Opfer des Nationalsozialismus Neuköllns Stolpersteine kehren zurück

Die 16 Stolpersteine, die in Neukölln dieser Tage verlegt werden, bekommen ein Betonfundament.

(Foto: dpa)
  • Im Berliner Stadtteil Neukölln haben Unbekannte 16 Stolpersteine aus dem Boden gebrochen.
  • Politik und Polizei gehen von einem rechten Motiv aus. Die Täter konnten allerdings bislang nicht ermittelt werden.
  • Der Künstler, der die Stolpersteine seit 20 Jahren verlegt, berichtet, dass immer wieder Steine gewaltsam entwendet werden.
Von Verena Mayer, Berlin

An den Widerstandskämpfer Stanislaw Kubicki kann man sich in Berlin beim Vorübergehen erinnern. Eine kleine, goldfarbene Plakette mit seinem Namen wird vor dem Haus im Bezirk Neukölln befestigt, in dem der Mann lebte, bevor er sich in Polen der Widerstandsbewegung anschloss und 1941 ermordet wurde. Jetzt liegt hier einer von vielen Stolpersteinen, die auf Bürgersteigen in Deutschland an die Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Wieder, muss man sagen.

Es ist schon das zweite Mal, dass an diesem Montag der Gedenkstein in den Boden eingelassen wurde. Denn der erste Stolperstein für Stanislaw Kubicki war gestohlen worden, vier Wochen lang klaffte auf dem Gehweg ein Loch. Und es war nicht der einzige Stolperstein, der entfernt wurde. Insgesamt verschwanden in den Straßen rundherum 16 Stück. Sie wurden gewaltsam herausgebrochen und entsorgt.

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650 Steine sind in den letzten 20 Jahren entfernt worden

Es ist unklar, wer die Steine hat und wo sie jetzt sind. Die Polizei hat sogar schon Taucher in einem nahe gelegenen Gewässer suchen lassen, vergeblich. Und die 16 gestohlenen Steine sind kein Einzelfall. Der Künstler Gunter Demnig, der die quadratischen Messingtafeln vor den Häusern der Vertriebenen und Ermordeten verlegt, sagt, dass immer wieder Steine herausgerissen werden, 650 waren es, seit er mit dem Projekt vor zwanzig Jahren begann. "Das sind immer gezielte Attacken", sagt Demnig, die Täter seien meistens Rechtsextreme.

So wurden einmal in Greifswald an einem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, elf Stolpersteine gestohlen, später fand sich im Internet eine Seite, auf der stand "Greifswald - stolpersteinfreie Zone". Neun Steine seien in Duisburg verschwunden, erzählt Demnig, einmal wurden im Darmstädter Raum vier Steine gewaltsam entfernt. Einer davon fand sich später wieder: Mit ihm war die Scheibe eines Jugendzentrums eingeschlagen worden, in dem es eine kritische Ausstellung über die rechte Szene gab.

Der Stadtteil Britz in Neukölln, aus dem die 16 Stolpersteine verschwanden, ist eigentlich eine bürgerliche Gegend. Die Hufeisensiedlung ist hier, eine historische Anlage aus kleinen Häusern mit Garten davor, viele junge Familien leben in dieser Gegend. Doch es gebe in diesem Teil der Hauptstadt auch eine aktive rechte Szene, sagt Cornelia Seiberl vom Bündnis Neukölln, einer Plattform, die von Gewerkschaften und Parteien getragen wird, um Rechtsextremismus zu bekämpfen.

Sie vermutet, dass die Tat auch in diesem Fall rechtsmotiviert war. Die Steine seien kurz vor dem 9. November verschwunden, jenem Tag, an dem die Stolpersteine traditionell geputzt werden, Anwohner Blumen und Kerzen für die Opfer der Pogromnacht danebenlegen. Auffällig sei zudem, dass in Neukölln nur Steine herausgebrochen wurden, die an linke Widerstandskämpfer erinnern. Auch die Berliner Polizei geht von einem politischen Motiv aus.

Die fehlenden Stolpersteine fallen im Viertel auf

Karol Kubicki, der 91-jährige Sohn des Widerstandskämpfers Stanislaw Kubicki, ist dabei, als der neue Stein für seinen Vater verlegt wird, alle 16 Gedenkplaketten werden dieser Tage nach und nach erneuert. Es sind sehr viele Leute gekommen, Anwohner, Schüler, die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin. Kubicki erzählt, dass die Leute sofort auf das Loch im Boden reagiert hätten, das da wie eine offene Wunde im Straßenbild klaffte. Eine Nachbarschaftsinitiative stellte eine erklärende Tafel daneben, in Neukölln wurden Spenden gesammelt, um die Steine zu ersetzen.

Das sei die schöne Kehrseite des Versuchs "die Erinnerung an die Geschichte zu vermeiden", sagt Gunter Demnig. Auf jeden fehlenden Stolperstein würden sofort unzählige Menschen kommen, die sich engagieren, Spenden sammeln, "die Erinnerungskultur hochhalten". Nach dem Diebstahl 2013 in Greifswald hatte er innerhalb von zwei Stunden so viel Geld, dass er 36 Steine verlegen konnte. "Für die Täter ging das nach hinten los." Auch in Neukölln kam viel Geld zusammen, so viel, dass damit sogar ein Fonds finanziert werden kann, der Schulklassen unterstützt, wenn sie in ihrer Umgebung über vertriebene jüdische Anwohner recherchieren oder einen Stolperstein verlegen wollen.

Am Ende also liegt der Stein für Stanislaw Kubicki wieder glänzend und wie neu an seinem alten Platz. Nur eines ist diesmal anders: Die Neuköllner Stolpersteine werden in ein besonders solides Betonfundament gegossen.

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