Oligarchen-Ehen Dein ist mein ganzer Nerz

Warum Society-Lady und Millionärs-Gattin Tatjana Ogorodnikowa junge Russinnen vor einem Leben mit reichen Männern warnt.

Von Cathrin Kahlweit

Der erste Eindruck passt zum Klischee. Echtes Fell an der sehr teuren Jacke. Modelfigur mit geschätzten 1,75 Meter bei maximal 50 Kilo Körpergewicht auf Lederstiefeln mit sehr hohen Absätzen. Perlweiße Zähne. Perfekt manikürte Fingernägel. Zwischen den Fingern eine superdünne Zigarette der Marke Vogue. Gestatten: Tatjana Ogorodnikowa, überaus attraktive Gattin eines schwerreichen russischen Geschäftsmanns, des Oligarchen Leonid Ogorodnikow, der mit Kinos viele Millionen Dollar gemacht hat. Die 44-Jährige wohnt, wo sonst, in Moskau an der Rubljowsker Chaussee, der Lieblingsstraße der Neureichen, an der sich Kitsch und Protz die Hand geben, sie fährt einen Aston Martin, ihre Lieblingssportarten waren - "als ich dafür noch Zeit hatte" - Parachuting, Motorradfahren und Wasserski.

Oligarchen-Gattinnen; Russland; Millionäre

In Ihren Büchern rät Tatjana Ogorodnikowa jungen Frauen, ihren Selbstwert nicht über die Scheckkarte ihres Mannes zu definieren.

(Foto: Foto: SZ)

Die Society-Lady nimmt gewöhnlich nur morgens Nahrung zu sich, springt regelmäßig in ein Eisbad und geht täglich in den privaten Fitnessraum, um schlank und straff zu bleiben. Alt werden wird nicht verziehen in einer Welt, in der Männer noch "echte Männer" zu sein hätten, wie sie ohne jede Ironie anmerkt. Überhaupt müsse sich verdammt anstrengen, wer nicht als verarmte Ex enden wolle, da sich doch nach ihrer Beobachtung viele Superreiche gleich mehrere junge Geliebte halten - und die Scheidungsrate bei etwa 70 Prozent liegt.

Andererseits: Als sie jüngst mit ihrem Gatten aus St. Moritz zurückkehrte, da vermerkte die Komsomolskaja Prawda, die "bekannte Schriftstellerin" sei mit ihrem Gatten unterwegs. Tatjana Ogorodnikowa ist also mehr als nur Gattin und Mutter dreier Kinder. "Mein Mann hatte lange Mühe mit meiner Rolle", sagt sie, "er hat sich dafür geschämt. Erst seit ich Erfolg habe, akzeptiert er, was ich tue."

Frau Ogorodnikowa, Bestseller-Autorin, Musical-Producerin, Betreiberin einer Consultingfirma für Familienfragen, Radio-Moderatorin, ist nämlich eine Warnerin. Sie warnt russische Mädchen davor, sich reichen Männern an den Hals zu werfen auf der Jagd nach Geld und Sicherheit - "das grenzt oft an Prostitution und ist allzu oft ein schlechtes Geschäft". Und dann betont sie eilig, dass sie ihren Mann kennen und lieben lernte, als dieser noch kein Oligarch war, sondern auf einer Ausstellung den Stand neben ihr hatte. Er verkaufte damals Computer, sie war bereits eine erfolgreiche Geschäftsfrau, weil sie als Studentin einen Handel mit handgestrickten Kleidungsstücken aufgezogen hatte. Noch vor dem Ende der Sowjetunion war das und vor der Einführung dessen, was auch in Russland offiziell Marktwirtschaft heißt, tatsächlich aber die große Selbstbereicherungssause einiger weniger und die kollektive Verelendung vieler bedeutet.

Während sie ansonsten mit ihrem Gatten gern auch die Tage in Nizza oder auf einer Yacht im Mittelmeer verbringt, ist sie nun kurz auf Stippvisite in Deutschland. Ein Literaturagent bemüht sich um die Vermarktung ihrer Bücher hierzulande. In ihren Werken plädiert sie für Eheverträge, damit die hübschen Karrieristinnen, die sich einen reichen Mann anlachen, nicht nach ein paar Jahren ohne Rechte dastehen, wenn sich der Herr Oligarchengatte eine Jüngere nimmt.

Die Welt ist ziemlich einfach strukturiert und auch ziemlich gruselig, wenn Tatjana Ogorodnikowa sie beschreibt und wenn man einschlägige Fakten über den Heiratsmarkt in Russland zusammenträgt. Selbstbewusste junge Frauen, die ihr Geld mit der eigenen Hände Arbeit verdienen wollen, kommen da selten vor. Und auch keine Männer, die eine Frau heiraten, weil sie sie lieben und mit ihr alt werden wollen. Stattdessen wimmelt es in Ogorodnikowas Beobachtungen von "Mädchen zwischen 18 und 22, die angeben, jeden Tag Tausende Rubel zu brauchen und denen es egal ist, ob der Mann, der ihnen das Geld gibt, ein Trinker, ein Invalide oder ein Schläger ist". Die Frauen, die sich in den Bars, Lounges und Modenschauen der Reichen präsentierten, um einen guten Fang zu machen, interessierten sich nicht für ihre Zukunft, sagt sie, sondern nur für ihr materielles Hier und Heute.

Bei ihr klingt das, als gebe es die andere Welt nicht, die Welt der normalen Mädchen, die eine Ausbildung machen, auf ein Auto sparen, einen Job und ein Selbstbewusstsein haben. Allerdings lebt Ogorodnikowa auch nicht in der Welt von Durchschnittseinkommen und Durchschnittsträumen. Sie hat mittlerweile Psychologie studiert und beschreibt die russische Frau als Prinzessin im Geiste, die sich am liebsten von einem Pascha aushalten lässt. Dazu hätten, sagt sie sozialkritisch, die neuen Zeiten mit dem schnellen Geld das Ihre beigetragen, und überhaupt sei die Russin keine, die einen Softie, einen Frauenversteher brauche. Ehering, Baby, Konto - basta.

Zahlreiche Agenturen hätten sich in Russland breitgemacht, die junge Frauen regelrecht darauf trainierten, sich einen Millionär zu fangen. "Und dieser Typ Mann", sagt sie, "hat umgekehrt oft keine Lust, Zeit aufzuwenden" für die Suche nach einer neuen Gespielin. "Die wenden sich lieber gleich an Vermittler wie Pjotr Listerman." Tatsächlich: Der legendäre Moskauer Frauen-Promoter brüstet sich damit, fast jede nennenswerte Paarung bei Russlands Reichen und Schönen in den vergangenen 15 Jahren zustande gebracht zu haben. Tatjana Ogorodnikowa erzählt mit erkennbarem Schaudern von Listerman, der Dossiers über alle interessanten Männer Moskaus führe und die Mädchen regelrecht coache, wenn sie sich an ihr Opfer heranmachten. Das kostet, und die Mädchen selbst haben ja kein Geld, aber Listerman verdiene auf der anderen Seite, bei den Bestellungen der Oligarchen, sagt die Autorin. Und merkt dann schockiert an: "Der Mann verkauft Fleisch."

Auch der Zuhörer schaudert bei ihren Berichten, denen sie weitere schaurig-schöne Details zufügt: So gebe es Agenturen, die ihren Mädchen neben Fakten über das Opfer ihrer Begierde auch Unterricht in Schauspiel, Hypnose und Psychologie gäben - Training für die richtige Ansprache und Anleitung über Funk beim ersten Treffen inklusive.