht, indem man ihnen Ballett und Geigenunterricht ermöglicht. Das können sie noch früh genug wahrnehmen.

Was ist mit denen, die frühkindlicher Förderung am meisten bedürfen, weil sie sie in ihrem privaten Umfeld nicht erhalten?

Dass wir gerade Kindern mit Migrationshintergrund und aus sozial benachteiligten Familien zu wenige Startchancen geben, halte ich für eines der größten Probleme. So nehmen zum Beispiel gerade die Krippen nur Kinder von berufstätigen Eltern, damit haben wir später in den Kindergärten schon eine besonders geförderte Gruppe - wobei die Kindergärten meiner Meinung nach gar nicht vorbereitet sind auf derart kompetente Kinder. Wenn wir die Kinder bereits am Anfang spalten, dann setzen wir die falschen Akzente und spalten am Ende die Gesellschaft.

Wie wollen Sie das verhindern?

Ich denke dabei zum Beispiel an eine Kindergartenpflicht und eine Krippenpflicht für Kinder ab zwei. Wir haben keinen anderen Rohstoff als die Bildung unserer Kinder. Alles, was wir hier versäumen, holen wir mühsam mit Integrationsmaßnahmen nach, deshalb plädiere ich dafür, früh zu investieren - statt spät zu reparieren.

Sind Sie optimistisch, dass wir das hinbekommen - jetzt, wo die Regierung das Betreuungsgeld durchgesetzt hat?

Ich glaube, dass wir durch die Diskussion um den Rechtsanspruch vor einer neuen Entwicklung stehen und dass es im Wahlkampf zum Thema wird. Ich denke, dass wir die Qualitätsstandards und deren Finanzierung anders in den Blick nehmen. Eine Krippen- oder Kindergartenpflicht würde der Rabenmutterdiskussion ein Ende bereiten. Außerdem müssten für alle Kinder Betreuungsplätze geschaffen werden, niemand würde leer ausgehen - die Finanzierungsfrage wäre damit geklärt, da sie dann auf Bundesebene geregelt wird. Ich möchte an dieser Stelle aber festhalten, dass eine Krippen- oder Kindergartenpflicht nur in guten Kindertageseinrichtungen mit einheitlichen Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards vorstellbar ist. In der jetzigen Situation ist eine Krippen- oder Kindergartenpflicht nicht zu verantworten. Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Solidarität für eine Krippen- und eine Kindergartenrevolution. Hier ist es nicht nur mit Pflästerchen getan - es muss eine größere Operation vorgenommen werden.