Öko-Ratgeber Einmal Outdoor-Jacke ohne Chemie, bitte!

Eine Outdoorjacke begleitet Unternehmungen - vor allem in schlechten Wetterlagen.

(Foto: imago; Collage Jessy Asmus)

Viele Outdoor-Ausstatter werben mit Naturverbundenheit, dabei stecken in wetterfester Kleidung oft umweltschädliche Stoffe. Wie schlimm ist das? Und geht es auch anders? Zweite Folge unserer Öko-Serie.

Von Esther Widmann

Gibt es ökologisch unbedenkliche Outdoorjacken? Wie oft sollte man sich einen neuen Kühlschrank kaufen? Und welche Verpackung ist besser, Glas oder Plastik? Wer nach der umweltfreundlichsten Lösung für ein Alltagsproblem sucht, steht schnell vor einem Berg teils widersprüchlicher Informationen. Die gute Nachricht: Unsere Autorin Esther Widmann übernimmt jetzt die Recherche für Sie. In der zweiten Folge geht es um Regenkleidung.

Outdoorausstatter werben gerne mit Menschen, die beseelt durch unberührte Landschaften wandern. Sie leben vom Image der Naturverbundenheit. Gleichzeitig setzen sie eine Menge Chemikalien ein, um ihre Kleidung wetterfest zu bekommen. Muss das sein?

Nicht unbedingt. Zuallererst sollte sich der Verbraucher die Frage stellen, wofür er die Jacke braucht. Die Werbung verführt natürlich dazu, sich die ölabweisende Jacke mit der 20 000 mm-Wassersäule "für extremste Bedingungen" zuzulegen - auch wenn man eigentlich nur trocken durch die Fußgängerzone kommen möchte.

Manche Menschen steigen aber doch gelegentlich auf einen Berg!

Wer oft wandern - nicht zu verwechseln spazieren - geht und vor allem, wer auch mal längere Touren macht, braucht einen ordentlichen Regenschutz. Schauen wir uns die Jacke also genauer an. Zwei Schichten machen sie wasserfest: Die Imprägnierung lässt das Wasser abperlen und verhindert, dass der Stoff sich mit Wasser vollsaugt. Und die sogenannte Membran, eine zweite Schicht unter dem Oberstoff, soll zwar Schweiß als Wasserdampf nach außen, aber kein Regenwasser nach innen lassen. In beiden Schichten setzen die Hersteller Chemikalien ein, oft sind es Perfluorcarbone, kurz PFC. (Wir werden uns bemühen, die Buchstabenkombinationen auf ein Minimum zu begrenzen, aber ganz ohne geht es bei diesem Thema leider nicht.)

Eine dieser PFC kennt jeder: Polytetrafluorethylen (PTFE) steckt unter dem Markennamen Teflon in Bratpfannen und als GoreTex in Jacken oder Schuhen. Wer schon mal eine Teflon-Pfanne benutzt hat, weiß: Wasser und Öl perlen an der Oberfläche einfach ab. Und genau deshalb kommen PTFE und andere PFC auch in Outdoorkleidung zum Einsatz.

Und das ist schlimm, weil ...?

Sowohl bei der Herstellung als auch später beim Waschen können die PFC ins Wasser gelangen und damit in die Umwelt. Und dort bleiben sie auch, denn diese Chemikalien sind persistent, bauen sich also in der Umwelt nicht ab. Und sie sind bioakkumulativ, das heißt, sie reichern sich im Gewebe von Lebewesen an. Sie lassen sich überall auf der Erde nachweisen: in den Alpen, in der Arktis, in der Leber von Eisbären. Wir alle tragen PFC im Blut, weil wir es über die Nahrung aufnehmen. Deshalb findet es sich auch in Muttermilch.

Aber wenn sie wirklich so gefährlich sind, sollten dann nicht die Behörden etwas tun?

Eine PFC hat die EU bereits fast vollständig verboten: Perfluoroktansulfonsäure, kurz PFOS, das jahrzehntelang in dem Imprägniermittel Scotchgard enthalten war. Einige andere stehen auf der europäischen Liste bedenklicher Chemikalien, zum Beispiel Perfluoractansäure (PFOA), die bis 2013 in der Herstellung von Gore-Tex-Produkten zum Einsatz kam. Norwegen hat im Jahr 2014 PFOA in Verbraucherprodukten verboten. Ab 2020 darf PFOA in der gesamten EU in den meisten Produkten nicht mehr eingesetzt werden.

Und wie reagieren die Hersteller auf diese Verbote?

PFOS und PFOA sind beide sogenannte C8, das heißt, das Molekül besitzt eine Kette von acht Kohlenstoffatomen. Einige Hersteller von regenfester Kleidung sind auf kürzerkettige PFC, auf C6, umgestiegen. Das Umweltbundesamt sieht das aber sehr kritisch, da über die Giftigkeit dieser Stoffe noch wenig bekannt ist. Schon jetzt ist klar, dass C6 ebenfalls in der Umwelt bleiben und nicht abgebaut werden. Und weil die Moleküle so klein sind, lassen sie sich, anders als C8, nicht mit Aktivkohle aus dem Trinkwasser herausfiltern.

Wann ist es Zeit für einen neuen Kühlschrank?

Was ist ökologisch sinnvoller: Den alten klapprigen behalten, bis er den Geist aufgibt oder ein stromsparendes Modell kaufen? Und was gilt für Waschmaschinen und Laptops? Erste Folge der neuen Öko-Serie. Von Esther Widmann mehr ...

Was ist mit GoreTex - hieß es nicht kürzlich, das sei jetzt viel umweltfreundlicher als früher?

Im Februar 2017 feierte Greenpeace als großen Erfolg, dass der Hersteller Gore Fabrics ab 2020 auf "gefährliche PFC" verzichten will. In den Medien hieß es dann ziemlich durchgängig, Gore werde PFC-frei. Das stimmt aber nicht: Sie werden lediglich sicherstellen, dass PTFE und andere PFC nicht in die Umwelt gelangen können. Das Umweltbundesamt bestätigt zwar, dass von PTFE an sich keine Gesundheitsgefahr für den Menschen ausgeht - die Moleküle sind einfach zu groß, als dass ein Organismus sie aufnehmen könnte. Aber es bleibt ein schlecht abbaubarer Kunststoff, aus dem während der Zersetzung irgendwann dann doch mal Chemikalien austreten können, die in der Umwelt nichts zu suchen haben. Und welche anderen Ersatzprodukte sie verwenden werden, ist auch noch nicht klar. Deshalb sagen sowohl Greenpeace als auch das Umweltbundesamt, dass es besser wäre, wenn Gore und die anderen Hersteller ganz auf fluorierte Chemikalien verzichten würden (zumindest bei Regenjacken, wo sie im Gegensatz zur Medizintechnik nicht unbedingt notwendig sind).