Ohne Vater aufwachsen Man sieht mir meinen Makel nicht an

Die Enttäuschung war groß, als ich ihn mit fast 40 endlich traf. Er trat mir noch distanzierter entgegen, als ich vermutet hatte. Unsere Begegnung war ein bühnenreifes Theaterstück. Doch sein Nein zu mir war unumstößlich. Zeitgleich mit der Suche nach ihm nahm ich Kontakt zu meinen Geschwistern auf. Als ich meinen Halbbruder kennenlernte, der ein Abziehbild meines Vaters ist, hatte ich das Gefühl, endlich habe ich jemanden Starken an meiner Seite, ein Gefühl von Familie. Manchmal denke ich heute noch, dass es sicher etwas geheilt hätte, wenn ich meinem Vater unter anderen Umständen begegnet wäre.

Man sieht mir meinen Makel nicht an. Aber er sitzt wie ein Stachel unter der Haut. Er ist wie eine Wunde, die zeitlebens blutet. Es ist das Gefühl, betrogen worden zu sein, um die innige, warme Liebe eines Vaters. Einen den man umarmen kann. Bedingungslose Liebe und geliebt werden. Diese Sehnsucht bleibt. Und sicher auch die mangelnde Identifikation mit der männlichen Rolle.

Mit 17, 18 Jahren hatte ich immer noch keine innere Stabilität. Lange bin ich zur falschen Zeit an die falschen Leute geraten. Ich musste erst lernen, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Dreimal habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen.

Ich klebte damals an meiner Mutter wie eine Klette und vergaß, mich selbst zu entdecken. Mitten in der Pubertät war ich völlig neben der Spur. 1987 durfte meine Mutter in den Westen ausreisen. Ich blieb allein in Ostberlin. Bei mir blieb hängen: Ich war weder meinem Vater noch meiner Mutter wichtig genug, dass sie bei mir blieben. Bei mir hinterließ das das Gefühl, von niemanden gewollt zu sein. In dieser Zeit stürzte ich ab, wechselte meine Jobs wie andere ihre Unterwäsche, hatte Todessehnsucht und alle Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, ohne dieses Wort zu kennen.

Ein halbes Jahr vor der Wende bekam ich meine Papiere. Aber auch in Westberlin war ich haltlos und begriff das Potenzial der Freiheit nicht. Als andere schon ihren Arzttitel in der Tasche hatten, mit Ende 20, verschlang ich Lebenshilfebücher, die noch heute meine Regale füllen. Nur: Die Motivation sie zu lesen, war damals falsch. Es ging mir immer um Selbstoptimierung. Das grundlegende Gefühl war, dass etwas mit mir nicht stimmt. Der Gedanke: Ich habe eine Macke, wieso bekommen alle anderen das Leben hin und ich nicht? Und dann wurde ich selbst Mutter. Die Ehe scheiterte aber nach zehn Jahren.